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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Zwinker, Herzchen, Eimerfrage

»Wir Kapitalisten« meint hier: Wir alle – eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn
Von Glenn Jäger
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Ob man mit denen chatten kann? »Two Workers« von Duane Hanson, 1993

Mitte März musste die Ausstellung »Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo« in der Bonner Bundeskunsthalle nach zwei Tagen geschlossen werden, nun ist sie wieder offen. Verhandelt werden Themen wie Rationalisierung, Individualisierung, Akkumulation, Zeit und Geld, Verschwendung, Religion, Kunst oder schöpferische Krisen. Gefragt wird, wie die Gesellschaftsordnung »unser Denken, Fühlen und Dasein« prägt. Flankiert von Audio- und Videomaterial, werden etwa 250 Exponate gezeigt, das geht von der Figur einer Kaufmannsfrau über Zahlungsmittel bis zu einem frühen Handy von Angela Merkel.

Während der Coronapause führten Wolfger Stumpfe und Henriette Pleiger online durch die von ihnen kuratierte Ausstellung. Zur Eigentumsfrage hieß es da: »Schon im Sandkasten wissen wir: Dieser Eimer gehört mir und der andere gehört jemand anderem. Im Sandkasten ist das noch relativ einfach.« Komplizierter sei es bei Ressourcen wie Wasser, Sand oder Sonne, bei Fragen des Allgemeinguts. Was würde die Ausstellung dazu hergeben?

Es sei »einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus«, wird der Kulturwissenschaftler Mark Fisher eingangs zitiert. In »weniger privilegierten Gegenden dieser Welt«, ergänzte Kurator Stumpfe im SWR, »könnten sich die Leute sehr viel besser das Ende des Kapitalismus vorstellen«. Gegenfrage: Was ist mit jenen gut 60 Prozent in Italien und Spanien, die laut Wallstreet online (Januar 2020) »den Kapitalismus ablehnen«? Oder mit den 55 Prozent in Deutschland, die »den Kapitalismus kritisch« sehen (Großbritannien: 53 Prozent)? Hier meint »Wir Kapitalisten«: wir alle.

Staunen lässt ein an der Humboldt-Universität entwickeltes »Kapitalismusgame«. Mit einer Art Handy kann man beim Rundgang mit historischen Figuren chatten. Dafür braucht man »Kapital«, zu erspielen an einem Automaten: »Lächle in die Kamera und verdiene damit die Ego-Währung.« Den »Buzzer« gedrückt, erspiele ich mir 136.583 »Egos«. Schon bald chatte ich mit »Maschinen-Maria« aus dem Film »Metropolis« von Fritz Lang. »Wie findest Du mich?«, fragt sie, zwinkert, Smiley mit Herzchen … So vorgewarnt, chatte ich gleich mit Karl Marx: Gruß von »Kumpel Friedrich«, ich solle »mal das ›Kommunistische Manifest‹« lesen. Darauf lässt sich wischen: »Karl, du bist echt ein krasser Freak.« Oder: »Man marx oder man marx nicht.« Zugegeben, in der Museumspädagogik hat sich einiges getan, aber ob es so weit kommen musste?

Doch sieh an: »Bourgeoisie«, das ist »die herrschende soziale Klasse«, die, »für die du dich jeden Tag langmachst«. Ein Klick geht noch: Ich solle »die Verhältnisse hinterfragen«, global besitze »das reichste Prozent der Menschen so viel wie die 87 ärmeren Prozent«. Mich tröstet der Gedanke: Gehen hier doch noch Schulklassen durch, so mögen aus harmlosen Chats echte Freundschaften werden. Dagegen spricht, dass sie Marx in den Chatroom verbannen: Widerspruch im virtuellen Raum, wo es keinem wehtut.

Zwischen den Exponaten, präsentiert auf baumarktartigen Regalen, finde ich keine Hinweise auf die Thyssens und Krupps, die Klattens und Quandts, die Oetkers und Hopps. Oder auf den Alltag jener, die sich an der Kasse, in der Pflege, der Reinigung, der Paketzustellung, am Band oder sonstwo verdingen. Dafür zwei lebensgroße Arbeiterfiguren, Bohrmaschine, Leiter, Punkt. Ich vergaß zu prüfen, ob man mit ihnen chatten kann.

Ein Verdacht: Wenn es ein Fortschritt ist, dass Kapitalismus als Begriff wieder geläufig ist, will man dann hier ideologisch gegensteuern? Wenn schon von Kapitalismus reden, dann die sozialen Widersprüche einebnen? Oben und unten? Die gegen uns? Wir gegen die? Nein, nur noch »wir«. Aufzeigen ließe sich ja die gewollte Verinnerlichung neoliberaler Werte wie Eigenverantwortung oder Selbstoptimierung. Doch »wir Kapitalisten«? Die »DNA des Kapitalismus« sei »längst Teil unserer eigenen DNA geworden«, so Stumpfe.

Nach dem nächsten Ego-Automaten ein Lichtblick, ein Film zu Landgrabbing. Die Tafel nennt zwar nicht Ross und Reiter, nur »ausländische Investor*innen«. Das Thema lässt sich aber im Katalog vertiefen. Dessen Beiträge über »Sklaverei und Knechtschaft« (Gilles Reckinger) oder »Wohnen im Kapitalismus« (Susanne Heeg) haben sich von der Ausstellung ab, man bleibt hängen, aber wer liest schon den Katalog?

Nächste Frage: Darf, wer von Akkumulation spricht, vom Mehrwert schweigen? Davon, wer ihn sich auf wessen Kosten aneignet? Okay, die Bundeskunsthalle ist keine »Kapital«-Schulungseinrichtung. Doch wie kann eine Schau zur »DNA« des Kapitalismus übersehen, dass er den Krieg in sich trägt »wie die Wolke den Regen« (Jean Jaurès)? Sicherung von Ressourcen, Absatzmärkten, Handelsrouten. Sanktionen, Bombardements, Verelendung, und was das mit den Menschen macht.

Statt dessen wird einem die Niederländische Ostindienkompanie nähergebracht. Auch online fällt das Wort Kolonialismus – rund um Begriffe wie Risikobereitschaft und Abenteurertum. Doch was machten die Raubzüge mit den Kolonisierten? Immerhin: Im Katalog ist von »versklavten Arbeitern« auf Plantagen die Rede.

Der Weg zum Ausgang führt an Bildern von Überfluss vorbei: Kaufrausch, Massentourismus, Stars und Sternchen. Als ich mein Gerät abgebe, gucke ich nicht nach meinen Ego-Punkten. Mir fällt der Sandkasten wieder ein.

»Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo«, noch bis 30. August, Bundeskunsthalle, Helmut- Kohl-Allee, Bonn

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