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Aus: Ausgabe vom 19.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Zerrissene Weltmacht

US-Wirtschaft stürzt ab
Von Jörg Kronauer
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Militante Trump-Fans besetzen das Regierungsgebäude in Lansing, Michigan (14.5.2020)

Ein ungemein hartes Jahr sagt US-Notenbankchef Jerome Powell den Vereinigten Staaten voraus. Die Wirtschaftsleistung? Sie wird, vermutet der Fed-Vorsitzende, in diesem Quartal wohl um mehr als 20, vielleicht sogar um über 30 Prozent abstürzen. Die Erwerbslosigkeit? Gut möglich, dass sie auf die rund 25 Prozent in die Höhe schnellt, die sie in der großen Depression der 1930er Jahre erreichte. Nein, Powell ist kein Pessimist, er ist Realist: Einige US-Ökonomen rechnen mit einem Einbruch um sogar mehr als 40 Prozent im zweiten Quartal 2020, und die reale Arbeitslosigkeit – nicht die offiziell bekanntgegebene – lag nach Auskunft von US-Regierungsbehörden bereits im April bei 22,8 Prozent. In mancher Hinsicht ist Powell sogar Optimist. Im zweiten Halbjahr, meint er, werde sich die US-Wirtschaft kontinuierlich erholen: Allerdings nur dann, wenn es gelinge, die Ausbreitung des Covid-19-Erregers rasch zu bremsen. Glaubt man dem Chefimmunologen des US-Präsidenten, Anthony Fauci, dann sieht es nicht wirklich danach aus.

Der Zusammenbruch wird Folgen haben, innen- wie außenpolitisch. Im Inneren, denn die Krise trifft – wie üblich – vor allem diejenigen, die ohnehin wenig haben. 40 Prozent der Haushalte mit einem Jahreseinkommen von unter 40.000 US-Dollar waren im April von Erwerbslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen, aber nur 13 Prozent derjenigen mit einem Jahreseinkommen von über 100.000 US-Dollar. African Americans und Latinos waren stärker betroffen als Weiße. Die Klüfte, die die Vereinigten Staaten längst zerreißen, werden tiefer. Auch auf der politischen Ebene: Die Rechte steht nach wie vor zu Trump; in ihrem Kampf gegen den Lockdown drangen kürzlich mit Sturmgewehren bewaffnete Demonstranten in das Michigan State Capitol ein, den Sitz von Parlament und Regierung des Bundesstaates. Die demokratische Gouverneurin erhält inzwischen Todesdrohungen, die von den Behörden als durchaus glaubwürdig eingestuft werden. Rassistische Gewalt, ohnehin auf hohem Niveau, nimmt zu.

Und sie geht, weil die Länder Ostasiens, vor allem China, die Pandemie bislang deutlich besser überstehen, voraussichtlich mit einem beschleunigten Abstieg der Vereinigten Staaten einher. Die herrschende Klasse in den USA wird das niemals schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, das kann niemand mit klarem Verstand hoffen. Dass man gegen Beijing vorgehen müsse, ist längst Konsens im Land, parteiübergreifend; das antichinesische Gebrüll nimmt zu, und an Trumps jüngster Verschärfung der Sanktionen gegen Huawei – sie sind ein ökonomischer Vernichtungsschlag – gibt es in Washington allenfalls Kritik, da sie taktisch zu wünschen übrig lässt. Jeder Prozentpunkt, den die USA beim Bruttoinlandsprodukt verlieren, wird zu noch mehr Hetze gegen China führen. Eine im Innern zerrissene Weltmacht, im Abstieg begriffen, nun auch noch furchtbar von der Krise erschüttert, weiter zurückfallend: Frieden verheißt das nicht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Schwerer Abschied Kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als jener von der Macht! »Die herrschende Klasse in den USA wird das niemals schulterzuckend zur Kenntnis nehmen (…). Dass man gegen Beijing vorgehen müsse, i...
  • Istvan Hidy: Besser als Krieg Kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als jener von der Macht! »Die herrschende Klasse in den USA wird das niemals schulterzuckend zur Kenntnis nehmen (…). Dass man gegen Beijing vorgehen müsse, i...

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