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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Gedenkkultur

Erfüllt sein Vermächtnis durch euer Leben!

Ein unverzichtbares Buch über die letzten Lenin-Denkmäler in Deutschland
Von Peter Michel
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Am Anfang stand die Faszination für dieses Denkmal in Wünsdorf (aus dem Band)

Anno 1972 hielt ich im Hauptquartier der Sowjetarmee im brandenburgischen Wünsdorf einen Diavortrag zur »Darstellung der Sowjetunion in der Kunst der DDR«. Der große Kinosaal im Haus der Offiziere war nur spärlich gefüllt, das Interesse an den stilistischen Besonderheiten der erörterten Werke mäßig; man war wohl mehr an heroische Darstellungen aus der sowjetischen Kunst gewöhnt. Neben der Enttäuschung gab es zwei Eindrücke, die ich nicht vergessen habe: die peniblen Kontrollen beim Einlass in die »verbotene Stadt« und das vier Meter hohe Lenin-Denkmal auf einem roten, steinernen Sockel, das zwei Jahre zuvor am Appellplatz errichtet worden war. Vor zehn Jahren war ich noch einmal dort, um in der »Bücherstadt Wünsdorf« die museal aufbereiteten Bunkeranlagen zu besichtigen. Das einst so beeindruckende Lenin-Denkmal und das schlossartige Haus der Offiziere waren heruntergekommen und vom Verfall bedroht. Sie sind es heute noch.

Der in Berlin lebende Portugiese Carlos Gomes hat diesen Zustand in seinem kürzlich erschienenen Buch »Lenin lebt. Seine Denkmäler in Deutschland« in Text und Bild festgehalten. Es war jenes Wünsdorfer Denkmal, das ihn 2014 derart faszinierte, dass er deutschlandweit nach Lenin-Monumenten suchte. Eine Sisyphusarbeit. Vieles ist spurlos verschwunden. Es wurde gestohlen, für einen Spottpreis verkauft oder fiel dem Vergessen anheim, oft mit unübersehbaren Zeichen des Vandalismus.

Gomes legt nun eine Übersicht vor mit Lenin-Darstellungen, die man in Ostdeutschland noch finden kann: Statuen, Büsten, Reliefs, Mosaike, Glas- und Wandbilder. Das Buch verfolgt die Entstehung dieser Mahnmale, beginnend mit der 1929 von Erich Will-Halle geformten Maske im Treppenhaus des damaligen KPD-Sitzes in Halle an der Saale, bis zur Statue des estnischen Bildhauers Jaak Soans, die seit 1985 in Schwerin steht, trotz zahlreicher Angriffe.

Hinzu kommen Werke, die in Museen oder an früheren Standorten der Sowjetarmee entdeckt werden können. Insgesamt sind es 49. Sie werden nicht nur beschrieben; auch ihre zum Teil abenteuerlichen Geschichten werden spannend erzählt. Die Akribie, mit der da vorgegangen wird, beeindruckt. Ein umfangreicher Anhang benennt die Quellen: literarische Texte, Artikel in Sammelbänden, in der Presse und auf Onlineportalen, Forschungen in Archiven, persönliche Gespräche, Hörstücke und Filme. Dem Autor liegt spürbar jedes Werk am Herzen.

Der Zerstörungsdrang von CDU- und NPD-Politikern wird benannt, der Widerstand gegen Brutalitäten wie den Abriss des Denkmals von Nikolai Tomski in Berlin detailliert und wahrheitsgetreu beschrieben. In den Jahrgängen der DDR-Zeitschrift Bildende Kunst hätten sich weitere Hinweise auf die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte mancher Lenin-Darstellung gefunden. Ein kritischer Blick auf die Künstlerbiographie von Johannes F. Rogge hätte offenbart, dass dieser Bildhauer in der Nazizeit Büsten des »Führers« schuf und auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München vertreten war. Sein 1951 in Königsee aufgestelltes Lenin-Denkmal und seine Lenin-Büste im Weimarer Stadtmuseum erinnern an Lessings Satz: »Die Kunst geht nach Brot«.

Künstlerisch überzeugen vor allem Werke von Gerhard Thieme, Erich Enge, Walter Womacka und Manfred Wagner. Sie unterscheiden sich wohltuend von äußerlicher Heroisierung, gar Vergötzung, die der historischen Figur nicht gerecht wird. Auch Bernhard Heisig malte für die Leipziger Bezirksleitung der SED eine beispielhaft lebendige, nicht »abgehobene«, jedoch intellektuelle Lenin-Figur (vgl. auch seine Lithographie »Lenin und der ungläubige Timofej«). Von ähnlich künstlerischem Format sind ein dynamisches Porträt von Willi Sitte, ein Souveränität ausstrahlender Bronzekopf von Ruthild Hahne oder eine freundliche Profilradierung von Arno Mohr. Doch Denkmale im öffentlichen Raum haben eine andere Funktion, und der Band »Lenin lebt« zeichnet sich vor allem durch dokumentarisches, historisches, auch kulturhistorisches Herangehen aus. Das macht ihn unverzichtbar.

Als Lenin gestorben war, äußerte seine Ehefrau Nadeschda Krupskaja »eine große Bitte: Lasst die Trauer um Iljitsch nicht zu einer äußerlichen Verehrung seiner Person werden. Baut Iljitsch keine Denkmäler, tauft keine Paläste in seinem Namen, veranstaltet keine prächtigen Feste zu seinem Gedächtnis und ähnliches; all diesem maß er bei Lebzeiten eine sehr geringe Bedeutung bei, er empfand es als lästig. Denkt lieber daran, wieviel in unserem Lande noch zu tun ist. Wenn Ihr den Namen Wladimir Iljitsch ehren wollt, errichtet Krippen und Kindergärten, Häuser, Werke, Bibliotheken, Metro-Stationen und Krankenhäuser, Invalidenheime usw. Und die Hauptsache – erfüllt sein Vermächtnis durch euer Leben!« (aus Grigori Sinowjew: Lenin. Verlag für Literatur und Politik, Berlin 1924). Bertolt Brecht schrieb sein Gedicht »Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin« später in eben diesem Geist. Doch die Lenin-Verehrung, auch mit Denkmalen, ließ sich nicht aufhalten. Indem Gomes’ Buch den heutigen Umgang mit diesem Erbe dokumentiert, setzt er der gegenwärtigen Russophobie etwas entgegen.

Die Riesaer Lenin-Figur, die durch Umsetzung auf einen sowjetischen Soldatenfriedhof gerettet wurde (Seite 36 im Buch), ist in einem schlimmen Zustand, obwohl angeblich 2005 in Ordnung gebracht: Korrosion an der Unterseite, Risse im Sockel … – die CDU-Bürgermeisterin, die diese Plastik kürzlich für einen Euro verkaufen wollte, sollte sie restaurieren lassen. Sie ist durch ein Abkommen zwischen Russland und Deutschland geschützt. Der »erläuternde« Kommentar neben dem Denkmal zeigt, wie leicht sich Gymnasiasten in der »freiheitlichen Demokratie« eine Meinung oktroyieren lassen.

Carlos Gomes konstatiert in seinem Nachwort einen unveränderten Zerstörungsdrang bestimmter politischer Akteure. »Es ist folglich nicht auszuschließen, dass in den nächsten Jahren weitere Versuche durchgeführt werden, um noch einige der letzten Lenin-Denkmäler vom Sockel zu stoßen.« Alle ostdeutschen Politiker sollten »unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit die letzten deutschen Lenin-Denkmäler sowie sämtliche übrig gebliebenen DDR-Denkmäler nicht auf eine vereinfachte politische Botschaft reduzieren, sondern als authentische Erinnerungsstücke und wichtige historische Symbole behandeln. Denn keine Gesellschaft kann es sich leisten, geschichtslos zu werden.«

Carlos Gomes: Lenin lebt. Seine Denkmäler in Deutschland. Verlag 8. Mai, Berlin 2020, 120 Seiten mit zahlreichen meist farbigen Abbildungen, 17,90 Euro

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