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Aus: Ausgabe vom 25.04.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Niederlagenkitsch

Von Arnold Schölzel
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Die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht einen Artikel ihrer Politikredakteurin Alice Bota über das russische Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Überschrift: »Der Kitsch des Sieges«. Darunter steht: »Russland gedenkt seiner Kriegstoten am 9. Mai. Es ist eine Erinnerung, mit der zunehmend Politik gemacht wird.« Eine Formulierung wie »Siegkitsch« in Bezug auf Russland war bislang von Leuten zu erwarten, die 1991 beim Zerfall der Sowjetunion den deutschen Endsieg feierten. Die Phrase »zunehmend« signalisiert allerdings Verunsicherung. Nimmt das Politikmachen mit Erinnerung seit 1945 zu? Breitet sich das seit 75 Jahren aus oder erst jetzt?

Bota wurde laut Wikipedia 1979 in Polen geboren, lebt seit 1988 in der BRD und war 2012 Mitautorin des Buches »Wir neuen Deutschen«. Wer seinen Namen unter eine Überschrift stellt, die Hass und Herrenvolkmentalität mischt, von dem darf vermutet werden, dass ihm eine Wiederholung von 1941 nicht fern liegt. Völlig überzogen? Die durch Pandemie an Entfaltung gehinderte Blitzkriegsübung »Defender Europe 2020« Richtung Russland wurde auch bewusst in die Tage um den 8. und 9. Mai gelegt. »Kitsch des Sieges« ist eine publizistische Fanfare zur Übung auf den alten Panzerstraßen des Führers.

Wie die Schlagzeile, so der Text. Frau Bota erwähnt immerhin, dass »etwa 27 Millionen Menschen aus den damals fünfzehn Ländern der Sowjetunion« den Krieg nicht überlebten. Die Pläne zur Kolonisierung des Landes und zur Vernichtung Dutzender Millionen Menschen streift sie nicht. Aber das ist geschenkt, das war bei Deutschland-West und seiner freien Presse seit 1945 nie anders. Frau Bota aber bringt nun die frische, vitale Bewegungsenergie in die Sache, die z. B. Björn Höcke für seine »erinnerungspolitische Wende« in Anspruch nimmt. Denn in ihrem Text steht so etwas: »Bis heute ist das Leben eines Russen von drei Unausweichlichkeiten geprägt: Er wird geboren, er wird sterben, und jemand in seiner Familie hat in diesem Krieg Furchtbares erlitten.«

Man ersetze in dieser Passage »Russen« durch »Juden« und es lässt sich sagen: Höcke hat seine 180-Grad-Wende in der Zeit mit Frau Bota erreicht. Der Russe – eine Unausweichlichkeitsgeschichte.

Wer so über 145 Millionen Bürger der Russischen Föderation schreibt, hat alles über die Zustände im eigenen Kopf gesagt. Der Rest des Bota-Textes ist entsprechend unerheblich. Wie auf einer Kette folgen die Propagandaperlen des gerade aktuellen antirussischen Staatsrassismus. Also steht da etwa: »Im staatlichen Gedenken aber geht es nicht um den Schmerz, es geht nur um den Sieg. Um Triumph, Größe, Übermacht.« Wegen Panzern und Raketen am 9. Mai in Moskau. Denn die sind etwas völlig anderes als die in Paris bei ähnlichen Gelegenheiten. Oder: »Heute ist der 9. Mai zu einem unverzichtbaren ideologischen Werkzeug des Kreml geworden …« Klar, hierzulande feiert keine Bundesregierung die Befreiung vom Faschismus, nur den Einmarsch von Treuhand und Faschisten in die DDR jährlich am 3. Oktober und 9. November. Unverzichtbar.

Wenn aber in Russland einer einen Gedenkmarsch erfindet, der inzwischen am 9. Mai zu einer landesweiten Initiative geworden ist, an der Millionen Menschen mit Fotos von Familienangehörigen teilnehmen, dann passiert das laut Bota zwar »ohne staatliche Einmischung, ohne Kontrolle«. Bis die Unausweichlichkeit zuschlägt: »Das ›Unsterbliche Regiment‹ war wie eine sprudelnde Quelle. Der Kreml musste es nur abschöpfen.« Und so weiter. Denn der deutsche Niederlagenkitsch ist auch nach 75 Jahren lebendig: Wie konnten »wir« vor diesen Leben-Sterben-Kriegsleiden-Russen kapitulieren, die sich alles vom Kreml wegnehmen und vorschreiben lassen? Frau Botas Mission ist unvollendet.

Alice Bota bringt frische, vitale Bewegungsenergie in die Sache, die z. B. Björn Höcke für seine »erinnerungspolitische Wende« in Anspruch nimmt.

Debatte

  • Beitrag von Harald M. aus Berlin (25. April 2020 um 17:05 Uhr)
    Der ewige Russe eben ...

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