Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 09.05.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Von Arnold Schölzel
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Es waren »die Deutschen, die den Krieg angezettelt, die Nachbarn überfallen und sechs Millionen Juden ermordet haben«, schreibt Kolumnist Alexander Neubacher im Spiegel. Da sei »Befreiung« ein seltsames Wort. Normalerweise seien es »die Opfer, die befreit werden, nicht die Täter«. Das waren demnach rund 72 Millionen. So viele Einwohner wurden bei der Volkszählung 1939 im Reichsgebiet erfasst. Oder meint Neubacher auch die gut sieben Millionen in der »Ostmark«, wie Österreich nach dem Anschluss getauft wurde, oder die des annektierten Sudetengebietes? Absurd.

Laut einer Zeit-Umfrage, aus der Neubacher zitiert, ist er mit seiner Sichtweise nicht auf der Seite der Mehrheit. 53 Prozent der Befragen hätten der Aussage zugestimmt: »Es waren nur einige Verbrecher.« Unabhängig davon, wie viele in der DDR Aufgewachsene da gefragt wurden: Der 8. Mai spaltet das Land. Zwischen Neubacher und einer Umfragemehrheit, vor allem aber zwischen unten und oben, erst recht in Zeiten, da das US- und NATO-Blitzkriegstraining gegen Russland wegen einer Pandemie nur zeitweilig unterbrochen wird.

Fest steht: Früher als in der BRD erfuhren Schüler in der DDR von der Vernichtung der europäischen Juden und von den 27 Millionen Kriegstoten in der Sowjetunion. In der BRD bedurfte es der US-Fernsehserie »Holocaust«, der Fiktionalisierung, um 1979 im Massenpublikum eine Ahnung vom Faschismus zu verbreiten. Diese Vokabel war aus BRD-Lehrbüchern systematisch eliminiert worden, man bevorzugte »Nationalsozialismus« – mit ähnlichen Intentionen wie die Urheber der Demagogie. Von sowjetischen Opfern, von den mehr als eine Million Menschen, die beim größten Verbrechen der Wehrmacht auf russischem Boden, der Blockade Leningrads, ums Leben kamen, wurde in der BRD selten berichtet. Der alte Feind war schließlich der aktuelle. Da kann von Befreiern keine Rede sein.

Aber nach 75 Jahren ist es Zeit, Ignoranz und Gleichgültigkeit auf ein neues Niveau zu bringen. Neubacher schreibt also: »Die Deutung des Kriegsendes als ›Befreiung‹ geht auf eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1985 zurück.« Denn die DDR, die den 8. Mai zum – zeitweilig arbeitsfreien – Feiertag gemacht hatte, die Antifaschisten, die Widerstandskämpfer, die Kommunisten beider deutscher Staaten hat es nie gegeben. Weizsäcker, schreibt Neubacher, habe »Befreiung« nicht »relativierend« verwendet, sondern sich »gegen die Stahlhelmer von CDU und CSU« gestellt. Er sprach nicht von Weltgeschichte, sondern von CDU-Querelen. Heute aber sei »›Befreiung‹ zum Begriff eines Deutschlands geworden, das sich selbst begnadigt.« Wegen der 53 Prozent. Die seit 1990 wenig darüber erfahren, wer Hitler finanzierte und an die Macht schob, wer den Krieg gegen die Sowjetunion wollte, denen IG Farben unbekannt ist. Wenn Angela Merkel im Chemiewerk Leuna eine Rede zum 100jährigen Bestehen hält, fällt der Firmenname nicht. Das größere Verbrechen ist seit 1990 die DDR.

Neubacher meint, der 8. Mai sei für viele Menschen und Nationen ein Tag der Befreiung. Aber: »Für uns ist es der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Zum Glück.« Es sei aber auch »der Neubeginn eines Deutschlands, das alles besser und anders machen wollte. Nicht alles gelang, aber vieles schon.« So wurden in den Westzonen bald nach 1945 die Aufstellung einer »Armee gegen die Sowjets« (Spiegel-Gründer Rudolf Augstein 1961) gerechtfertigt und die Gewinne aus Sklavenarbeit für die Familien Quandt und Flick, die deutsche Bank etc. gesichert. Dafür wurde die BRD gegründet. Kann ein Spiegel-Autor 2020 nicht ahnen. Weil noch nicht alles gelungen ist, wird wieder auf den Panzerbahnen des Führers Richtung Osten geübt. Nach dem Krieg war »für uns« stets vor dem Krieg. Neubacher ist im NATO-Magazin gut aufgehoben.

Weil noch nicht alles gelungen ist, wird wieder auf den Panzerbahnen des Führers Richtung Osten geübt. Nach dem Krieg war »für uns« stets vor dem Krieg.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Werner Simonsmeier: Weit daneben Diesen Kommentar zum Spiegel-online-Beitrag von Alexander Neubacher kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Neubacher fragt, ob der Begriff »Befreiung« in bezug auf die deutsche Bevölkerung angemesse...

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