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Aus: Ausgabe vom 23.04.2020, Seite 15 / Medien
Adelante

Attacken auf Ortega

Westliche Medien halten auch während der Coronakrise streng an Feindbildern fest. Nicaraguas Präsident ist eines davon
Von Volker Hermsdorf
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Weiter im Volk beliebt: Poster mit Porträt des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega bei Demo zum 8. März in Managua

Auch in Zeiten der Coronakrise verlieren westliche Medien ihre Lieblingsfeindbilder nicht aus dem Blick. Zu denen gehören die Staatschefs diverser lateinamerikanischer Länder, die sich dem US-amerikanischen Hegemonieanspruch erfolgreich widersetzen. So zitierte die Nachrichtenagentur AP am 10. April in einem Beitrag über die Covid-19-Situation in Nicaragua als »Zeugen« Manuel Orozco vom einflussreichen US-Thinktank »Inter-American Dialogue« mit der Behauptung: Das Problem in dem Lande »besteht darin, dass sie eine Diktatur haben, die nicht in der Lage ist, die Pandemie ernst zu nehmen, weil sie von der Gesundheit des Präsidenten abgelenkt ist«.

Deutschsprachige Medien stießen ins selbe Horn und verbreiteten wie der Mann aus Washington, dass die Regierung in Managua die Coronagefahr falsch einschätze und dass dies etwas mit dem Gesundheitszustand von Staatschef Daniel Ortega zu tun habe, der mehr als einen Monat lang nicht in der Öffentlichkeit aufgetreten war. »Nicaraguas Regierung nimmt Corona leicht«, schrieb zum Beispiel die Taz am 24. März. Die Zeitung behauptete, das »autoritär regierende Regime« behandele »die Coronapandemie wie ein Staatsgeheimnis«. Eine klassische Falschmeldung, denn genau das Gegenteil ist richtig.

Obwohl der erste bestätigte Coronafall in Nicaragua erst am 19. März registriert wurde, hatte die Regierung das Gesundheitssystem bereits im Januar in Alarmbereitschaft versetzt. Wie die örtliche Vertreterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Ana Emilia Solís, später bestätigte, haben die Behörden seitdem umfangreiche Maßnahmen entsprechend den WHO-Richtlinien eingeleitet. Unter anderem wurden rund 250.000 »Gesundheitsbrigadisten« dafür ausgebildet, Haushalte über Hygienemaßnahmen aufzuklären. 19 Krankenhäuser wurden für die Behandlung von Covid-19-Patienten vorbereitet, 55 Einrichtungen des Gesundheitswesens, die im April 2018 bei einem gescheiterten Putschversuch durch rechte Oppositionelle zerstört worden waren, sind mittlerweile wiederaufgebaut worden. Auf einer Pressekonferenz informiert das Gesundheitsministerium derzeit täglich über den aktuellen Stand bei den Erkrankungen.

Nach einer Inspektion in der zweiten Märzwoche bescheinigte die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) den medizinischen Einrichtungen des Landes Bedingungen, die den entsprechenden Empfehlungen entsprächen. Während die Vorkehrungen im Vergleich zu Nachbarländern als vorbildlich gewürdigt werden, warnte die Organisation Mitte April lediglich vor einem »Mangel an sozialer Distanzierung« bei sportlichen und religiösen Veranstaltungen.

Doch Taz und andere ignorieren das und übernehmen statt dessen eine Unterstellung der rechten Opposition: »Nicaraguas Gesundheitssystem ist für eine exponentielle Ausbreitung der akuten Lungenkrankheit nicht gerüstet«, schrieb die Zeitung. Das ARD-Infoportal tagesschau.de zog nach und behauptete am 17. April in einem Beitrag mit dem Titel »Corona in Nicaragua: Kleinreden und aussitzen« wahrheitswidrig, die sandinistische Regierung ergreife »keinerlei Maßnahmen gegen das Virus«. Dabei hatten sich zahlreiche Medien zu diesem Zeitpunkt bis aufs Hemd blamiert, nachdem sie Ortegas Abwesenheit als Zeichen seines nahen Endes gedeutet hatten.

Wunschdenken wurde in Rätsel verkleidet: »Ist er tot? Schwer krank? In Quarantäne?«, hatte die sich seriös gebende Neue Zürcher Zeitung noch am 9. April über den Präsidenten geschrieben. Die Taz hatte bereits drei Tage zuvor über »Machtkämpfe hinter den Kulissen um die Nachfolge des seit 2007 regierenden Sandinistenchefs« spekuliert. Zwar sei den von der rechten Opposition gestreuten Gerüchten zu misstrauen, räumte der Taz-Autor zunächst ein, teilte seinen Lesern dann aber ohne dies zu belegen mit, »diesmal verdichten sich die Hinweise, dass das Ende des ehemaligen Revolutionskommandanten tatsächlich bevorsteht«. Doch dann wandte sich Ortega am 15. April plötzlich im Fernsehen an die Bevölkerung und widerlegte damit alle Fake News.

Als der Präsident in seiner Rede »die Heuchelei der kapitalistischen Länder, die Geld für den Krieg, aber nicht für die Gesundheit ausgeben«, anprangerte, verlor ARD-Korrespondentin Anne-Katrin Mellmann vom einschlägig bekannten Studio in Mexiko-Stadt die Contenance. Sie bezeichnete das am 6. November 2016 von 72,5 Prozent der Wähler erneut im Amt bestätigte Staatsoberhaupt als »Diktator«, der, »in der Rhetorik des Kalten Krieges missionarisch eifernd«, nicht »mehr anzubieten« habe, als in der Coronapandemie ein globales System zu kritisieren, das laut Ortega »auf Profit und Krieg basiert«. Eines hat die ARD-Korrespondentin allerdings korrekt beobachtet: Die Forderung nach Frieden und Abrüstung war den Vertretern des Westens auch schon zu Zeiten des Kalten Krieges suspekt.

Alles Zufall, freie Meinung? Im Herbst 2018 hatte Donald Trumps damaliger Sicherheitsberater John Bolton Kuba, Venezuela und Nicaragua eine »Troika der Tyrannei« genannt. Spätestens seitdem berichten westlichen »Werten« verpflichtete Medien über diese Länder im Stil des römischen Staatsmannes Cato des Älteren. Der soll seinerzeit alle Reden – unabhängig vom Inhalt – mit dem Ausspruch beendet haben: »Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.« Die Folge war der Dritte Punische Krieg, der die Stadt vom Erdboden getilgt hat und ihre überlebenden Einwohner zu Sklaven des Imperiums machte.

https://www.youtube.com/watch?v=0y8oVeZiKIA

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (23. April 2020 um 04:04 Uhr)
    Die MacherInnen der Taz haben sich neu ausgerichtet – das ist keine Neuigkeit. Wenn Sie Zeit haben, dann fragen Sie doch einmal Frau Bascha Mika und Herrn Ströbele, ob sie mit dieser unfitten Entwicklung konform gehen und warum es zu einer unsinnigen Vereinigung im Geiste mit den bürgerlichen Medien kam. Ich hoffe, dass deren klare Aussagen zumindest ein paar Fragen zum Thema werden lassen, die bei der Taz seit einigen Jahren ausgeblendet werden. Der Signalwert ist von Bedeutung. Vielleicht stellt sich dann heraus, dass der frühere Ansatz der universellen Kritik wieder modern, also zeitgemäß aufgegriffen wird. Kurz gesagt: Das Potential der Taz geht verloren, wenn die Ursachen nicht mehr hinterfragt werden. Gerade heute geht es darum, nicht nur die Resultate, sondern auch die Ursachen der sich zeigenden Probleme darzustellen. Leider fehlt’s daran derzeit.

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