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Aus: Ausgabe vom 09.05.2020, Seite 15 / Geschichte
Antifaausschüsse

Antifaschistische Selbsthilfe

Nicht alle Gebiete Deutschlands waren bei Kriegsende vor 75 Jahren unter Kontrolle der Alliierten. Im Erzgebirge organisierten Nazigegner die regionale Verwaltung
Von Gerd Bedszent
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Zeitweilig unbesetzt, aber nicht Republik. Wegweiser eines Lehrpfads in Schwarzenberg

Der Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus am 8. Mai 1945 zeigt nach allgemeinem Verständnis auch den vollständigen Sieg über diesen Faschismus an. Weniger bekannt ist, dass einige Gebiete des Deutschen Reiches bei Kriegsende noch nicht von den Siegermächten besetzt waren und etwa in Teilen Schleswig-Holsteins Hitlers Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz noch bis zum 23. Mai, dem Tag seiner Verhaftung durch britische Militärs, sein Regime aufrechterhalten konnte. Ein weiteres von alliierten Truppen nicht befreites Gebiet gab es außerdem in Westsachsen. Der Landkreis Schwarzenberg, die kreisfreie Stadt Aue sowie einige umliegende Gebiete blieben noch für 42 Tage sich selbst überlassen. Faschistisch regiert wurden sie in dieser Zeit allerdings nicht.

Die sowjetischen Armeen hatten bei Kriegsende ihren Vormarsch an der zuvor mit der US-Militärführung vereinbarten Demarkationslinie bei Annaberg und Chemnitz eingestellt. Die US-Truppen stoppten jedoch zeitgleich aus bis heute ungeklärten Gründen ihren Vormarsch in der Höhe von Zwickau und Auerbach. Nur wenige Patrouillen stießen weiter vor, zogen sich aber schnell wieder zurück. Dadurch wurde ein Gebiet von etwa 1.500 bis 2.000 Quadratkilometern mit geschätzt 500.000 Einwohnern zwischenzeitlich zum Niemandsland, eingeschlossen zwischen der im Norden und Westen stehenden 12. US-Armee, den Sowjettruppen der 1. Ukrainischen Front im Osten und der Grenze zur Tschechoslowakei im Süden.

Ohne Rückendeckung

In dem vergleichsweise kurzen Zeitabschnitt brachten in 23 Städten und Dörfern der Region Antifaschisten die Macht an sich, entwaffneten die Polizei und organisierten die Versorgung der Bevölkerung mit den allernotwendigsten Gütern. Die in dem Zusammenhang immer wieder durch die Medien geisternde Bezeichnung »Freie Republik Schwarzenberg« ist allerdings eine auf den Schriftsteller Stefan Heym zurückgehende literarische Fiktion.

Die spontane Bildung antifaschistischer Aktionsausschüsse war in der unmittelbaren Nachkriegszeit durchaus nichts Ungewöhnliches – es gibt dafür sowohl in West- als auch Ostdeutschland Hunderte Beispiele. Nach dem Zusammenbruch des alten Regimes dachte die Mehrheit der Nazifunktionäre nur noch daran, die eigene Haut zu retten und sich für die Nachkriegszeit die Taschen zu füllen. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Infrastruktur wurde so zur Aufgabe von Überlebenden des politischen Untergrundes.

Die Aktionsausschüsse gingen nach Beseitigung des allerschlimmsten Chaos entweder von selbst in den neugeschaffenen Verwaltungsapparaten auf oder wurden von den Alliierten zwangsweise aufgelöst. Politisch waren die Ausschüsse sehr heterogen zusammengesetzt: Kommunisten, Sozialdemokraten sowie Mitglieder kleinerer linker Parteien und Gruppen dominierten, es gab aber auch nicht wenige liberal und bürgerlich-konservativ eingestellte Nazigegner, sogar ehemalige Wehrmachtsoffiziere, die ganz am Schluss noch die Front gewechselt hatten und sich nun der antifaschistischen Verwaltung zur Verfügung stellten.

Das Außergewöhnliche an dem Gebiet im Westen Sachsens bestand darin, dass die Aktionsausschüsse dort ohne Rückendeckung einer Besatzungsmacht mit den Resten des Naziregimes Schluss machen mussten und dies auch taten. Ein erster Aktionsausschuss in der Region Schwarzenberg konstituierte sich bereits am 8. Mai in der Ortschaft Bermsgrün. Entscheidend war dann wenige Tage später der Machtwechsel in der Kreisstadt Schwarzenberg: Am 11. Mai organisierte dort eine Gruppe von Kommunisten und Sozialdemokraten um den ehemaligen kommunistischen Stadtrat Willy Irmisch eine Arbeiterwehr und besetzte das Rathaus. Der Nazibürgermeister wurde zum Rücktritt gezwungen, die ihm unterstehende Polizei und Bürgerwehr entwaffnet. Das Beispiel der Kreisstadt machte schnell Schule. Am 14. Mai konstituierte sich ein antifaschistischer Aktionsausschuss in der Ortschaft Raschau, am 21. Mai in der nahe Schwarzenberg gelegenen Stadt Aue, dann auch in den meisten anderen Gemeinden der Region.

Der parteilose Landrat des Kreises Schwarzenberg akzeptierte den Machtwechsel, berief Irmisch am 12. Mai zum kommissarischen Bürgermeister von Schwarzenberg und arbeitete in der Folge eng mit ihm zusammen. Der Kommunist Paul Korb baute eine Antifapolizei auf und verhaftete als erstes mehrere örtliche Nazifunktionäre, darunter den Leiter der Gestapo und den Ortsgruppenleiter der NSDAP. In den Folgewochen entwaffneten die Antifaschisten auch marodierend herumziehende Wehrmachtssoldaten und lösten ein Werwolf-Lager der Hitlerjugend auf. Ihren spektakulärsten Erfolg erzielte die Antifapolizei am 16. Mai, als sie Martin Mutschmann, den NSDAP-Gauleiter von Sachsen, in seinem Versteck in der Ortschaft Tellerhäuser aufspürte und der nächstgelegenen sowjetischen Kommandantur übergab.

Die Hauptaufgabe der antifaschistischen Macht bestand aber in der Sicherung der Versorgung der Bevölkerung. In den Gebirgsregionen Westsachsens funktionierte die Agrarproduktion nur in eher bescheidenem Umfang, und die mit Kriegsflüchtlingen überfüllten Städte und Gemeinden litten mit dem Abreißen der Kontakte zur Außenwelt an akuter Lebensmittelknappheit. Bei der Suche nach bisher unentdeckten Vorratslagern kam es zu Zusammenstößen zwischen der Antifa-Polizei und Trupps von Wehrmachtssoldaten und SS-Leuten, die sich immer noch in Gebirgsdörfern verschanzt hielten. Bitten um Unterstützung an die Besatzungsmächte blieben wegen des ungeklärten Status der Region zunächst unerwidert.

Rote Armee rückt ein

Als jedoch die US-Truppen im Rahmen des zuvor mit der sowjetischen Führung vereinbarten Gebietsaustausches ab dem 15. Juni schrittweise die Gebiete in Sachsen und Thüringen räumten, rückte die Rote Armee nach und kam schließlich am 25. Juni auch nach Schwarzenberg. Der Aktionsausschuss übergab seine Geschäfte an die sowjetische Kommandantur und löste sich auf. Die meisten antifaschistischen Aktivisten verloren in der Folge ihre politischen Ämter wieder. Die herrschaftslose Zeit in Schwarzenberg und Umgebung blieb letztlich nur eine Episode der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Dennoch wurde die wenige Wochen andauernde antifaschistische Selbstverwaltung Gegenstand mehrerer literarischer Bearbeitungen. Sehr zu empfehlen ist etwa die auf den Tatsachen beruhende Erzählung »Das unbesetzte Gebiet« von Volker Braun aus dem Jahr 2004.

Aus dem Annaberger Tageblatt vom 19./20. Mai 1945:

»Wie ein Lauffeuer ging am Donnerstag die Nachricht von der Festnahme des ehemaligen Nazigewaltigen in Sachsen, Martin Mutschmann, durch unsere Stadt. Die Bevölkerung, die über zehn Jahre auch in unserem Bezirk von den Parteiaposteln der NSDAP zur Anbetung dieses politisch verblödeten Nazigötzen gezwungen worden ist, atmete erleichtert auf, wieder von jenen Figuren befreit zu sein, die zu den intimsten Freunden Hitlers gehörten. Lange genug hat er unter Missbrauch seiner Machtstellung und mit der Unfähigkeit seines totalen Nichtskönnens über Wohl und Wehe der sächsischen Bevölkerung zu bestimmen gehabt. (…) Er ist nicht nur Mitschuldiger an den entsetzlichen Greueln, die auch in sächsischen Arbeits- und Konzentrationslagern verübt wurden, sondern er ist – und das wollen wir niemals vergessen! – auch der Mörder unserer Frauen und Kinder, die er als Reichsverteidigungskommissar von Sachen willenlos in die Vernichtung des Luftkrieges trieb. (…) Mutschmann entpuppte sich auch als Schieber und Volksbetrüger ganz großen Formats. Lebensnotwendige Volksgüter, die der breiten Masse entzogen wurden, konnten jetzt bei ihm beschlagnahmt werden. In umfangreichen Lagern hatte er alle nur erdenklichen Lebensmittel für seinen persönlichen Bedarf aufgespeichert. Während andere hungerten oder wegen lächerlicher, aus Hunger begangener Vergehen härteste Strafe erdulden mussten, bereicherte sich dieser Betrüger widerrechtlich, füllte seine Vorratslager bin zum Brechen und fraß sich satt wie eine Made im Speck.«

Literatur:

– »Republik im Niemandsland. Ein Schwarzenberg-Lesebuch«, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 1997

– »Freie Republik Schwarzenberg. Zeugnisse einer Legende. Dokumente und Berichte«, herausgegeben vom Kunstverein Schwarzenberg e. V., 1998

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