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Aus: Ausgabe vom 22.04.2020, Seite 15 / Antifa
Nachruf

Eine aufrichtige Lehrerin

Unermüdlicher Kampf gegen das Vergessen: Zum Tod der Antifaschistin Andrée Leusink
Von Alexander Reich
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Hielt bis zur Verausgabung dagegen: Andrée Leusink bei einer Demo gegen die Kopfsteuer 1990 in London

Es gibt Lehrer, die zuhören, an wichtigen Stellen nachfragen, ihre Schüler trotz eines riesigen Vorsprungs an Bildung und Erfahrung nicht einschüchtern. So eine Pädagogin war Andrée Thérèse Leusink.

Geboren wurde sie im Mai 1938 als Tochter Berliner Juden im Exil in Paris. Ihr Vater, der spätere Schriftsteller Stephan Hermlin, wurde bald nach Kriegsbeginn als feindlicher Ausländer interniert, er war mit 16 dem Jugendverband der KPD beigetreten. 1941 starb Andrées Mutter an den Folgen einer Vergewaltigung. Das Mädchen wurde von der Résistance in einem Kinderheim im Dorf Chabennes versteckt und, als 1943 auch dort Razzien drohten, in die Schweiz gebracht, die keine Juden mehr an Deutschland auslieferte seit den Schlachten von Stalingrad und Kursk.

In der Schweiz kam Andrée aus einem Lager in eine Pflegefamilie. Von dieser Zeit der Rettung hatte sie 70 Jahre später eine Szene in einem Wald in Erinnerung: Sie blickte da lange einem schönen, ihr unbekannten Tier in die Augen. Ein Moment des Friedens, den die Dorfbewohner zunichte gemacht hätten mit Kochlöffeln und -töpfen, voll lärmender Sorge um sie, da ein Wolf gesehen worden war.

1948 wurde Andrée von ihrem Vater nach Berlin-Pankow geholt. Hier kam sie in die vierte Klasse, lernte aber wohl mehr noch zu Hause den sorgfältigen Umgang mit Sprache – jedes Wort abzuwägen, keine Schludrigkeit zu verzeihen. Als sie während des Abiturs in die Partei eintreten wollte, zögerte ihr Vater, sie zu unterstützen: »Andrée, es ist sehr schwer, Genosse zu sein, vor allem, die Parteidisziplin zu wahren«, erinnerte sie sich vor fünf Jahren in dieser Zeitung an Hermlins Bedenken, die sie hatte entkräften können.

Sie studierte Geschichte und Sport, später noch Psychologie und Philosophie. Da war sie schon lange eine dieser Lehrerinnen, deren Aufrichtigkeit den Unterschied machte. Es gab in ihrem Unterricht an der 7. Polytechnischen Oberschule in Pankow wenig Tabus. Ungeheuerlichkeiten wurden »ausdiskutiert«, wie sie es nannte, vom Lob für Hitler bis zur Beschimpfung von »SED-Bonzen«. Sie hielt als Überlebende der Schoah, als Kommunistin bis zur Verausgabung dagegen, erklärte schließlich auch in zwei Parteiverfahren, warum sie die Schüler zum Widerspruch sogar noch ermutigte. Zeitweise durfte sie nur Sport unterrichten, nicht Geschichte, aber was heißt »nur«? Leibesübungen lassen sich gut am klassischen Humanismus ausrichten (Einklang mit den Gesetzen von Natur und Vernunft als vollkommene Freiheit; erklären Sie das unbedingt dem nächsten spielsüchtigen Teenager in Quarantäne).

Schwierigen Schülern brachte sie extra viel Vertrauen entgegen, bewies Engelsgeduld, brachte einen nach dem Besuch bei den Eltern auch schon mal vorübergehend bei sich zu Hause am Kurt-Fischer-Platz in Pankow unter, wo sie mit ihrem zweiten Mann und ihren vier Kindern lebte, zwischen Wänden voller Bücher, und nachts oft in der Küche ins Nichts starrte und rauchte, bis es wieder hell wurde.

Zigaretten lagen bis zum Schluss bereit in ihrer letzten, kleinen Wohnung im Wedding, wo die Nachbarn sie gleich ins Herz geschlossen hatten: »Sie können keine Deutsche sein – Sie grüßen!« Am 9. April ist Andrée Leusink dort nach langer Krankheit gestorben. Wer sie kannte, wird ihr offenes, herzliches Lachen im Gedächtnis behalten, zu dem sie übers ganze Gesicht strahlte, gar nicht mal selten. Beispielhaft bleibt ihr unermüdlicher Kampf gegen das Vergessen. Im Februar 1990 gehörte sie zu den Gründern des Bundes der Antifaschisten (BdA) in Pankow. Ende der 90er organisierte sie große Schülerproteste gegen den Umzug der Republikaner in die Nähe des S-Bahnhofs Pankow. Dass dort heute an Hunderte im Faschismus ermordete Juden aus dem Bezirk erinnert wird (auf Bronzetafeln, nachdem von Schülern beschriebene Leinwände 2005 von Neonazis abgerissen und verbrannt wurden), ist auch ihr zu verdanken. Und als der VVN-BdA im November der Entzug der Gemeinnützigkeit durch das Berliner Finanzamt angekündigt wurde, nannte Andrée Leusink das »Verrat an den Ermordeten«.

Mit älteren Nazis gab sie sich keine Sekunde ab, aber als bei einer ihrer letzten Fahrten mit Schülern nach ­Auschwitz – bevor es einfach zu lange dauerte, sich zu erholen – zwei Neuntklässler von der Liste gestrichen werden sollten, die Reden über die »Auschwitz-Lüge« schwangen, bestand sie darauf, beide mitzunehmen – in diesem Alter sei man noch biegsam, war ihre Begründung. Hinterher sollen beide aus ihren Organisationen ausgetreten sein. Wenn sie nur einen überzeugt hat, war das nicht wenig.

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