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Aus: Ausgabe vom 12.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Wem gehört das Leid der Welt?

Zur Kontroverse um Jeanine Cummins’ schwülstigen Fluchtroman »American Dirt«
Von Jakob Hayner
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Wen interessieren schon die Umstände? Jeanine Cummins verkauft schlechtes Gewissen für die bürgerliche Mittelschicht (Güterzug »La Bestia«, Mexiko 2014)

Der nun auf deutsch erschienene Roman »American Dirt« der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins ist zum Gegenstand einer heftigen Literaturkontroverse geworden. Das Buch erzählt die Geschichte einer Flucht von Mexiko in die USA – mit allen Hässlichkeiten und dem Elend, die leider keine literarische Fiktion, sondern Wirklichkeit sind. Cummins wird vorgeworfen, sich an dem Leid der Migranten zu bereichern. Sie betreibe »kulturelle Aneignung«, also benutze die Erfahrungen einer ihr fremden Kultur zu ausbeuterischen Zwecken. Auch bediene ihr Buch Klischees und Stereotype, die beleidigend und herabwürdigend seien. Die Debatte ist ein neues Kapitel der zurzeit ausgefochtenen »Culture Wars«, in denen zumeist linksliberale Akademiker bestimmte Kunstwerke skandalisieren. Ein Mann, der die Gefühle einer Frau beschreibt? Eine Weiße, die die Erfahrungen von Schwarzen schildert? Undenkbar, folgt man der Argumentation der strikten Kulturtrennung.

Doch kann die Diskussion um »American Dirt« zeigen, dass die Kritik bei aller Verworrenheit Symptom einer Problematik ist. Das hat sowohl mit dem Buch als auch mit dem Literaturmarkt zu tun. Zuerst zum Roman: Lydia und Sebastián leben mit ihrem Sohn Luca in Acapulco, dem berühmten Bade- und Touristenort an der Pazifikküste. Sie gehören zur mexikanischen Mittelklasse. Er arbeitet als Journalist, der über die Macht der Drogenkartelle schreibt, sie hat einen Buchladen. Eines Tages lernt sie dort einen charmanten Gentleman kennen, mit dem sie sich befreundet. Der Bücherliebhaber hat eine dunkle Seite. Er ist der Boss eines aufstrebenden Kartells, über den Lydias Mann einen Enthüllungsartikel schreibt. Davon wenig angetan, lässt der Gangster Lydias gesamte Familie ermorden. Nur durch Zufall überleben sie und Luca, die sich auf den Weg in die USA machen. Auf den Dächern von Güterzügen flüchten sie vor den Häschern des Kartells und den Schlägern der Polizei. Sie vertrauen sich einem Schlepper an, der sie über die Grenze bringt.

Die Macht der Drogenkartelle, der unterwanderte und korrupte Staatsapparat, die Lebensgefahr für Journalisten, die Hunderttausenden vor Gewalt Fliehenden, die Zehntausenden auf dem »La Bestia« genannten Zug, die mit Mauern, Zäunen und Bewaffneten abgeriegelte Grenze, das alles ist unbestreitbarer Teil unserer Welt. Cummins hat für »American Dirt« zahlreiche Gespräche geführt und Recherche betrieben. Wenn man einen Tatsachenroman schreibt, ist das unerlässlich. Im Stile der klassischen Einfühlungsreportage blickt sie jedoch kaum auf die Ursachen, sondern nur auf die Auswirkungen – mehr Gefühl statt Analyse. Über die politische Ökonomie der Drogenkartelle erfährt man trotz der dafür geeigneten Figur des Journalisten so gut wie nichts. Statt dessen erfahren Lydia und Luca auf ihrer Flucht, dass es immer böse und gute Menschen gibt. Doch selbst wenn das so stimmen würde, würden die darüber hinausgehenden Umstände doch interessieren.

Doch Literatur beschränkt sich nicht auf Tatsachen. Die Poesie durchdringt die Wirklichkeit auf andere Weise – und spiegelt sie entsprechend. Doch wie? Cummins erzählt durch und durch konventionell. Die Dialoge sind mehr als hölzern, die Personen ohne jegliche Tiefe und auch lebhafte Beschreibungen liegen der Autorin nicht. Die Psychologie der Figuren scheint aus dem Baukasten einer Vorabend­serie zu stammen. Gefühlte hundert Mal drücken sich Lydia und Luca die Hand (fest, zärtlich, kaum spürbar, …), was dann wiederum Gefühle ausdrücken soll, die für die Autorin offenbar unbeschreiblich sind. Das ganze Buch folgt der Logik eines Melodrams, in der Frau und Kind einer schweren Prüfung ausgesetzt sind, die sie aber durch innere Stärke bewältigen und zugleich Gut und Böse zu unterscheiden lernen – wie ein christliches Erbauungsbüchlein. Die Botschaft von der Suche nach der inneren Stärke dürfte ein durch Religion, Massenmedien und neoliberale Ideologie geprägtes bürgerliches Lesepublikum der USA durchaus ansprechen. Vor allem, wenn die Hauptfiguren einer moralisch integren Mittelklasse entstammend beschrieben werden, als die man sich ebenfalls imaginiert.

Somit zum Buchmarkt: Die Startauflage von »American Dirt« lag bei einer halben Million Exemplare, der Vorschuss soll im siebenstelligen Bereich rangieren, die Filmrechte sind längst veräußert. Cummins selbst ist im Literaturbetrieb nicht unbekannt, vor ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitete sie zehn Jahre lang als Lektorin bei einem der größten Verlagshäuser des Landes. Oprah Winfrey hat das Buch wärmstens empfohlen. Sie betreibt eine der bekanntesten TV-Sendungen des Landes – die popkulturelle Überformung evangelikaler Beichte und Katharsis vor Publikum. Wenn Winfrey in ihrem Book Club ein Buch bewirbt, verkauft es sich. Offensichtlich erwartete man, mit dem Buch ein bürgerliches Massenpublikum anzusprechen, das nicht auf der Linie von Fox News und dem Präsidenten liegt. Und wenn man schon mit schlechtem Gewissen Kasse machen möchte, muss es immerhin Menschen geben, die solcherlei Empfindungen überhaupt noch verspüren. Der Impuls der Empathie ist noch das beste an »American Dirt«, und es wirkt völlig unverständlich, die Autorin gerade dafür zu kritisieren, um im nächsten Moment ein zynisches Blut-und-Boden-Eigentumsrecht an dem Leid dieser Welt ins Feld zu führen.

Es sind Individuen, die Erfahrungen machen und in Literatur ausdrücken. Jeder Literatur könnte man vorwerfen, sie repräsentiere nicht die Erfahrungen aller oder einer »Kultur«. Das muss sie aber nicht, um wahr zu sein. Erfahrungen gehören jedenfalls nicht irgendeinem Volk oder einer Kultur. Diskutiert man über die literarische Behandlung eines Stoffes, sind Begriffe wie rechtmäßig oder legitim Fehl am Platz. Statt mit Herkunft sollte man mit literarischen und politischen Argumenten diskutieren. Damit lässt sich nämlich besser kritisieren, dass schlecht geschriebener Einfühlungskitsch wie »American Dirt« zum Kassenschlager wird.

Jeanine Cummins: American Dirt. Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Naumann. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2020, 560 Seiten, 15 Euro

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