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Aus: Ausgabe vom 16.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Erholung nach Plan

China steigert Industrieproduktion
Von Steffen Stierle
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China schüttelt die Krise ab. In den USA wird die »Freiheit« der Seuche verteidigt (Michigan, 14.5.2020)

Am Freitag vermeldete die Nationale Statistikbehörde in Beijing für April einen Zuwachs der industriellen Produktion Chinas um 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Die erste Welle der Coronapandemie ist längst unter Kontrolle, so dass immer weitere, regional differenzierte Lockerungen der Lockdownregeln möglich wurden. Nun erholt sich auch die Wirtschaft des Landes. Die Erwerbslosenquote geht bereits seit März zurück. Allerdings ist die Inlandsnachfrage noch geschwächt, weshalb die Regierung durch Konsumgutscheine, Steuererleichterungen und andere Maßnahmen die Einkommen der Bevölkerung stützt.

Es sieht also so aus, als habe Beijing beim Umgang mit der Coronapandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen einen Plan, der funktioniert. Dieser Umstand dürfte erheblich zu den immer heftigeren Anfeindungen aus den USA beitragen. Tägliche Hasstiraden der Trump-Administration und Verschwörungsmythen, China habe das Virus in die Welt gesetzt, sorgen dafür, dass mittlerweile 60 Prozent der US-Amerikaner antichinesische Ressentiments pflegen. Es spricht wenig dafür, dass sich der Ton in Wahlkampfzeiten zum Positiven ändert.

Dabei hat es die US-Regierung mittlerweile zum globalen Paradebeispiel dafür gebracht, wie man die Pandemie so lange ignoriert und leugnet, um das Kapital vor Einschränkungen beim Profitemachen zu schützen, bis die Wirtschaft komplett im Eimer ist. Während in New York das Gesundheitssystem kollabiert und Angehörige keine Bestattungsunternehmer mehr finden, müssen sich Gouverneure, die das öffentliche Leben zum Schutz der Bevölkerung einschränken, vom Präsidenten persönlich beschimpfen lassen. 36 Millionen US-Bürger sind seit Ausbruch der Krise erwerbslos geworden. Und dank des völlig durchkommerzialisierten Gesundheitssystems haben die USA auch bei den Todeszahlen längst einen uneinholbaren Spitzenplatz eingenommen.

In Europa sind wohl Schweden und Großbritannien die besten Beispiele für ein Entwicklungsstadium des Kapitalismus, in dem der Staat nicht einmal mehr seine Rolle als ideeller Gesamtkapitalist gegen kurzfristige Profitinteressen durchsetzen kann. Aber auch in der BRD wird nach kurzer Schockstarre gelockert, was das Zeug hält. Dass die Infektionszahlen wieder ansteigen, wird ignoriert. Schließlich geht es um die »Freiheit«. Bewaffnete Ausschreitungen wie in Michigan werden hierzulande noch nicht auf die Beine gestellt. Aber genügend nützliche Wutbürger, die mit Grundgesetz in der Hand für ihr Recht streiten, im Supermarkt ohne Maske nach Lust und Laune das Gemüse vollzurotzen, finden sich auch hierzulande.

Am Freitag hat das Statistische Bundesamt für Deutschland eine Wirtschaftsschrumpfung von 2,2 Prozent im ersten Quartal gemeldet. Darauf lässt sich aufbauen. Im Namen des Marktes und der Freiheit.

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

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Debatte

  • Beitrag von Günter R. aus B. (15. Mai 2020 um 21:20 Uhr)
    Ich schätze aus guten Gründen die jW. Hier aber verärgern mich die Behauptung zu Schweden und die Gleichsetzung mit UK. Anstelle von Mainstreamsuggestionen empfiehlt sich eine Beschäftigung mit Fakten! Eine recht neue Statistik europäischer Staaten (Tote pro eine Million Bewohner) führt Belgien als Spitzenreiter an, an sechster Stelle ist Schweden, nach UK. Wer ein bisschen mehr Einblick gewinnen möchte, könnte einen Arte-Beitrag (4.5.2020) aufrufen. Schon Engels hielt es mit Empirie.

    Mit freundlichen Grüßen

    Günter Rietbrock, Bremen
    • Beitrag von Matthias G. aus G. (16. Mai 2020 um 12:29 Uhr)
      Das Wort »Mainstreamsuggestion« trifft die Sache genau. Leider ist das nichts Neues. Die jW hat bis heute kein kritisches Wort zu dem falschen Spiel mit den Statistiken, das seit acht Wochen vom Corona-Notstandsstaat und seinen Lautsprechern betrieben wird, gesagt. An diesem Punkt glaubt sie vorbehaltlos den Personen und Institutionen, deren Lügen sie vor wenigen Jahren noch entlarven wollte.
  • Beitrag von Martin B. aus R. (16. Mai 2020 um 21:57 Uhr)
    Man muss als kritischer Mensch nicht alles ablehnen, was die Regierung macht. Dass sich aber nur wenige Linke finden, die den Kurs der Regierung in dieser Zeit kritisieren, ist sehr enttäuschend. Es gibt namhafte Experten, die sich gegen den Lockdown ausgesprochen haben. Grenzschließungen verzögern die Ausbreitung eines Virus nur um ein paar Tage. Die Regierungsparteien nutzen die Angst der »Tagesschau«-Gucker, um von ihrem Versagen abzulenken. War man Anfang März noch ein panischer Spinner, wenn man mit Sorge auf die Nachrichten aus Fernost und Italien blickte, wandelten sich die Kommentare in wenigen Tagen ins Gegenteil. Kommunalwahlen, Starkbierfeste und Fasching wurden zugelassen. Danach wurde es Söder und Merkel angst und bange, und plötzlich konnten die Maßnahmen nicht mehr scharf genug sein. Als es noch nicht mal genug Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger gab, verbreiteten die Mainstreammedien und Drosten noch, diese seien nutzlos. Jetzt wo es in D kaum mehr Infizierte gibt, soll sogar das Tragen von selbstgenähten Lappen sinnvoll sein.

    Gerade lese ich meine geliebte Tageszeitung nicht so gerne, aber ich hoffe auf Besserung.

    Martin Behr, Karlsruhe
    • Beitrag von Matthias G. aus G. (17. Mai 2020 um 09:34 Uhr)
      Lieber Herr Behr, an diesem Punkt hoffen Sie vergebens. Da bleibt die jW stur. Es wird sogar noch schlimmer.
    • Beitrag von Günther S. aus N. (17. Mai 2020 um 18:31 Uhr)
      Sehe ich ähnlich. Eine gewisse Blockwartmentalitität hat sich bei den Linken etabliert, und das beunruhigt mich

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Werner Engelmann, Lahr: Agentur des Kapitals Seit Jahrzehnten wird von der Kapitalseite kolportiert: Die Privaten können es besser, der Staat ist ungeeignet bzw. unfähig. Kurz: Der Markt wird es richten! Mit dieser verbalen Massierung ging die P...
  • Heinrich Hopfmüller: Simple Mathematik Mir fehlen die Worte (besser: Ich sage lieber nicht, was ich denke), wenn ich die hirnrissigen Kommentare z. B. zum Artikel »Erholung nach Plan« in der jW vom 16./17. Mai lese. Ausgerechnet der jW anz...
  • Istvan Hidy: Einzig richtiger Weg Von der Coronakrise überlagert, hat sich die Rivalität zwischen den USA und China in den vergangenen Wochen unter Einbeziehung Europas erneut gefährlich zugespitzt. Wie der Berliner Tagesspiegel am 5....

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