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Aus: Ausgabe vom 24.04.2020, Seite 7 / Ausland
Coronavirus in Venezuela

Leere Straßen in Caracas

Venezuela scheint die Situation sechs Wochen nach Bestätigung der ersten Coronainfektionen weitgehend unter Kontrolle zu haben
Von Julieta Daza, Caracas
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Gemeinsam statt mit Zwang: Venezuela hat in Südamerika die geringste Zahl an Coronavirusinfektionen (Caracas, 19.4.2020)

Täglich erreichen Hunderte Venezolaner die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta, von wo aus sie in ihre Heimat einreisen. Bereits Mitte der vergangenen Woche waren laut Angaben venezolanischer Behörden mehr als 6.000 Staatsangehörige in ihr Heimatland zurückgekehrt, insbesondere aus Kolumbien, Ecuador und Peru. Anlass ist unter anderem die in diesen Ländern sehr viel verheerendere Lage angesichts der Covid-19-Pandemie.

In Venezuela scheint die Situation sechs Wochen nach Bestätigung der ersten Coronavirusinfektionen weitgehend unter Kontrolle zu sein. Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität vom Donnerstag wurden bislang 298 Menschen positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Zehn Personen starben an der durch dieses Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. Laut Informationen des Instituts Statista, die am 20. April veröffentlicht wurden, ist Venezuela somit in Südamerika das Land mit der geringsten Zahl an Infizierten.

Bereits am 16. März, nur drei Tage nach Registrierung der ersten Infektionen, verordnete die venezolanische Regierung der Hauptstadt Caracas sowie sechs weiteren Bundesstaaten eine »kollektive, soziale und freiwillige Quarantäne«. Kurz darauf erweiterte sie diese auf das gesamte Land. Das normalerweise sehr quirlige und teils hektische Caracas ist dieser Tage ruhiger, Autoverkehr ist kaum zu sehen. Da das Benzin derzeit knapp ist, wird es rationiert. Krankenwagen und Fahrzeuge für den Lebensmitteltransport werden priorisiert. Die U-Bahn, die üblicherweise täglich von Millionen Menschen zur Fortbewegung genutzt wird, soll ausschließlich von Gesundheits- oder Sicherheitspersonal sowie in Notfällen benutzt werden.

Die Stadtbewohner verlassen ihre Wohnungen fast nur noch morgens, meist um Nahrungsmittel, Medikamente oder andere lebenswichtige Produkte zu besorgen. Läden, in denen Nahrungsmittel verkauft werden, haben etwa bis Mittag geöffnet, Apotheken und Drogeriemärkte bis 15 Uhr. In vielen Geschäften werden die Käufer am Eingang desinfiziert, bei Schlangen hält man sich an den Sicherheitsabstand, und alle tragen Schutzmasken. Einige Genossenschaften von Gemeinderäten und Basisorganisationen – wie »La Minka« im Stadtviertel La Pastora oder »Alexis Vive« im Viertel 23 de Enero – haben nach Ausbruch der Pandemie damit begonnen, Stoffschutzmasken zu nähen und an die Bewohner zu verteilen.

Am 23. März kündigte Präsident Nicolás Maduro mehrere wirtschaftliche und arbeitspolitische Maßnahmen an. Bis zum 31. Dezember dürfen keine Angestellten entlassen werden, für die Dauer der Quarantäne sind finanzielle Hilfen für Bedürftige vorgesehen, insbesondere für Familien, die von »informellen Tätigkeiten« leben, sowie für bei privaten Unternehmen Angestellte. Die Verteilung der als »CLAP« bekannten Lebensmittelpakete, die nach offiziellen Angaben monatlich an sieben Millionen venezolanische Familien zu extrem subventionierten Preisen ausgegeben werden, soll ebenfalls weiterhin erfolgen.

Kleine Trupps aus venezolanischem Gesundheitspersonal und kubanischen Ärzten, die im Rahmen des Gesundheitsabkommen »Barrio Adentro« in Venezuela arbeiten, ziehen von Haus zu Haus, um erkrankte Personen ausfindig zu machen. Unter einer Notfalltelefonnummer kann man sich über die Anzeichen von Covid-19 informieren. Menschen mit Symptomen sowie solche, bei denen eine Ansteckung vermutet wird, werden kostenlos auf das Coronavirus getestet. Die dafür nötigen Kits sowie weiteres medizinisches Material und Schutzausrüstung werden regelmäßig aus der Volksrepublik China per Luftbrücke nach Venezuela geliefert.

Bisher scheint die venezolanische Bevölkerung den durch die Pandemie ausgelösten Ausnahmezustand relativ gelassen und diszipliniert zu nehmen. Das liegt möglicherweise auch daran, dass die Venezolaner durch die harten US-Sanktionen gegen das Land sowie weitere wirtschaftliche Schwierigkeiten einiges gewohnt sind – auch wenn natürlich Ungewissheit bezüglich der weiteren Entwicklung der Pandemie sowie eines möglichen Auswegs aus der Quarantäne besteht.

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