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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 6 / Ausland
Korea

Rückkehr aus Homeoffice

Pjöngjang: Kim Jong Un zurück in der Öffentlichkeit. Annäherung nach Aprilwahlen in Südkorea möglich
Von Rainer Werning
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Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un weiht am 1. Mai in Sunchon eine Fabrik zur Herstellung von Dünger ein

Der große Autor, Satiriker und Antiimperialist Mark Twain hat einmal geschrieben: »Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben«. Ganz in diesem Sinne meldete sich der Vorsitzende des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), Kim Jong Un, Anfang Mai lachend und allem Anschein nach überaus gesund bei der Einweihung einer Düngemittelfabrik in Sunchon zurück. Die Anwesenden seien »in tosende Hurra-Rufe ausgebrochen«, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur KNCA.

Zuvor hatte die internationale Medienwelt drei Wochen lang in Glaskugeln geschaut und über seinen Verbleib gerätselt. Eines muss man den Kims – vom DVRK-Staatsgründer und Großvater Kim Il Sung über dessen Sohn Kim Jong Il bis hin zu seinem Enkel Kim Jong Un – lassen: Die Mitglieder keiner anderen Familie wurden weltweit dermaßen häufig für tot erklärt.

Laut Medienberichten hatte Kim selbst den US-amerikanischen Machthaber Donald Trump verblüfft, als er in der östlich gelegenen Hafenstadt Wonsan – ein beliebtes Ferienziel der Nordkoreaner – untertauchte und dann plötzlich wieder auf der Bildfläche erschien.

Es waren diesmal in erster Linie ausländische Medien, die Kim als schwerkranken Mann zeichneten oder ihn bereits für tot erklärt hatten. Vergleichsweise unaufgeregt reagierten derweil die Politiker, Diplomaten, Militärs und Geheimdienstler in der südkoreanischen Metropole Seoul. Während Kims Abwesenheit berichteten sie in Fragestunden des Verteidigungskomitees sowie im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten der südkoreanischen Nationalversammlung übereinstimmend, dass die Staatsgeschäfte jenseits des 38. Breitengrads, der Korea teilt, »normal« geführt würden und es zudem zu keinerlei »auffälligen Truppenbewegungen« im Norden gekommen sei. Eine Einschätzung, die sowohl Vereinigungsminister Kim Yeon Chul als auch Außenministerin Kang Kyung Wha teilten.

Peinlich hingegen die schrillen Töne zweier Überläufer aus Nordkorea, die anlässlich der letzten südkoreanischen Parlamentswahlen am 15. April frisch in die Nationalversammlung gewählt wurden. Thae Yong Ho war Vizebotschafter der DVRK in London, bis er sich 2016 nach Südkorea absetzte. Seither zog er kräftig über Kim her, so auch im Wahlkampf, wo er in Seouls Nobelstadtteil Gangnam als Vertreter der stockkonservativen südkoreanischen Opposition das Rennen gegen einen Repräsentanten der progressiven Regierungspartei machte.

Noch einen Tag vor Kims Erscheinen verkündete der andere Überläufer und ebenfalls Gewinner eines Parlamentssitzes bei den Wahlen vom 15. April, Ji Seong Ho, gegenüber der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap: »Mit 99prozentiger Sicherheit ist Kim Jong-Un nach einer Operation am vergangenen Wochenende verstorben.« Quellen gab er keine an.

Die Gerüchte und Unsicherheiten wegen Kims zeitweiligem Verschwinden konnten der sozialdemokratisch orientierten Regierungspartei von Präsident Moon Jae In, der für eine Annäherung mit der DVRK steht, nichts anhaben. Mit einem eindrucksvollen Wahlsieg sicherte sie sich eine absolute Mehrheit im Parlament.

Dies ist auch eine politische Aufwertung Moons und könnte eine neue Chance bieten, die seit Februar vergangenen Jahres stockenden Gespräche über die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel wieder in Gang zu bringen. Damals fand der zweite Trump-Kim-Gipfel in Vietnams Hauptstadt Hanoi statt, blieb aber trotz hoher Erwartungen ohne Ergebnisse.

Seit dem Jahresbeginn 2018 hatte es auch im innerkoreanischen Kontext Bewegung gegeben: Moon und Kim kamen bereits dreimal zusammen. Die große Unbekannte gegenwärtig bleibt – in Zeiten eines beginnenden Präsidentschaftswahlkampfs – die Haltung Washingtons.

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