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Aus: Ausgabe vom 02.05.2020, Seite 7 / Ausland
Nachruf Denis Goldberg

Geduld und Zähigkeit

Am Mittwoch ist der südafrikanische Kommunist Denis Goldberg gestorben
Von Arnold Schölzel
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Legal wie illegal, stets einfallsreich und gewitzt: Der Kommunist Denis Goldberg (Johannesburg, 8.7.2013)

Der Rivonia-Prozess von 1963/1964 in Südafrika gehört neben dem Reichstagsbrandprozess 1933, dem Verfahren gegen Fidel Castro nach dem Sturm auf die Moncada 1953 oder dem KPD-Verbot in der BRD 1956 zu den großen politischen Strafverfahren des 20. Jahrhunderts. Das Muster: Eine als rechtsstaatlich firmierende Justiz fällt politische Terrorurteile gegen Revolutionäre. Am Mittwoch starb mit Denis Goldberg einer der beiden letzten Überlebenden der 1964 vom Apartheidregime wegen Sabotage und Kommunismus zu lebenslänglicher Haft verurteilten acht Angeklagten, unter ihnen Nelson Mandela. Goldberg war der jüngste und der einzige Weiße. Wegen der Rassegesetze bedeutete das: Er kam nicht wie die anderen auf die Gefängnisinsel Robben Island in der Bucht von Kapstadt, sondern ins Zentralgefängnis von Pretoria – lange in Einzelhaft. Mit ihm ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des weltweiten Kampfes gegen Unterdrückung und Ausbeutung, Rassismus und Kolonialismus gestorben. Der frühere südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu reagierte auf die Todesnachricht mit einem deutschen Wort: Goldberg sei ein »Mensch« gewesen, integer und desinteressiert an sogenannter Größe.

Das ist richtig. Wenn es jemanden gab, der den für Brecht so wichtigen Begriff »Freundlichkeit« verkörperte, dann war es dieser jüdische Kommunist. Freundlichkeit ist, das machte Denis aus, eine politische Haltung, die Härte nicht aus-, Humor aber stets einschließt und vor allem produktiv für andere sein will. Bei ihm war sie gepaart mit hoher Bildung, politischem und ästhetischem Verstand, mit revolutionärer Geduld und Zähigkeit. Als sein Vater 1979 starb und er nicht am Begräbnis teilnehmen durfte, trug ein Freund an seiner Stelle zur Beisetzung Brechts Gedicht »An die Nachgeborenen« vor: »Die wir den Boden bereiten für Freundlichkeit/ Konnten selber nicht freundlich sein/ Ihr aber, wenn es soweit sein wird/ Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist/ Gedenkt unsrer/ Mit Nachsicht.«

Denis Goldberg war 1933 in Kapstadt in einer kommunistischen Familie geboren worden. Zu seiner Kindheit gehörten früh Debatten über den deutschen Faschismus, über den Krieg Japans gegen China und den gegen die Sowjetunion. 1955 verließ er die Universität seiner Heimatstadt als diplomierter Bauingenieur und war, wie die Kommunistische Partei Südafrikas (SACP) in ihrem Nachruf auf ihn festhält, als Mitglied der seit 1950 verbotenen Partei in den politischen Kämpfen aktiv – legal wie illegal, stets einfallsreich und gewitzt: Da Flugblattverteilung von Hand zu gefährlich war, so die SACP, nutzte er das Dach seines Autos für breite Streuung. 1960 wurde er zusammen mit seiner Mutter vier Monate lang inhaftiert: Der Vorwand lautete »Notstand«. Das kostete ihn seine Stelle bei der Eisenbahn.

Als der ANC nach dem von Polizeitruppen verübten Massaker von Sharpeville zum bewaffneten Widerstand überging und 1961 »Umkhonto we Sizwe« (Speer der Nation) als Militärabteilung gründete, fragte Mandela den jungen Ingenieur, ob er die Brücken, die er baue, auch in die Luft jagen könne. Er konnte. Bereits 1963 aber wurde die Umkhonto-Führung verhaftet und im Rivonia-Prozess abgeurteilt. CIA und britischer MI 6, soviel ist heute bekannt, hatten ihren Anteil an der Verhaftung und daran, dass kein Todesurteil verhängt wurde – Menschenhandel unter Imperialisten. Goldberg quittierte sein Urteil – viermal lebenslänglich – im Gerichtssaal mit Jubel: »Das bedeutet Leben. Das ist wundervoll.«

Im Gefängnis lernte er Deutsch, studierte Brecht, Marx, Max Weber und Käthe Kollwitz, erwarb im Fernstudium Abschlüsse in Verwaltung, Geschichte, Geographie und fast auch in Recht – da wurde ihm 1985 die Entlassung angeboten. Israel hatte für ihn als Juden vermittelt. Er akzeptierte und verursachte in Tel Aviv einen Skandal, als er die Kumpanei der Zionisten mit dem Apartheidstaat und bei der Unterdrückung seiner »schwarzen Brüder« anprangerte. Goldberg zog nach London, vertrat den ANC u. a. bei der UNO und organisierte nach Mandelas Freilassung 1990 enorme Hilfe. Ganze Schiffsladungen mit gebrauchten Schulbüchern gingen unter seiner Regie nach Südafrika. Er verzichtete auf Ministerwürden und kehrte erst 2002 endgültig nach Kapstadt zurück. 2014 war er noch einmal Gast der von jW ausgerichteten Rosa-Luxemburg-Konferenz.

Die Überwindung der Apartheid blieb für ihn ein historischer Sieg, Voraussetzung für sozialen Fortschritt trotz aller Fehlentwicklungen. Gegen sie erhob er zuletzt seine Stimme. Als vor einigen Jahren bei ihm Lungenkrebs festgestellt wurde, verdoppelte er seine Anstrengungen, um in seinem Wohnort Hout Bay ein Kunst- und Jugendzentrum aufzubauen. Im Februar wurde der Abschluss der ersten Bauphase gefeiert. Am Mittwoch kurz vor Mitternacht ist Denis Goldberg wenige Tage nach seinem 87. Geburtstag gestorben.

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Debatte

  • Beitrag von Detlev R. aus D. ( 1. Mai 2020 um 23:52 Uhr)
    Ein würdiger Nachruf für Denis Goldberg. Nun ist Andrew Mlangeni, der am 6. Mai 95 Jahre alt wird, der letzte Überlebende des Rivonia-Prozesses.

    Comrade Denis Goldberg war im neuen, demokratischen Südafrika eine Art Gewissensinstanz. Ein Kommunist, der die regierende Partei immer wieder daran eininnerte, wofür sie einst angetreten war. Er gehörte zu denen, die die in der Freiheitscharta von 1955 angesagten Ziele verteidigte - Demokratie, Gleichheit, Bildung, Arbeit, Wohlstand für alle. Ziele, die im Sumpf der Selbstbereicherung, Korruption, Vetternwirtschaft all zu oft vergessen werden, drohen unterzugehen. Die Stimme des Kommunisten Denis Goldberg wird nun fehlen.

    Hamba kahle, Comrade Denis.

    Detlev Reichel, Tshwane

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dr. Lothar Zieske, Hamburg: Ideal eines Menschen Nicht um dem Autor am Zeuge zu flicken, sondern um Denis Goldbergs Persönlichkeit im angemessenen Licht erscheinen zu lassen: Erzbischof Tutu hat nach Goldbergs Tod nicht »mit einem deutschen Wort« re...

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