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Aus: Ausgabe vom 15.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Buchhandel

Besser verfechten

Der Kreuzberger Buchladen »Kisch und Co.« kämpft erneut ums Überleben
Von Matthias Reichelt
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»Kisch und Co.« in der Berliner Oranienstraße will sich nicht verdrängen lassen

»Kisch und Co.«, das war schon immer mehr als eine Buchhandlung. Hier in der Berliner Oranienstraße 25 wird debattiert über Bücher, Filme und Kunstausstellungen und Fotografie; hier treffen Autoren wie Ulrich Peltzer auf Musikerinnen wie Christiane Rösinger und Maler wie Klaus Theuerkauf auf Bernd Feuerhelm, den Hauptdarsteller aus Rosa von Praunheims Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« (1970). Menschen schneien auch nur mal kurz rein, um über Weltpolitik zu palavern oder die neusten Nachrichten aus der Nachbarschaft. Dem­entsprechend groß ist der Aufschrei über ein drohendes Ende: Der Mietvertrag läuft zum 31. Mai aus, bis jetzt war keine Einigung mit den Besitzern möglich.

2017 stand der Kiez schon einmal Kopf, als neben zwei anderen Läden auch »Kisch und Co.« wegen einer saftigen Mieterhöhung des Investors und kurzzeitigen Karstadt-Eigentümers Nicolas Berggruen bedroht war. Mehr als 4.000 Leute zogen damals demonstrierend durch Kreuzberg, darunter zahlreiche Künstler wie Wolfgang Müller und auch Musiker von Einstürzende Neubauten. Die Kampfbereitschaft führte zu einem Kompromiss: 20 Euro pro Quadratmeter für die folgenden drei Jahre. Freilich eine Miete, die für einen Buchladen nur mit dreimal Gürtel-enger-schnallen finanzierbar ist. Diese Frist endet Ende Mai. Als die Betreiber Ende 2019 mit Berggruen Kontakt aufnahmen, um eine Vertragsverlängerung zu verhandeln, erfuhren »Kisch und Co.«, dass der Investor das Gebäude an einen in Luxemburg ansässigen Fonds verscherbelt hat, hinter dem die Enkelinnen des schwedischen Tetra-Pak-Erfinders Ruben Rausing (1895–1983), Lisbet und Sigrid Rausing, stecken sollen, wie Christoph Trautvetter von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausfand. Lisbet steht einer Naturschutzstiftung vor, während Sigrid die Literaturzeitschrift Granta und den gleichnamigen Verlag sowie die humanitäre Stiftung »Sigrid Rausing Trust« leitet.

Dem Architekturbüro KKLF im selben Gebäude wurde bereits eine Erhöhung der Nettokaltmiete von 13 auf 38 Euro pro Quadratmeter präsentiert. In anderen Etagen residieren die »Neue Gesellschaft für Bildende Kunst« sowie das »Museum der Dinge«, deren Verträge erst in ein paar Jahren auslaufen. Die Mietforderungen gegenüber den Architekten lässt Schlimmes ahnen für diese Adresse mit seiner hohen Konzentration an Kunst und Kultur. Hinter der Fassade von Kulturbeflissenheit und Mäzenatentum an anderer Stelle kommt hier die hässliche Fratze profitmaximierender Spekulanten zum Vorschein. Offenbar soll deren humanitäres Engagement auf Dauer refinanziert werden. Doch in Kreuzberg und vielleicht auch gerade am Beispiel dieses Hauses könnten die Spekulanten eines Besseren belehrt werden, denn die Mieter haben sich zusammengeschlossen. Namenspate und Reporterlegende Egon Erwin Kisch (1885–1948) formulierte für ein Vorwort des Buchs »Klassischer Journalismus«: »… zu lernen ist, dass nicht die bessere Sache den irdischen Sieg erficht, sondern die besser verfochtene Sache«.

In diesem Geiste ist die Youtube-Kampagne »Wir sind die Straße« zu sehen, in der 21 Personen in den Räumen von »Kisch und Co.« ihrer Empörung Luft machen. Sehr pikant, dass ausgerechnet die feministische und aus Schweden stammende Künstlerin Åsa Sonjasdotter mit von der Partie ist. Sie wuchs in der Nachbarschaft der Rausing-Geschwister auf und liest den beiden in ihrer Landesspache die Leviten.

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