Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 16.05.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Filet de boeuf à la truffe

Von Maxi Wunder

Roswitha und ich sind auf dem Weg zum Jobcenter am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Als Reiseleiterinnen können wir ohne ernsthafte »Lockerungen« in der Tourismusbranche nicht arbeiten. Die Einmalzahlung vom Staat für Soloselbständige ist aufgebraucht. Wir beantragen also Hartz IV. Frau Jäger, unsere Fallmanagerin, Abteilung Akademiker, muss einen Fragenkatalog mit uns durcharbeiten. »Wo haben Sie Ihre Ausbildung gemacht, Frau Dr. Wartenberg?«, die Frage geht an Roswitha. »Beim Institut für sozialistische Wirtschaftsführung und gesellschaftliche Entwicklung in der Landwirtschaft beim ZK der SED Liebenwalde.« Frau Jäger atmet tief durch. »Ok. Institut für was? Können Sie das bitte wiederholen?« Ros­witha diktiert betont langsam für Debile und ich bedaure zutiefst, nur an der FU studiert zu haben. Die Sache zieht sich.

»So, Frau Wunder jetzt zu Ihnen. Beruf Reiseleiterin, Ausbildung wo?« – »FU« – »Sie haben Touristik studiert?« – »Nein, Literaturwissenschaft.« – »Abschluss?« – »Aber natürlich!« Das ist mein Stichwort, jetzt erzähle ich! »Stellen Sie sich vor, Frau Jäger, meine Examensarbeit schrieb ich über Chateaubriand …« – »Ach ja, ich hätte hier was als Küchenhilfe …« – »Nein, nein! Ich schrieb über dessen ›Essai historique, politique et moral sur les révolutions anciennes et modernes, considérées dans leurs rapports avec la Révolution française‹! Ein Meilenstein der französischen Literaturgeschichte, verstehen Sie, geschaffen vom Vater der französischen Romantik, Politiker, großer Weltreisender und erster europäischer Autor, der über Amerika berichtet hat, und dessen Reiseschilderungen auf eine Stufe mit denen Alexander von Humboldts gestellt werden. Ich schrieb mein Examen über mein großes Vorbild: François-René de Chateaubriand!«

Filet de boeuf à la truffe: 400 g Rinderfilet in einer Pfanne in heißem Fett von allen Seiten scharf anbraten, mit Salz und Pfeffer würzen. Anschließend ca. 15 Minuten bei 160 Grad in den Backofen geben. Das Fleisch muss innen noch rosa sein. 100 g frische Tagliatelle in Salzwasser zwei Minuten kochen, rausholen und abtropfen lassen. Mit Trüffelöl beträufeln. 60 g Brokkoliröschen im Tagliatellekochwasser fünf Minuten blanchieren, abtropfen und in 1 EL heißer Butter sautieren. Röschen rausholen und in der Butter 60 g halbierte Cherrytomaten anbraten. Mit 2 EL Weißwein ablöschen. Salzen und pfeffern. Chateaubriand mit Tagliatelle, Brokkoliröschen und Tomatensauce servieren. 10 g Trüffel darüberhobeln.

Frau Jäger schaut nachdenklich in ihren Computer. »Hm. Ja. Sehr schön. Frau Wunder, Frau Dr. Wartenberg, ich hätte hier was für Sie. Hat im weitesten Sinn auch mit Reisen zu tun. Die Berliner S- Bahn sucht zum nächstmöglichen Termin Securitypersonal, männlich, weiblich, divers, Stundenlohn 11,25 Euro. Aber Sie müssten erstmal eine ›Sachkundeprüfung Bewachungsgewerbe‹ gemäß § 34 a Gewerbeordnung absolvieren.« – »Was? Wir sollen Billigbullen werden?« – »Och, so billig ist das gar nicht«, bemerkt die Jäger mit einer gewissen Schadenfreude. »Die Prüfung kostet Sie 200 Euro, und wenn Sie durchfallen, das gleiche nochmal!«

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