Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Gegründet 1947 Donnerstag, 4. Juni 2020, Nr. 128
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan«« Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Ausgabe vom 16.05.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Reinste Kinderei

Lenin 1920: Revolutionäre Taktik kann nicht allein auf revolutionärer Stimmung aufgebaut werden. Notwendig ist eine Einschätzung aller Klassenkräfte
3.jpg
»Ihr wollt eine neue Gesellschaft schaffen? Und ihr fürchtet Schwierigkeiten bei der Schaffung einer guten Parlamentsfraktion aus überzeugten, treuen, heldenhaften Kommunisten im reaktionären Parlament!« – Das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin 1932, Sitz der KPD

Soll man sich an den bürgerlichen Parlamenten beteiligen?

In Westeuropa und Amerika hat sich das Parlament den besonderen Hass der fortgeschrittenen Revolutionäre aus der Arbeiterklasse zugezogen. Das ist unbestreitbar. Es ist durchaus begreiflich, denn man kann sich schwerlich etwas Niederträchtigeres, Gemeineres, Verräterischeres vorstellen als das Verhalten der übergroßen Mehrheit der sozialistischen und sozialdemokratischen Abgeordneten im Parlament während des Krieges und nach dem Kriege. Es wäre aber nicht nur unvernünftig, sondern geradezu verbrecherisch, dieser Stimmung nachzugeben. (…) Wir in Russland haben uns durch allzulange, schwere, blutige Erfahrungen von der Wahrheit überzeugt, dass die revolutionäre Taktik auf revolutionärer Stimmung allein nicht aufgebaut werden kann. Die Taktik muss auf einer nüchternen, streng objektiven Einschätzung aller Klassenkräfte des betreffenden Staates (und der ihn umgebenden Staaten sowie aller Staaten der ganzen Welt) sowie auf der Berücksichtigung der von den revolutionären Bewegungen gesammelten Erfahrungen aufgebaut werden.

Es ist sehr leicht, seinen »Revolutionismus« nur durch Schimpfen auf den parlamentarischen Opportunismus, nur durch Ablehnung der Beteiligung an den Parlamenten zu bekunden, aber gerade weil das nur allzu leicht ist, ist es keine Lösung der schwierigen, überaus schwierigen Aufgabe. In den europäischen Parlamenten ist es viel schwieriger, eine wirklich revolutionäre Parlamentsfraktion zu schaffen, als es in Russland der Fall war. Gewiss. Aber das ist nur ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Wahrheit, dass es für Russland in der konkreten, historisch außerordentlich eigenartigen Situation von 1917 leicht war, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es für Russland schwerer als für die europäischen Länder sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu führen. (…)

Solche spezifischen Bedingungen wie: 1. die Möglichkeit, den Sowjetumsturz mit der dank diesem Umsturz herbeigeführten Beendigung des imperialistischen Krieges zu verbinden, der die Arbeiter und Bauern aufs äußerste erschöpft hatte; 2. die Möglichkeit, eine gewisse Zeit lang den auf Tod und Leben geführten Kampf der beiden weltbeherrschenden Gruppen imperialistischer Räuber auszunutzen, der beiden Gruppen, die sich nicht gegen die Sowjets, ihren Feind, vereinigen konnten; 3. die Möglichkeit – teilweise dank der ungeheuren Ausdehnung des Landes und den schlechten Verkehrsmitteln –, einen verhältnismäßig langwierigen Bürgerkrieg auszuhalten; 4. das Vorhandensein einer so tiefgehenden bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung unter der Bauernschaft, dass die Partei des Proletariats die revolutionären Forderungen von der Partei der Bauern (der Sozialrevolutionäre, einer Partei, die in ihrer Mehrheit dem Bolschewismus ausgesprochen feindlich gegenüberstand) übernehmen und sie dank der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat unverzüglich verwirklichen konnte – solche spezifischen Bedingungen sind jetzt in Westeuropa nicht vorhanden, und die Wiederkehr solcher oder ähnlicher Bedingungen ist nicht allzu leicht möglich.

Deshalb übrigens ist es, neben einer Reihe anderer Gründe, für Westeuropa schwerer, als es für uns war, die sozialistische Revolution zu beginnen. Diese Schwierigkeit dadurch »umgehen« zu wollen, dass man die schwere Aufgabe der Ausnutzung reaktionärer Parlamente zu revolutionären Zwecken »überspringen« möchte, ist reinste Kinderei. Ihr wollt eine neue Gesellschaft schaffen? Und ihr fürchtet Schwierigkeiten bei der Schaffung einer guten Parlamentsfraktion aus überzeugten, treuen, heldenhaften Kommunisten im reaktionären Parlament! Ist das etwa nicht Kinderei? Wenn Karl Liebknecht (1871–1919, jW) in Deutschland und Z. Höglund (Zeth Höglund, 1884–1956, Gründer der KP Schwedens, jW) in Schweden es sogar ohne Unterstützung der Massen von unten vermocht haben, Musterbeispiele einer wirklich revolutionären Ausnutzung reaktionärer Parlamente zu geben, warum sollte dann eine rasch wachsende revolutionäre Massenpartei unter den Nachkriegsverhältnissen der Enttäuschung und Erbitterung der Massen nicht imstande sein, sich in den schlimmsten Parlamenten eine kommunistische Fraktion zu schmieden?! Gerade deshalb, weil die rückständigen Massen der Arbeiter und – in noch höherem Grade – der Kleinbauern in Westeuropa viel stärker als in Russland von bürgerlich-demokratischen und parlamentarischen Vorurteilen durchdrungen sind, gerade deshalb können (und müssen) die Kommunisten nur in solchen Institutionen wie den bürgerlichen Parlamenten von innen heraus den langwierigen, hartnäckigen, vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckenden Kampf zur Enthüllung, Zerstreuung und Überwindung dieser Vorurteile führen.

Wladimir Iljitsch Lenin: »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus«, Moskau 1920. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 31. Dietz-Verlag, Berlin 1970, Seiten 48–51

Die Teile I bis IV dieser Auszüge erschienen in den jW-Wochenendbeilagen seit dem 18. April

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage