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Aus: Ausgabe vom 02.05.2020, Seite 15 / Geschichte
Antikriegsproteste

»Bestie des Protests«

Vor 50 Jahren erschoss die US-Nationalgarde vier Studenten der Kent State University, die gegen den Vietnamkrieg protestiert hatten
Von Jürgen Heiser
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Nationalgarde tötet. Auf dem Campus der Kent State University am 4. Mai 1970

An der Kent State University im US-Bundesstaat Ohio mussten die für den 1. bis 4. Mai 2020 geplanten offiziellen Gedenkfeiern für die vor fünfzig Jahren von Nationalgardisten bei einem Studentenstreik gegen den Vietnamkrieg erschossenen Allison Krause, Jeffrey Miller, Sandra Scheuer und William Schroeder abgesagt werden. Wegen der noch andauernden landesweiten Schließung der Hochschulen im Zusammenhang mit dem Coronavirus sollen die Veranstaltungen zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Universitätspräsident Todd Diacon erklärte, es sei »unmöglich, die sehr bewegende und feierliche Erfahrung des physischen Gedenkens an den 4. Mai durch etwas zu ersetzen, das online stattfindet«.
Steve Early, Teilnehmer der Studentenstreiks und seither aktiver Gewerkschafter, nannte es eine Ironie der Geschichte, dass auch damals alle Unis geschlossen waren, die isolierten Studierenden fünf Jahrzehnte später jedoch wegen der Auswirkungen der Pandemie »ihre Gefühle der Wut, Angst und Empörung« nur online teilen könnten. Im Gegensatz dazu sei »das lehrreichste an den Campusschließungen vor fünfzig Jahren die Erfahrung der Macht kollektiven Handelns« gewesen. Die habe »große politische Erschütterungen ausgelöst«.

Weitere Kriegseskalation

Auslöser war eine Rede des 37. US-Präsidenten Richard Nixon (1969–1974), die am Abend des 30. April 1970 vom Weißen Haus aus landesweit live über Radio und Fernsehen gesendet wurde und mit der er die militärische Invasion der USA in Kambodscha ankündigte. »Die Aktionen des Feindes« – laut Nixon »die Kommunisten, die 1954 Nordvietnam übernahmen« – gefährdeten »das Leben der Amerikaner, die sich jetzt in Vietnam befinden«. Deshalb würden ab sofort »wichtige feindliche Zufluchtsorte an der kambodschanisch-vietnamesischen Grenze gesäubert« und »ab heute Abend das Hauptquartier für die gesamte kommunistische Militäroperation in Südvietnam« angegriffen. Die Antikriegsbewegung im Auge, warnte Nixon vor »einem Zeitalter der Anarchie« und vor »geistlosen Angriffen«, mit denen »selbst hier in den Vereinigten Staaten große Universitäten systematisch zerstört« würden.

Für die inzwischen durch den Krieg und seine wachsenden Opferzahlen sensibilisierte US-Öffentlichkeit war Nixons Schritt der Eskalation des bereits unpopulären Krieges in Vietnam ein Affront. Seit dem Eintreffen der ersten sogenannten Militärberater der USA Anfang 1965 und dem bis 1968 eskalierten Bomben- und Bodenkrieg stand eine Invasionsarmee von mehr als einer halben Million US-Soldaten in Südvietnam. Ständig um Nachschub für die Front bemüht, riet eine Werbebroschüre des Reserveoffizier-Ausbildungskorps (ROTC): »Sagen Sie Ihrem Armeerekrutierer, dass Sie bei denen dienen wollen, die Geschichte schreiben, den Soldaten der ›Hell on Wheels‹«. So nannte sich die 2. Panzer- und Feldartilleriedivision aus Fort Hood im Erobererjargon.

Auch Nixons engster Berater, der Deutschamerikaner Henry Kissinger, wollte Geschichte schreiben. In den Jahren 1969 bis 1973 beeinflusste er als Nationaler Sicherheitsberater maßgeblich die Befehlslagen des Weißen Hauses für alle »Höllen auf Rädern« des Pentagon. Im Frühjahr 1970 fürchtete Kissinger indes weit mehr die »Hölle der Straße« – sprich die Viet­namkriegsopposition. Als »unseren Alptraum« bezeichnete er in seinen 1979 veröffentlichten Memoiren diese »Bestie des öffentlichen Protests«. Ihm war klar, dass die Antikriegsbewegung an der Heimatfront verhindern könnte, dass der Überfall auf Kambodscha sich in einen für Washington siegreichen »ehrenvollen Frieden« verwandeln würde.

Deshalb galt es nun, der erstarkenden Antikriegsbewegung einen spürbaren Dämpfer zu verpassen. Unvergessen die Schmach vom 15. November 1969, als eine halbe Million Menschen mit ihrem »Marsch auf Washington« am »Moratorium Day« von Nixon die sofortige Beendigung des Krieges forderte. Kissinger hatte sich über Monate mit sogenannten gemäßigten Kräften der Friedensbewegung zu Geheimgesprächen getroffen, wie er in seinen Memoiren offenbarte. Angesichts der zunehmenden Entschlossenheit der Antikriegsbewegung sah er jedoch »in Grundsatzfragen keine Übereinstimmung« mehr. Aus seiner Sicht nahmen im Frühjahr 1970 »die Differenzen den Charakter eines Bürgerkriegs« an.

Explosion der Wut

Nach Nixons Rede kam es dann Anfang Mai 1970 zu der vom Weißen Haus befürchteten »Explosion an den Universitäten«. Überall im Land wurde in Teach-ins zu Demonstrationen und zum Unistreik aufgerufen. Die Wut der Aktivisten über die Eskalation des Krieges entlud sich vor allem an Dutzenden ROTC-Werbebüros des Pentagon, die niedergebrannt oder gesprengt wurden. Daraufhin ließen die Gouverneure von 16 US-Bundesstaaten gemäß Kissingers Bürgerkriegsszenario an zwei Dutzend Universitäten ihre Nationalgarde aufmarschieren. Ohios Gouverneur James Rhodes befahl seinen tausend Nationalgardisten, den Campus der Kent State University »zu besetzen und Kundgebungen jeglicher Art zu verhindern«. Als sich die Studentenschaft diesem Diktat nicht beugen wollte und sich am 4. Mai 1970 friedlich auf dem Campus versammelte, jagten die mit Bajonetten, Tränengasgranaten, Schrotflinten und M-1-Sturmgewehren ausgerüsteten Nationalgardisten sie über das Gelände und eröffneten schließlich das Feuer. Die vier eingangs genannten Studierenden starben im Kugelhagel, neun weitere wurden schwer verletzt.

An Hunderten Colleges, Universitäten und Highschools im ganzen Land brach daraufhin ein in der Geschichte des US-Bildungswesens beispielloser Aufstand von Millionen jungen Leuten aus. »Fast über Nacht und auf höchst spontane Weise«, so Aktivist Early, sei es »zu einer explosionsartigen Zunahme der Aktivitäten Hunderttausender« gekommen, »die sich zuvor nicht an Antikriegsaktivitäten beteiligt hatten«. Zahlreiche Unigebäude wurden besetzt, und weite Teile der Hochschulen blieben für den Rest des Semesters geschlossen. Polizei und Nationalgarde nahmen mehrere tausend Streikende fest. Allgemein herrschten zwar zunächst Entsetzen und Trauer über die Gewalt gegen Wehrlose vor, doch der Wille, den Krieg zu beenden, war stärker geworden und hatte längst auch weitere Kreise der Professoren- und Lehrerschaft und die Gewerkschaftsmitglieder unter den Verwaltungsbeschäftigten erfasst.
Das staatliche Massaker an der Kent State University konnte den Lauf der Geschichte nicht aufhalten: Am 30. April 1975, exakt fünf Jahre nach Nixons Rede, war der Wahn vom imperialen »Frieden ohne Niederlage« verpufft und der Alptraum der vietnamesischen Bevölkerung durch den Einzug der siegreichen Nationalen Front für die Befreiung Südviet­nams in Saigon endgültig vorbei.

Ein radikaler Sieg der Studenten
Der Streik brachte ein breites Spektrum von Studenten, Fakultätsmitgliedern und Verwaltungsangestellten zusammen – trotz ihrer früheren Differenzen über Protestaktivitäten. Vierunddreißig College- und Universitätspräsidenten riefen in einem offenen Brief an Nixon zu einem raschen Ende des Krieges auf. Der Streik vereinte auch Studenten von privaten und staatlichen Colleges und Schüler von Highschools in Arbeitervierteln. In Philadelphia marschierten am 8. Mai 1970 Studenten unterschiedlicher Herkunft aus fünf verschiedenen Richtungen zur Independence Hall, wo sich 100.000 Menschen versammelten. Nach Angaben des Philadelphia Inquirer besuchten an diesem Tag nur zehn Prozent der Schüler die städtischen Highschools. (…)
Die von Nixon eingesetzte Scranton-Kommission zur Untersuchung der Campusunruhen nach den Ereignissen an der Kent State University sah die Politisierung der Hochschulen als einen Sieg der radikalen Studenten an. In ihrem späteren Bericht heißt es: »Die Studenten streikten nicht gegen ihre Universitäten, es gelang ihnen vielmehr, ihre Universitäten dazu zu bringen, gegen die Regierungspolitik zu streiken.« Um zu verhindern, dass sich dies wiederholt, und um das Campusleben wieder zu normalisieren, stimmte die Kommission darin überein, dass »nichts wichtiger ist als eine Beendigung des Krieges«.

Steve Early: »50 Years Ago This Spring: Millions of Students Struck To End a War in Vietnam«, am 27.4.2020 auf www.portside.org; Übersetzung: Jürgen Heiser

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