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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Schöner scheitern an Jon Fosse

Von Frank Willmann
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Schmerz, Mystik, Alkoholismus, Liebestod: Jon Fosse weiß, was die Skandinavienfreunde erwarten

Ich habe mich mit Jon Fosses Held ins Auto gesetzt, ich habe mir seine Liebe zum Katholizismus begreiflich machen lassen, wurde über die Unsinnigkeit der Taufe und anderen Mummenschanz informiert, ich erlebte den Doppelgänger des Malers, der dem Alkohol verfallen auf seiner Couch vegetiert, ich las weitschweifige Erinnerung des Helden, der auf dem Weg vom Einkauf in der Stadt zurück in sein Haus auf dem Land mit einem eindringlichen Erlebnis aus seiner Vergangenheit konfrontiert wird, eine Mann und eine Frau, die unverkennbar die Züge des Malers und seiner gestorbenen Frau tragen, unterhalten sich auf einer Spielplatzschaukel und später im Sandkasten bei herbstlicher Frische, Tragik kommt ins Spiel, alles ist schwer, ölig, graue und dünne Haare …

Ohne einen einzigen Punkt, aber mit vielen Fragezeichen und Kommata, sind die ersten beiden Bände (in einem) des auf sieben Bände angelegten Romanprojekts eine schwermütige und zähe Litanei, die mit großem Löffel im Brei der Vergangenheit rührt. Schmerz, Mystik, Alkoholismus, Liebestod … Als ich das Buch auf Seite 89 zur Seite legte, wurde die Schönheit des Fjords beim Durchpaddeln erwähnt.

Ist der Roman womöglich entschleunigtes Sein, eine mitreißende Lektüre, die sich meiner verengten Sicht verweigert? Höchstwahrscheinlich. Immerhin: das Cover ist herrlich deprimierend. Der Norweger Fosse soll laut Verlag ein Meister der Musik und der Sprache sein. Vielleicht ist es ein Buch für gesetztere Kritiker als mich? Ich kann leider nicht jede Büchse öffnen, Manns »Zauberberg«, Meyers »Im Stein«, Enver Hoxhas »Gesammelte Werke«, für mich alles unlesbare Bücher.

Fosse versteht seinen Roman als Gegenmodell zur verquatschten Literatur der Jetztzeit. Ein verführerisches Statement. Ich frage mich, ob in seinem Projekt der Selbstreflexion möglicherweise ein vom Leben gedengelter Künstler und Lebensverneiner sich die Hämorriden aus dem Arsch quatscht.

Jon Fosse: Der andere Name. Heptalogie I–II. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2019, 480 Seiten, 30 Euro