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Aus: Ausgabe vom 19.05.2020, Seite 6 / Ausland
Besetzungsmacht Türkei

Feuer und Wasser als Waffen

Nordsyrien: Türkei führt »Krieg niederer Intensität«. Gespräche zwischen kurdischen Parteien
Von Nick Brauns
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Vor der Besetzung: Die türkischen Streitkräfte bombardierten am 16. Oktober 2019 die Stadt Ras Al-Ain in der nordostsyrischen Autonomieregion

Seit Wochen brennen in Nordsyrien Felder. Ursache sind nach Angaben der dortigen Autonomieverwaltung gezielte Brandstiftungen durch die türkische Armee und ihre Söldner. Im Rahmen eines geradezu lehrbuchmäßig geführten »Krieges niederer Intensität« zielen solche Sabotageakte ebenso wie der sporadische Artilleriebeschuss von Dörfern sowie die Entführung und Ermordung von Zivilisten durch dschihadistische Kampfgruppen darauf, die bäuerliche Bevölkerung durch die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen zu vertreiben.

Im Oktober letzten Jahres hatten die türkische Armee und ihre Söldner der Syrischen Nationalarmee ein rund 130 Kilometer breites und 30 Kilometer tiefes Areal zwischen den syrischen Grenzstädten Tel Abjad und Ras Al-Ain okkupiert. Dieses Besatzungsgebiet dient ebenso wie die in den Jahren davor eroberten Regionen um Dscharabulus, Al-Bab und Afrin als Ausgangspunkt zur Terrorisierung der umliegenden Gebiete.

Zu einer Vielzahl von Feldbränden kam es nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur ANF um Ain Issa und die vorwiegend von assyrischen Christen besiedelte Stadt Tell Tamer (kurdisch Til Temir). Nördlich von Al-Bab legten dschihadistische Kämpfer Brände in Weizenfeldern, Walnuss- und Olivenplantagen, westlich von Ain Al-Arab (kurdisch Kobani) wurden Anbauflächen durch Beschuss mit Mörsergranaten zerstört. Auf Dorfbewohner, die ihre brennenden Felder löschen wollten, eröffneten die Dschihadisten das Feuer. Parallel zu den Bränden herrscht in Teilen der kurdischen Autonomieregion Wassermangel, da ein zentrales Wasserwerk in Elok bei Ras Al-Ain unter Kontrolle dschihadistischer Kampfgruppen geraten ist. Bereits sieben Mal seit Jahresbeginn wurde in der Pumpstation die Wasserversorgung für 1,2 Millionen Menschen unter anderem in der Großstadt Hasaka unterbrochen.

Nervös zeigt sich Ankara unterdessen aufgrund von Gesprächen zwischen der in Nordostsyrien politisch führenden, sozialistisch orientierten Partei der Demokratischen Union (PYD) und dem Kurdischen Nationalrat (ENKS) mit dem Ziel einer »Vereinheitlichung der kurdischen Position«. Dem vom Barsani-Clan im Nordirak finanzierten ENKS gehört eine Reihe von kurdisch-nationalistischen Parteien an, die sich bislang weigern, die Autonomieverwaltung von Nordostsyrien anzuerkennen. Der ENKS ist zudem Teil des in der Türkei ansässigen syrischen Oppositionsbündnisses ­ETILAF, das als politische Vertretung der »Syrischen Nationalarmee« auftritt.

Als vertrauensbildende Maßnahme hatte die nordostsyrische Autonomieverwaltung Ende letzten Jahres bereits eine Reihe von ENKS-Anhängern, die aufgrund ihrer Verwicklung in Sabotageakte inhaftiert waren, amnestiert. Eine Aussöhnung mit den Barsani-Satelliten, die in Nordostsyrien über relativ wenige Anhänger verfügen, erscheint für die Autonomieverwaltung wichtig. Denn ein Großteil der Versorgung der unter Blockade durch die Türkei stehenden Region läuft durch das Nadelöhr des Grenzübergangs Semalka zur kurdischen Autonomieregion im Nordirak und ist damit vom Wohlwollen des Barsani-Clans abhängig.

Als Vermittler bei den Geheimgesprächen trat nach Angaben des Barsani-nahen Senders Rudaw der Vizekoordinator der Allianz gegen den Islamischen Staat (IS), William Roebuck, auf. Der US-Diplomat habe sich »glücklich über die jüngsten Fortschritte« bei den auch von Frankreich und Russland unterstützten »Einheitsgesprächen« gezeigt, behauptete Rudaw am Sonntag.

Die US-Regierung erhofft sich, durch eine Einbindung der konservativen Barsani-Parteien einerseits die sozialistischen Kräfte um die PYD und die Volksverteidigungseinheiten YPG zurückzudrängen und andererseits türkische Vorbehalte gegen die fortdauernde Kooperation der US-Armee mit den kurdischen Milizen im Rahmen des »Anti-IS-Kampfes« zu zerstreuen. Doch in Ankara stößt dieses Ansinnen auf keine Gegenliebe. Er habe den ENKS ausdrücklich vor Abkommen mit den YPG gewarnt, erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Wochenende gegenüber dem Fernsehsener A-Haber. »Unsere Haltung ist sehr klar: Wir werden weder erlauben, dass ein Terrorkorridor in dieser Region entsteht, noch dass die Terroristen legitimiert werden.«

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