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Aus: Ausgabe vom 16.05.2020, Seite 15 / Geschichte
Arabische Halbinsel

Zusammen getrennt

Vor 30 Jahren vereinigten sich Nord- und Südjemen zu einem Staat
Von Knut Mellenthin
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Inzwischen völlig zerrüttet. Teilnehmer der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Vereinigung am 23. Mai 2015 in Sanaa

Rund vier Monate vor der deutschen »Wiedervereinigung« vollzogen Nord- und Südjemen am 22. Mai 1990 ihren Zusammenschluss. Die Umstände hätten kaum unterschiedlicher sein können: Während sich die BRD die DDR offen und explizit durch deren Beitritt einverleibte, ohne dass die Bevölkerung ein Mitspracherecht hatte, demonstrierten die beiden Staaten im Südwesten der Arabischen Halbinsel Gleichberechtigung. Der langjährige Präsident des Nordens, Ali Abdullah Saleh, wurde Staatsoberhaupt des vereinten Jemen, und der Generalsekretär der sozialistischen Regierungspartei des Südens, Ali Salem Al-Baidh, erhielt das Amt des Regierungschefs. Der gemeinsame Staat übernahm die Nationalhymne der Demokratischen Volksrepublik (Süd-)Jemen und gab sich eine neu gestaltete Flagge, die allerdings mehr an die des Nordens als an die des Südens angelehnt war. Ein Jahr später, am 16. und 17. Mai 1991, wurde mit einem Referendum über die bis dahin nur provisorische Verfassung abgestimmt. Bei einer Beteiligung von 72,2 Prozent der Stimmberechtigten wurde die Verfassung mit 98,5 Prozent nahezu einstimmig angenommen.

Die beiden Staaten waren bis zum Zusammenschluss getrennte Wege gegangen und zweimal, im Oktober 1972 und im Februar/März 1979, sogar militärisch aneinandergeraten. Die Arabische Republik Jemen im Norden war mit 195.000 Quadratkilometern zwar der kleinere der beiden Staaten, hatte mit rund 7 Millionen Einwohnern aber die größere Bevölkerung. Das Land hatte nach dem Ersten Weltkrieg seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangt und war in den ersten Jahrzehnten als Monarchie regiert worden. Nachdem 1962 der herrschende Imam vom Militär gestürzt worden war, herrschte ein mehrjähriger Bürgerkrieg, in dem die Republikaner von Ägypten und die Royalisten von Saudi-Arabien unterstützt wurden. Es siegten schließlich im Februar 1968 die Republikaner. Trotzdem blieb der Nordstaat konservativ geprägt; Stammesführer und religiöse Fundamentalisten – was in der Regel miteinander einherging – hatten großen Einfluss.

Mit Moskau verbunden

Ganz anders war die Entwicklung im Süden verlaufen, der am 30. November 1967 nach einem mehrjährigen bewaffneten Befreiungskampf seine Unabhängigkeit von Großbritannien erreicht hatte. Aden, die Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Jemen (DVRJ), war seit 1838/1839 ein logistischer und militärischer Stützpunkt des Vereinigten Königreichs gewesen, der den Seeweg nach Indien ermöglichte – die Dampfschiffe luden dort Kohle nach – und sicherte. Das weitere Territorium des späteren Südjemen bestand zu jener Zeit aus einer Vielzahl kleiner Fürstentümer, die Großbritannien im Laufe des späten 19. Jahrhunderts nach und nach als »Protektorate« unter seine Kontrolle brachte.

Die DVRJ hatte eine Fläche von rund 360.000 Quadratkilometern – das ist fast genau die Größe Deutschlands nach Anschluss der DDR –, aber 1990 nur ungefähr 2,6 bis 3 Millionen Einwohner. Große Teile des südlichen Jemen sind bis heute nur dünn besiedelt, da sie aus Wüsten und Bergen bestehen.

Am 22. Juni 1969 übernahm der marxistische Flügel innerhalb der Nationalen Befreiungsfront (NLF), die die Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpft hatte, die Macht im Südjemen. Im Dezember 1970 benannte sich die NLF in Sozialistische Partei Jemen um. Unter ihrer Führung schlug die DVRJ einen »nichtkapitalistischen Entwicklungsweg« in enger Partnerschaft vor allem mit der Sowjetunion, aber auch mit der Volksrepublik China, Kuba, der DDR und der PLO ein. Unternehmen wurden verstaatlicht, eine zentrale Planung aufgebaut und eine Landreform durchgeführt. Die Frauen wurden juristisch mit den Männern gleichgestellt, Polygamie und Kinderehen wurden verboten. Das Erziehungssystem wurde laizistisch reformiert und die Scharia durch ein ziviles Rechtssystem ersetzt.

Absichtserklärungen zur Vereinigung des Jemen waren schon während des bewaffneten Unabhängigkeitskampfs im Süden entstanden. Gespräche über einen Zusammenschluss der beiden Staaten nahmen aber erst konkrete Formen an, als die DVRJ durch die politischen Ereignisse in der Sowjetunion in wachsende wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Dort war Michail Sergejewitsch Gorbatschow am 11. März 1985 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. Während des 27. Parteitags im Februar 1986 kündigte der damals 54jährige unter dem Titel »Perestroika« eine strategische Neuorientierung der Innen- und Außenpolitik an. Dazu gehörte auch, dass sich die Sowjetunion aus vielen kostspieligen Verbindungen und Verpflichtungen im Ausland zurückzog. Das betraf neben dem Südjemen insbesondere Afghanistan, Angola, Nicaragua und Vietnam. Zwischen 1986 und 1989 verlor die DVRJ mehr als die Hälfte der sowjetischen Unterstützungsleistungen. Da war gerade erst entdeckt worden, dass das ansonsten arme Land Ölvorkommen besaß, über deren Umfang es allerdings kaum gesicherte Erkenntnisse gab. Bewaffnete Führungskämpfe, die im Januar 1986 ausbrachen, schwächten die DVRJ zusätzlich.

Bleibendes Misstrauen

Die unter diesen Voraussetzungen zustande gekommene Vereinigung von Nord- und Südjemen war und blieb instabil. Das gegenseitige Misstrauen zeigte sich darin, dass beide Staaten ihre separaten bewaffneten Kräfte und ihre Sicherheitsapparate beibehielten, statt sie – wie auf dem Papier geplant – zu integrieren. Die erste Parlamentswahl im vereinigten Jemen am 27. April 1993 endete erwartungsgemäß mit einem Sieg der früheren nordjemenitischen Regierungspartei Allgemeiner Volkskongress. Sie gewann 123 der insgesamt zu vergebenden 301 Abgeordnetensitze, die Sozialistische Partei nur 57. Auf eine islamisch-fundamentalistische Partei namens Islah entfielen weitere 62 Mandate. Die Auseinandersetzungen zwischen dem aus dem Norden stammenden Präsidenten Saleh und dem südjemenitischen Premierminister Al-Baidh nahmen an Schärfe zu.

Ein Abkommen, das im Februar 1994 unter Vermittlung der jordanischen Regierung in Amman geschlossen wurde, hielt nur kurze Zeit. Am 4. Mai 1994 begannen Kämpfe zwischen den Streitkräften beider Seiten. Am 21. Mai 1994, vier Jahre nach der Vereinigung, proklamierte Al-Baidh die erneute Unabhängigkeit Südjemens. Politische und materielle Unterstützung kam ausgerechnet von Saudi-Arabien, dem früheren Hauptfeind der DVRJ. Dennoch gewannen Salehs Truppen die Oberhand und marschierten am 7. Juli 1994 in Aden ein. Tausende Anhänger und Funktionäre der Sozialistischen Partei flüchteten ins Ausland. Aus der friedlichen, einvernehmlichen Vereinigung der beiden jemenitischen Staaten war eine militärische Unterwerfung geworden.

Zwei Jemen werden eins und feiern

Der prowestliche Jemen und der prosowjetische Südjemen schlossen sich heute zur Bildung einer neuen Republik zusammen. (…) Der Präsident des Jemen, Ali Abdullah Saleh, verkündete die Vereinigung in Aden, der Hauptstadt Südjemens, nachdem ihn die Parlamente beider Länder zum Präsidenten der vereinigten Nation mit 13 Millionen Einwohnern und der Größe Frankreichs gewählt hatten (…).

Als erste Amtshandlung nach der Vereidigung hisste Saleh die neue rot-weiß-schwarze Nationalflagge über dem Parlamentsgebäude in Aden.

Eine Militärkapelle spielte die südliche Nationalhymne, die vom neuen Staat, einem der ärmsten und am wenigsten entwickelten in der arabischen Welt, übernommen wurde. Mit dem Ruf »Einheit ist Stärke« drängten sich Tausende auf den Straßen, um das Ende von 300 Jahren Spaltung zu feiern. MiG-23-Kampfflugzeuge aus sowjetischer Produktion flogen kreuz und quer am Himmel der Hafenstadt am südlichen Ende des Roten Meeres, während 11.000 Menschen aus Nord und Süd sich die Hände reichten.

In Sanaa, der alten Hauptstadt des Jemen, die jetzt die des vereinigten Landes ist, bevölkerten Tausende klatschender und jubelnder Menschen das Sportstadion, wo traditionelle Musik, Säbeltänze und Reden zur Unterstützung des Zusammenschlusses geboten wurden.

Feuerwerk erleuchtete den Himmel über Gebäuden, die mit farbigen Lichtstreifen geschmückt waren. Von den Straßenecken hingen Transparente mit Parolen, auf denen es hieß: »Jemens Einheit ist ein unsterblicher Sieg für Demokratie, Entwicklung und Freiheit«.

(New York Times, 23. Mai 1990)

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