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Aus: Ausgabe vom 22.05.2020, Seite 15 / Feminismus
»Wo die wilden Frauen wohnen«

Nichts geschenkt

Islands Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten deutlich mehr erkämpft als deutsche. Eine lehrreiche Lektüre
Von Anja Röhl
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Gegen die patriarchale Geschlechterordnung: Die Geschichten vieler isländischer Frauen machen Mut

»Wo die wilden Frauen wohnen« ist ein lehrreiches Buch. Dass Island starke Frauen hat, das hatte ich schon vor dieser Lektüre gehört. Dass aber dort schon 1775 gesetzlich geregelt war, dass Männer und Frauen zur See den gleichen Lohn bekommen, das war mir neu. Demnach sind uns die Inselfrauen um rund 250 Jahre voraus. Und doch gab es dort noch viel zu tun. 1975, im Internationalen Jahr der Frau, legten am 24. Oktober rund 90 Prozent aller isländischen Frauen ihre Arbeit für bessere Kinderbetreuung und konsequentere Gleichstellung nieder. Nichts ging mehr, es gab auch kein Essen zu Hause, Familienarbeit wurde ebenfalls bestreikt. Es wurde ein toller Tag, gekocht wurde von den »Roten Strümpfen« an zentralen Stellen – und nur für die Protestierenden. Es gab die größte Demonstration, die Island je gesehen hatte, und Männer waren an dem Tag nur mit Kindern zu sehen, da auch alle Kitas geschlossen waren. Ganze Wirtschaftsbereiche waren lahmgelegt. Männer in Island unterstützen ihre Frauen bei ihren Emanzipationsbestrebungen übrigens zahlreich, das liegt an der Walfängergeschichte. Es gibt »starke Frauen Islands« schon in den alten Sagas, aber auch an der Regierungsspitze, lange vor Margaret Thatcher und Angela Merkel – und nicht als Konservative sind sie hochgekommen, sondern als Fortschrittliche: Eine von ihnen ist Vigdis Finnbogadottir, Präsidentin Islands, sie wurde dreimal wiedergewählt und hat von 1980 bis 1996 enorm viel Gutes für Islands Menschen geschaffen. Sie wird noch heute hoch geachtet. Feministin ist in Island ein Ehrentitel. Viele Frauen bekommen schon sehr früh ihre Kinder und starten dann mit 40 noch ein zweites Mal durch. Berufe werden oft mehrmals im Leben gewechselt, wenn der eine langweilig geworden ist. So wird aus einer Kosmetikerin eine Seefahrerin, aus einer Verwaltungskauffrau eine Rangerin, aus einer Lehrerin eine Thermalforscherin.

Anne Siegel, die in diesem Frühjahr ihr zweites Buch über isländische Frauen abliefert, kann es einem wirklich schmackhaft machen. Man könnte auf die Idee kommen in das Nordland auszuwandern, wie diejenigen, die die Autorin in ihrem ersten Buch »Frauen, Fische, Fjorde« porträtiert hat – deutsche Frauen die nach 1945 nach Island zur Arbeit hin auswanderten und dort dann für immer blieben, da sie sich ein Leben in Deutschland, mit einem deutschen Mann, als Familienmutter und Hausfrau nicht mehr vorstellen konnten, nachdem sie einmal von der dort viel weiter fortgeschrittenen Gleichstellung gekostet hatten.

»Wo die wilden Frauen wohnen« verbindet ausgewählte Porträts eindrucksvoller Frauen mit Beschreibungen wilder, schöner und bedrohter Natur, mit Schilderungen errungener politischer Freiheiten und Besonderheiten – nicht nur für Frauen, auch für Kinder und Jugendliche wurde ein interessantes Konzept besonderer Bildung in ganz Island mit großem Erfolg durchgezogen – und Beschreibungen von sehr eigenwilligen Berufen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, wie etwa Geothermalpionierin. Eine rundum spannende Lektüre, kein Nur-Reisebuch, kein Nur-Frauenbuch, nicht mal ein Nur-Island-Buch ist es, sondern ein politisch-kulturelles Panorama einer modernen Lebensweise, wie sie ein Leben durch konkrete Meisterung aller Bedrohungen exemplarisch denkbar machen könnte. Insofern ist das Buch am ehesten als ein Abenteuerbuch zu lesen und als solches auch noch spannend und leidenschaftlich geschrieben, nicht nur etwas für Island-Freunde. Allein wer mit der ersten porträtierten Frau, der Rangerin Kristin Osk Jonasdottir, zusammen über die endlos-unwegsamen Weiten geführt wird, glaubt, nordische Luft zu atmen, nordischen Regen, der nicht fällt, sondern von allen Seiten peitscht, im Gesicht zu fühlen und die Weiten des Horizonts zu sehen. In einem Land, wo Lavamassen zu jeder Zeit Dörfer begraben können, Wassermassen Berge wegspülen, Gletscher schmelzen, Inseln aufsteigen, Erdbeben zur Tagesordnung gehören und 40 Lawinen in einem Winter auf ein Dorf herunterstürzen, und überall starke Frauen wirken, um das zu bewältigen – da kommt wirklich Lust auf, diese Frauen kennenzulernen. So ist dieses Buch eigentlich kein Touristinnenbuch, das Lust auf eine Reise machen will, sondern eins, nach dessen Lesen wir Lust und Mut bekommen, unsere eigene Gesellschaft zu verändern, so wie die Frauen dort es immer wieder getan haben. Denn es wurde ihnen nichts geschenkt – das wird auch deutlich, erkämpft muss es werden, und immer wieder auf originelle Weise. Auch persönlich kann das Buch Mut machen, das eigene Leben noch einmal neu zu sortieren. Alle vorgestellten Frauen haben ihre zunächst gewählten beruflichen Bahnen verlassen und sich Neuem zugewandt. Das macht Mut. Ein tolles Buch für helle Sommertage und dunkle Winternächte, für Männer und Frauen.

Anne Siegel: Wo die wilden Frauen wohnen. Islands starke Frauen und ihr Leben mit der Natur. Malik-Verlag, München 2020, 256 Seiten, 20 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Leonhardt: Energische Frauen Ein euphorischer Artikel über das Buch über Islands Frauen. Wunderbar! Wo wird ähnlich der energischen Frauen der liquidierten Deutschen Demokratischen Republik gedacht?...

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