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Aus: Ausgabe vom 24.04.2020, Seite 1 / Titel
Coronavirus in Brasilien

Bolsonaro ist tödlich

Brasilien: Neuer Gesundheitsminister kündigt Lockerung von Einschränkungen des öffentlichen Lebens an. Medizinische Versorgung kollabiert
Von Frederic Schnatterer
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Ein Bagger begräbt Särge in einem Massengrab auf dem Friedhof Nossa Senhora Aparecida in Manaus (21.4.2020)

Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro hat bekommen, was er wollte. Nachdem der Präsident am Donnerstag vergangener Woche den ehemaligen Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta durch Nelson Teich ersetzt hatte, kündigte dieser am Mittwoch (Ortszeit) eine Lockerung der Einschränkungen des öffentlichen Lebens an. Auf seiner ersten Pressekonferenz erklärte Teich, die Regierung werde innerhalb einer Woche eine entsprechende Richtlinie für die Städte und Bundesstaaten vorlegen.

Der »Ausstiegsplan« dürfte dabei genau den Vorstellungen Bolsonaros entsprechen, der immer wieder eine »Rückkehr zur Normalität« gefordert hatte. Seit Wochen liegt der Staatschef deswegen im Streit mit einer ganzen Reihe von Bürgermeistern und Gouverneuren. Auch dem Rausschmiss von Mandetta, der seine Politik nach den Empfehlungen von Experten ausrichten wollte, waren tagelange Auseinandersetzungen vorausgegangen.

Brasilien ist das in Südamerika am stärksten von der Covid-19-Pandemie betroffene Land. Am Donnerstag zählte die Johns-Hopkins-Universität 46.348 bestätigte Coronainfektionen, 2.934 Personen waren bereits an der durch das neuartige Virus ausgelösten Lungenkrankheit gestorben. Dennoch erklärte Teich auf der Pressekonferenz: »Brasilien ist eines der Länder, die in Bezug auf Covid-19 am besten abschneiden.«

In Wahrheit dürften die Zahlen allerdings deutlich höher liegen. Brasilien führt im Vergleich zu anderen Ländern besonders wenige Tests auf das Coronavirus durch. Laut der Zeitschrift Exame werden durchschnittlich nur 1.300 Tests pro eine Million Einwohner am Tag durchgeführt (in der BRD liegt der Wert bei 25.000). Auch die diese Woche bekanntgewordenen Bilder aus der Amazonas-Metropole Manaus sprechen dafür, dass die tatsächliche Lage deutlich dramatischer ist. In der Stadt mit vier Millionen Einwohnern ist das Gesundheitssystem mittlerweile völlig kollabiert. Vor den Krankenhäusern stehen Kühlcontainer, um Leichen zu lagern, Bagger heben Massengräber aus. Am Mittwoch erklärte der Bürgermeister von Manaus, Arthur Virgílio Neto, in einem Interview mit Rádio Gaúcha: »Es handelt sich nicht um einen Notfall, sondern um eine absolute Katastrophe.« Gleichzeitig machte er die Zentralregierung für die Krise mitverantwortlich.

Auch in anderen Städten des Landes steht das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps, mittlerweile hat das Coronavirus die zahlreichen Favelas erreicht, in denen Millionen Menschen unter ärmlichsten Verhältnissen eng aufeinander leben. Wie die Chefärztin der Intensivstation eines öffentlichen Krankenhauses in Rio de Janeiro gegenüber der ARD erklärte, müsse schon jetzt – am Anfang der Pandemie – darüber entschieden werden, wer ein Beatmungsgerät bekomme und wer nicht. Die Lage wird noch dadurch verschärft, dass Bolsonaro bereits 2018 ein Kooperationsabkommen mit Kuba aufgekündigt hatte, woraufhin 8.300 kubanische Mediziner das Land verlassen mussten.

Angesichts der katastrophalen Lage wächst der Widerstand gegen die Politik der Regierung. Am Mittwoch veröffentlichte die Arbeiterpartei (PT) ein Kommuniqué mit dem Titel »Zur Verteidigung des Lebens, der Arbeitsplätze und der Demokratie: Bolsonaro raus!« Darin wirft sie dem Staatschef vor, für die Krise des Gesundheitssystem verantwortlich zu sein, die er zum Ausbau seiner Macht nutzen wolle. Nun gelte es, eine breite Front mit anderen Kräften zu bilden, um das Land vor Bolsonaro und seiner Regierung zu retten.

Debatte

  • Beitrag von Franz L. aus S. (24. April 2020 um 07:21 Uhr)
    Massengräber bei nicht einmal 3.000 Coronatoten. Bei so einem großen Land. Das scheint mir schon sehr unwahrscheinlich.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans-Martin Vollrath: Hält den Fakten nicht stand In dem Leitartikel der jW schreibt Frederic Schnatterer unter anderem von den tödlichen Folgen der Covid-19-Pandemie in Brasilien: 2.934 Personen – leider steht darin nicht in welchem Zeitraum. Brasil...
  • Udo Stark: Rechenfehler Ein bisschen mehr Sorgfalt beim Recherchieren oder Rechnen wäre angebracht. Dass das brasilianische Gesundheitssystem schlechter als das deutsche ist, wird jedem einleuchten. Bei dem Vergleich mit 25....

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