Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 08.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Kampf um die Geschichte

75 Jahre Sieg über den Hitlerfaschismus
Von Sergej J. Netschajew
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Sergej J. Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland

Am 9. Mai feiert unser Land den 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg und die Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus. Für die Völker der ehemaligen Sowjetunion ist das ein besonders wichtiges und ehrwürdiges Datum. Der blutigste Konflikt des 20. Jahrhunderts traf jede sowjetische Familie, kostete 27 Millionen Sowjetbürger das Leben, brachte unermessliches Leiden und Kummer, zahlreiche Städte und Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt.

Es ist unsere heilige Pflicht, die Wahrheit über jene Jahre fürsorglich zu erhalten und an die schmerzvollen Lehren des Kriegs zu erinnern, damit sich die Tragödie nie wiederholt. Der selbstlose Kampf des multinationalen Sowjetvolkes gegen die Invasoren dauerte vier lange Jahre. Um den Preis erschreckend hoher Opferzahlen und kolossaler Kraftanstrengungen vertrieb die Sowjetunion die Aggressoren vom eigenen Boden und befreite Europa von der braunen Pest. Ein gewichtiger Beitrag zur Zerschlagung des Nazismus wurde von allen Ländern der Antihitlerkoalition und den Kräften des antifaschistischen Widerstands geleistet.

Den Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages des Sieges weist Russland eine enorme Bedeutung zu. In ihrem Rahmen nimmt Deutschland einen besonderen Platz ein. Die Coronapandemie hat uns die entsprechenden Planungen wesentlich ändern lassen. Aber auch in der aktuellen Situation setzen die russischen Auslandsvertretungen in Deutschland alles daran, das Jubiläum in aller Würde zu feiern. Unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit finden feierliche Kranzniederlegungen an sowjetischen Soldatengedenkstätten und -friedhöfen statt, u. a. auf den Seelower Höhen, im Tiergarten, in Pankow und im Treptower Park in Berlin, an vielen anderen Orten. Zudem werden Gedenkstunden in ehemaligen Konzentrationslagern abgehalten, wo eine Vielzahl unserer Landsleute ermordet und zu Tode gemartert wurde, wie Sachsenhausen, Ravensbrück, Buchenwald.

In den virtuellen Raum verlagert wird das »Unsterbliche Regiment«, eine von der Gesellschaft getragene Aktion, bei der die Nachkommen das Andenken ihrer Vorfahren ehren, die an der Front oder durch harte Arbeit im Hinterland den Sieg näher brachten. Bei der Durchführung der Gedenkveranstaltungen arbeiten wir mit unseren Landsleuten, Partnern aus den GUS-Staaten, Vertretern der deutschen Bundes- und Landesbehörden sowie öffentlichen Organisationen zusammen. Ich danke allen, die uns unterstützen. Doch mein besonderer Dank gilt den Veteranen des Kampfes gegen den Hitlerfaschismus. Ihr Heldenmut kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges müssen wir zurückblicken und uns die Frage stellen, welche Bilanz wir an diesem denkwürdigen Tag ziehen können. Hat die Welt die schrecklichen Kriegslehren zur Genüge beherzigt?

Wir müssen mit Bedauern feststellen, dass in letzter Zeit zunehmend jene politischen Kräfte ihr Haupt erheben, die Ursachen, Fortgang und Ergebnisse des Krieges einer einschneidenden Revision unterziehen, den entscheidenden Beitrag der Roten Armee und des sowjetischen Volkes zum Sieg über den Nazismus in Zweifel ziehen und die Sowjetunion für die Entfesselung des Konflikts verantwortlich machen wollen. Diese Kräfte setzen sich zum Ziel, die Geschichte umzuschreiben, sie machen weder vor Lügen und Fälschungen noch vor Abriss von Denkmälern und Gedenkstätten für sowjetische Soldaten halt. Russland wird jeglichen Versuchen entschlossen entgegentreten, der politischen Konjunktur zuliebe Ergebnisse des Krieges und Urteile der Nürnberger Prozesse zu revidieren, die Rolle des sowjetischen Volkes der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, Henker und Opfer, Aggressoren und Befreier gleichzusetzen. Der Präsident Russlands, Wladimir Putin, betonte in diesem Zusammenhang: »Das Vergessen der Vergangenheit und die Vereinzelung im Angesicht von Bedrohungen können für uns alle furchtbare Konsequenzen haben«.

Erfreulicherweise nehmen die meisten Deutschen die Ereignisse und Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs objektiv wahr und gehen rücksichtsvoll mit diesem Gedenken um. Über 4.000 sowjetische Kriegsgräberstätten in Deutschland werden gebührend instand gehalten, Probleme werden unverzüglich gelöst, sobald sie auftauchen. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst von Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden, unserer Partner aus dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., zahlreicher sozialer Organisationen, Freundschaftsgesellschaften und natürlich einfacher Bürgerinnen und Bürger. Ihnen danke ich dafür recht herzlich.

Eine der wichtigsten Lehren für die Menschheit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besteht in der Schaffung eines gerechten Systems der internationalen Beziehungen, der multilateralen Kooperation im Sinne der Gleichheit und der gemeinsamen Interessen. Die Geschichte lehrt, dass jedweder Versuch, eigene Anliegen auf Kosten von Interessen und Sicherheit anderer Länder zu lösen, die eigene Meinung als die einzig richtige aufzudrängen und Andersdenkende unter Druck zu setzen, zu nichts führt. Niemals ging es gut aus, wenn man sich über andere stellt und das Monopol auf Wahrheit und Gerechtigkeit proklamiert. Wollen wir das in Erinnerung behalten.

S. E. Sergej J. Netschajew ist Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 8. Mai 2020 um 09:56 Uhr)
    Der Zusammenhang zwischen Toleranz als Bedingung der eigenen Interessenvertretung, ab Selbsterhaltung glückaufwärts, und das Gut der Rechtssicherheit und Anwendung bewiesenen Wissens, das mit viel Mühe erforscht wird und per Schulpflicht in jedem Staat als gemeinsame Handlungsgrundlage gelehrt wird, sind in diesem kurzen Kommentar stark verkürzt bis zur Verständlichkeit des Gegenteils des »wahren« Zusammenhangs.

    Die Sowjetunion hat eine dezidierte Weltanschauung, die keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg oder auch danach »widerlegt« oder extrem schädlich war. Die Sowjetunion praktizierte sogar religiöse gefälschte Toleranz wider besseres Wissen: nämlich zuungunsten der feindlich agierenden Institutionen christliche Kirchen und zuungunsten der östlichen »geosophischen« Religionen – extrem falsch gewichtet –, sowie philosophische Toleranz.

    Die Nazis sowie die Kapitalisten hatten mit dem darauffolgenden Kalten Krieg einen Krieg der Weltanschauungen, in Wirklichkeit um Besitz der Regierungsmacht und Produktionsmittel, postuliert, mit inkohärenter kapitalistischer Seite.

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