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Aus: Ausgabe vom 24.04.2020, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Tesla in Grünheide

»›Alle Dörfer bleiben‹ gilt auch im globalen Süden«

Kampf für »Klimagerechtigkeit«: Soziale Bewegungen kritisieren geplante »Tesla«-Fabrik in Brandenburg. Ein Gespräch mit Johnny Parks
Interview: Gitta Düperthal
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Rodungsarbeiten auf dem Gelände für das geplante »Tesla«-Werk in Grünheide (21.2.2020)

Ab Sommer 2021 will der US-Automobilkonzern Tesla in Grünheide in Brandenburg jährlich bis zu 500.000 Elektroautos herstellen lassen (jW berichtete). Was halten Sie davon?

Nichts. Wir von »Ende Gelände« finden das miserabel. Zum einen sind wir nicht der Auffassung, dass wir E-SUVs überhaupt brauchen. Diese Luxusautos werden nur für einen kleinen privilegierten Teil der Bevölkerung gebaut. Wir sind für einen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, die der ganzen Gesellschaft zugute kommen. Zum anderen soll in Brandenburg ein Wald gerodet werden, um dort ein komplettes Werk nach Wachstums- und Profitlogik zu bauen. Diese Karossen mögen auf den ersten Blick klimafreundlich erscheinen, aber wenn man auf die Produktion insgesamt schaut, ist das nicht der Fall.

Welche Probleme gehen damit einher?

Der Abbau von sogenannten seltenen Erden, die für diese E-Autos benötigt werden, geht in den afrikanischen Ländern mit Umweltzerstörung, Landgrabbing und Umsiedlung einher. Wir fordern ja beim hiesigen Kohleabbau: Alle Dörfer bleiben! Dasselbe gilt auch im globalen Süden. Wenn dort Dörfer wegen des Kobaltabbaus weichen müssen, ist das alles andere als umweltgerecht. Ganz zu schweigen von der möglichst billigen Produktion, die zu einer ungerechten Entlohnung der Arbeiter vor Ort führt.

Der Konzern Tesla ist für seine Produktion hauptsächlich in der Demokratischen Republik Kongo aktiv – mit welchen Folgen?

Zum einen gibt es im Kongo ständig Kriege um diese Rohstoffe, zum anderen werden die Flüsse und das Grundwasser durch Schadstoffe und Schwermetalle, die beim Abbau freigelegt werden, enorm belastet und verschmutzt. Jahrzehntelang gewachsene Naturgebiete, Regenwälder und Ackerflächen werden mitunter vernichtet und dabei Lebensräume von Menschen, Pflanzen und Tieren zerstört.

Wie würden Sie die dortigen Zustände beschreiben?

Als neoliberalen Postkolonialismus. Dazu muss kein Militär einmarschieren: Im 21. Jahrhundert läuft alles über Unternehmen, die Herrschaft mit Geld ausüben. Menschenrechtsbewegungen vor Ort klagen, dass eine korrupte Regierung die andere ablöst. Sie lassen die Bevölkerung leiden und kassieren dafür. Die Profiteure all dessen sitzen hierzulande. Weil der Druck auf Unternehmen wie Tesla nicht stark genug ist, können sie die Gesetze so auslegen, wie es ihnen passt.

Es ist auch von Gewerkschaftsfeindlichkeit in den Autofabriken in den USA die Rede. Was ist Ihnen dazu bekannt?

In Amerika wird berichtet, dass Tesla gern rechtliche Grauzonen nutze, um Gewerkschafter so klein zu halten wie möglich. In dem Sinne ist auch hierzulande nichts Gutes zu erwarten. Die IG Metall hat schon gewarnt, mit der Fabrik in Brandenburg könne ein gewerkschaftsfreier Raum entstehen. Wir staunen, dass die Regierenden dort den Konzernchef Elon Musk mit offenen Armen empfangen. Weder ist er ein Vertreter einer sozial gerechten Energiewende, noch können sich die Arbeitskräfte bei ihm aufgehoben fühlen. Er ist ein Geschäftemacher.

Es gibt nicht wenige, die sich über die angekündigten 10.000 neuen Arbeitsplätze in Brandenburg freuen. Was sagen Sie denen?

Richtig ist, dass viele Menschen im Osten Deutschlands in der jüngeren Vergangenheit ihre Jobs verloren haben. Bislang haben die Verantwortlichen aber zu wenig thematisiert, um welche Art von Arbeitsplätzen es sich hier handelt. Dabei ist das ihre Aufgabe.

Großen Protest können Sie in Coronazeiten aber nicht auf die Straße bringen, oder?

Wir müssen die Nachrichten über Covid-19 aufmerksam verfolgen, um zu schauen, was möglich ist. Ich bin aber überzeugt, dass wir nicht schweigend zuschauen können, wie Tesla sich weiter ausbreitet. Wir müssen uns immer fragen: Wer profitiert davon und in welcher Welt finden wir uns wieder, wenn wir die Virusinfektionen im Griff haben sollten? Wir werden online protestieren. Möglicherweise wird es auch zu Aktionen zivilen Ungehorsams kommen. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.

Johnny Parks ist Sprecher des Bündnisses »Ende Gelände«

Debatte

  • Beitrag von Franz L. aus S. (24. April 2020 um 07:34 Uhr)
    Wie wäre es mal mit einem Interview von jemand, der für den Bau der Automobilfabrik ist. Bisschen Ausgewogenheit würde nicht schaden in dieser Frage.

Regio:

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