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Aus: Ausgabe vom 22.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Wir ham’s verdient

Literatur als Distinktionswaffe. Victor Jestins Debütroman »Hitze« als Symptom betrachtet
Von Ingo Flothen
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»International Style«: Glaspaleis in Heerlen, Niederlande (erbaut 1935)

Es gibt Sätze, die bestimmen ganze Epochen. Alle Genres und Disziplinen auf ihre je eigene Weise. Sehr doktrinär. Sie schlagen ein wie Meteoriten, verwüsten ganze Landschaften und lassen nichts Erfreuliches mehr gedeihen. »Das Ornament wird von Verbrechern erzeugt«, ist so ein Satz. Der österreichische Architekt Adolf Loos hat ihn 1908 in die Welt geworfen. Seitdem ist die Baukunst allerorten von Verheerung und Verwüstung geplagt. Sie trägt zwar einen hehren Namen – International Style –, meint aber nicht viel mehr als Kälte und Frigidität. In der Literatur ist das Pendant zum Ornament das Adjektiv. Das allseits geheiligte Glaubensdogma hierzu stammt von Mark Twain: »Wenn du ein Adjektiv triffst, bringe es um.« Die Folge auch hier: Niedrigtemperaturschöpfungen allerorten. Die Tumben dieser Welt nehmen das Apodiktische für bahre Münze und produzieren Kahlschlagtexte in Serie. Und wenn dann noch Georges Clemenceaus Journalistenverdikt hinzukommt: »Schreiben Sie kurze Sätze: Hauptwort, Verbum, Objekt: fertig«, dann fühlt sich endlich auch Klein Hänschen zu großer Dichtung berufen. Literatur, die wie Georg Christoph Lichtenbergs »Messer ohne Klinge, an welcher der Stiel fehlt«, funktioniert, was kann daran schon schwierig sein? Wer sich trotzdem noch ums Gelingen seines Textleins sorgt, der holt sich Versicherung in den wohlfeilen Schreibwerkstätten der Toskana und Provence. Hier darf alles Geschriebene gut sein, schließlich zahlt man dafür. Kaffeekränzchen und Trinkgelage inklusive. Alte Sprachzauberer wie Robert Musil und Vladimir Nabokov sind fern.

Wenn wir uns den dieser Tage erschienenen, in Frankreich umjubelten Debütroman »Hitze« von Victor Jestin anschauen, dann sehen wir genau dies: Messer-ohne-Klinge-an-welcher-der-Stiel-fehlt-Literatur. Adjektivlosigkeit comme il faut. Am Reißbrett zusammengefrickelt. Mit eiskalter Präzision. Der Filmanarchist Klaus Lemke nennt Derartiges Preisträgerliteratur. Der Leser indes fühlt sich bei der Lektüre glücklich erregt, denn die omnipotenten Waschzettel- und Klappentextflunkerer haben ihm gerade eben noch das noble Gefühl eingeflüstert, durch die Lektüre dieses Buches Gralshüter der Moderne zu sein. Literatur als Distinktionswaffe. Dass er den Aposteln der marktkompatiblen Text- und Schreibsimplifizierung auf den Leim gegangen ist, weiß er nicht? Dass er gerade rachitische Auszehrungs- und Entkräftungsprosa gelesen hat, who cares?

Sie wollen wirklich vom Inhalt hören? Der erste Satz ist rasant. Na ja, zumindest was Schreibwerkstätten für rasant halten: »Oscar ist tot, weil ich ihm beim Sterben zugesehen habe, ohne mich zu rühren.« Oscar also erdrosselt sich, und der Erzähler verbuddelt dessen Leiche – das war’s, das ist der Plot. Danach kommt nichts mehr. Kein Satz, der interessiert, keine Psychologie der Figuren, kein Erstaunen, kein Zauber, nichts. Doch, da ist noch eine Teenieliebe, aber auch sie bleibt dünn und blass, hühnerbrüstig wie ihr Held: »Ich drückte sie. Wir schwitzten. Ich streichelte ihre Brüste.« Kleine, moderne Sätze. Ach ja, einen Kuss gibt es noch. Der ist wie »eine große Tür, die sich zum Himmel hin öffnet«. Schließlich verliert man sich in den Lippen. Na ja. Ob nach kurzer quälend langer Lektüre die vom Erzähler am Strand verbuddelte Leiche am Schluss von der Flut ins Meer gespült wird oder ob ihn Reue und Sühne ereilen (wir würden gerne spoilern, aber auch dürftige Literatur hat ein Recht auf Geheimnis), es interessiert nicht wirklich. Muss es auch nicht, denn die PR-Strategen des Verlags und die Überbautheoretiker des Literaturbetriebs haben unterdessen ohnehin unaufhaltsam am Ruhm des Romans gebastelt: Sie haben im Text immer mal wieder – verdächtig gleichmäßig verteilt – die Wörter »Hitze« und »Sonne« ausgemacht und erinnern sich also an – Camus. An »Der Fremde«. Wow! Und schwupps schreibt Le Monde: »Victor Jestin eignet sich den Stil Albert Camus’ auf eine ganz eigene Weise an – zeitgenössisch und hoch originell.« Auch wenn das Ranwanzen an Celebrities seit jeher zur Hypeproduktion gehört, es bleibt Chuzpe. Dummdreist und kackfrech. (Streichen Sie diese Adjektive!) Die traurige Erkenntnis, das Fazit zum Heulen: Wir haben die Schriftsteller, die wir verdienen!

Übrigens: Weder Loos noch Twain meinten ihren Dogmatismus gar so dogmatisch. Loos fand das von ihm inkriminierte Ornament im kostbar luxuriösen Baumaterial wieder, und Twains pompöses Sätzlein ging eigentlich recht kleinlaut weiter: »Nein, ich meine nicht alle Adjektive, aber töte die meisten, um so wertvoller werden die übrigen sein.« Weil wir aber das Verkürzte und Vereinfachte lieben, das simpel Unkomplizierte, haben wir nur die halbe Wahrheit gehört – und uns auf ewig verirrt. Seitdem schmoren wir immer öfter in der Lesehölle aufgepimpter Läppischkeiten. Indes, ein Trost bleibt: Liebhaber, die Büchlein mit Lesebändchen lieben, die kein Lesebändchen benötigen, weil es nichts zu lesen gibt, sollten sich dieses Büchlein mit Lesebändchen unbedingt besorgen.

Victor Jestin: Hitze. Kein & Aber Verlag, Zürich 2020, 160 Seiten, 20 Euro

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