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Aus: Ausgabe vom 09.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Geschichtswissenschaft

Der Fall Felix Klein

Die Attacke des Antisemitismusbeauftragten auf Achille Mbembe gehört zu seinem Job
Von Arnold Schölzel
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Ein ignoranter Tropf, aber das gehört zum Anforderungsprofil: Felix Klein

Aus der »Causa Mbembe« sei ein »Fall Klein« geworden, heißt es im aktuellen Freitag, und das sei »überfällig«. Wohl wahr. Ob es allerdings eine »Causa Mbembe« gab, sei hier bezweifelt. Und ob der Bundesbeauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus gehen sollte, weil er »überfordert« ist? Fraglich, denn das Gegenteil ist der Fall. Der Mann hat seinen Job gemacht. Er hebt regelmäßig Rufmord gegen Kritiker israelischer Regierungspolitik aus medialen Niederungen in die Höhe einer Bundesbehörde und deutet den Betreffenden an: Das ist in diesem Staat Chefsache. Mit dem Schutz von Juden hat sein Amt ungefähr so viel zu tun wie der Verfassungsschutz mit der Verfassung. Der hat zweimal vom Bundesverfassungsgericht bescheinigt bekommen, dass die NPD so etwas wie sein politischer Arm ist. Herr Klein hat nur Beatrix von Storch, die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Bundestag und deren Antisemitismusbeauftragte. Sie als seine politische Hilfskraft zu bezeichnen, ist nicht übertrieben, auf jeden Fall liest sie z. B. die Artikel Benjamin Weinthals in der Jerusalem Post schneller als Klein. Weinthal hat dort z. B. am 23. April in einem Artikel aufgezählt, dass der Kulturbeauftragte des deutschen Außenministeriums, Andreas Görgen, siebenmal einen Tweet zugunsten von Mbembe abgesetzt hat. Frau von Storch hat das am 30. ­April bereits zu der Auffassung geführt, dass »das SPD-geführte Auswärtige Amt sich immer mehr zu einem Hort des Antisemitismus zu entwickeln scheint«. Görgen twittert nun nicht mehr über Mbembe, der Sumpf wird trockengelegt.

Wer wie Klein nur auf rechtsgewirkten Unfug solcher Art ein amtliches Siegel pappen soll, kann keine »Causa Mbembe« produzieren. Da fehlt doch einiges an Anstand und Wissen. Wäre es eine »Causa«,wäre sie auch eine z. B. des Nobelpreisträgers und südafrikanischen Erzbischofs Desmond Tutu. Den zitierte die israelische Zeitung Haaretz 2014: Die »Erniedrigung der Palästinenser ist allen schwarzen Afrikanern vertraut«. Oder es wäre die »Causa« des jüdischen südafrikanischen Kommunisten und früheren Ministers Ronny Kasrils, der im April 2019 dem britischen Guardian sagte: »Ich kämpfte gegen die Apartheid. Ich sehe dieselbe brutale Politik in Israel.«

Wer gegen das jahrhundertealte Morden und den Sklavenhandel von Kolonialisten anging oder wie Mbembe dieses Fundament der sogenannten Neuzeit Europas, des Kapitalismus, philosophisch zu fassen sucht, der soll keine Parallelen zum letzten existierenden Siedlerkolonialismus ziehen dürfen? Nein, denn dann kommen hierzulande rheinländische FDP-Politiker aus der Deckung, wie so oft in Symbiose mit dem westdeutschnationalen Internetblog »Ruhrbarone« – seit Gründung 2007 mindestens so gut wie Benjamin Weinthal für an Haaren herbeigezogene Kampagnen wegen angeblichen Antisemitismus –, und nun schließlich Felix Klein, seit 1. Mai 2018 im neugeschaffenen Amt. Das musste einfach her. Denn wer wie Mbembe die weltweite Schaffung eines Arbeitsheeres, das nach Hunderten Millionen Menschen, die über keine Schutzrechte mehr verfügen – sie haben ja Handy oder Laptop –, als Wiederkehr des Sklavenstatus brillant und packend beschreibt, wer die soziale Frage so unverschämt klar aufwirft, ohne Marxist oder gar Kommunist zu sein, dem muss hierzulande der Mund gestopft werden. Wer der hanebüchenen Version von Antisemitismus folgt, die von der Bundesregierung 2017 faktisch zum Gesetz erhoben wurde, der muss von Mbembes Forschungen nichts wissen. Und erst recht nicht von Kriegen, die von hier ausgehen und mit Waffen am Köcheln gehalten werden.

Klein ist ein ignoranter Tropf. Eine Woche nach seiner Nominierung zum Bundesbeauftragten lief er am 18. ­April 2018 in Berlin vorne mit bei Evangelikalen, die dort jährlich den »Marsch des Lebens« abhalten. Die christlich Frommen wollen lediglich, dass alle Juden nach Israel ziehen und auf den Messias warten – antisemitisch, aber, da religiös begründet, staatstragend. In diesem Jahr fiel der Aufzug wegen Pandemie aus, fand aber im Internet statt – mit Grußbotschaften der Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und Sachsen.

Der Rest von Kleins Tätigkeit ist von ähnlichem Kaliber. Die internationalen Wissenschaftler, die am 30. ­April von Innenminister Seehofer seine Ablösung forderten, haben nicht nur genug Gründe genannt, sie müssen endlich in der Bundesrepublik breite Unterstützung finden. Denn es ist richtig, was sie am 1. Mai in ihrer zusätzlichen Solidaritätserklärung mit Achille Mbembe geschrieben haben: »Ohne die vergleichende Betrachtung wäre ein Erkenntnisgewinn in der Geschichtswissenschaft, wie in den meisten anderen Wissenschaftsdisziplinen, grundsätzlich nicht möglich. Unseren Kollegen dafür der Verharmlosung der Schoah oder gar Gleichsetzung des Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden mit dem rassistischen Regime Apartheid-Südafrikas zu bezichtigen, stellt eine fundamentale Grundlage der Wissenschaft in Frage und ist deshalb falsch.« Es geht dort, wo ein Felix Klein Bundesbeauftragter wird, rasch um alles, was Anstand, Vernunft und Wissen ausmacht. Das Problem: In diesem Staat wird so einer gebraucht.

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