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Aus: Ausgabe vom 22.04.2020, Seite 10 / Feuilleton

Glatzeder, Petzold, Engel, Tschörtner

Von Jegor Jublimov
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»Schön griffig«: Winfried Glatzeder im April 2015

»Was findest du eigentlich an diesem Glatzeder?« fragte ich meine Freundin Sabine in den 70er Jahren. Sie schleppte mich wiederholt zu Filmen mit ihm ins Kino (Video war noch nicht erfunden). »Er ist so schön griffig«, antwortete sie mit spitzbübischem Lächeln, aber wie er sich anfasste, lag nur in ihrer Vorstellungskraft. Am Sonntag wird Winfried Glatzeder nun 75, Sabines Interesse hat sich etwas abgekühlt. Nach Defa-Erfolgen in »Zeit der Störche« (1971), »Der Mann, der nach der Oma kam« (1972), »Die Legende von Paul und Paula« (das war 1973 Angela Merkels Lieblingsfilm) und »Till Eulenspiegel« (in dem er 1974 ausnahmsweise die Hosen fallen ließ) spielte er 1978 in »Für Mord kein Beweis« einen Hauptmann der VP, der ein Verbrechen um einen KZ-Arzt aufdeckt. Regisseur dieses Films war Konrad Petzold, den kürzlich ein US-amerikanischer Filmhistoriker als einen soliden Regisseur von Genrefilmen hervorhob.

Petzold, der am Sonntag vor 90 Jahren geboren wurde und 1999 starb, drehte Kinderfilme (»Alfons Zitterbacke«, 1966), Indianerfilme mit Gojko Mitic, Abenteuerfilme u. a. mit Dean Reed, Lustspiele mit Agnes Kraus, Literatur- und Märchenadaptionen. Andersens »Das Kleid«, 1961 gemeinsam mit Egon Günther realisiert, ein parabelhaftes Märchen für Erwachsene und wohl sein Hauptwerk, konnte erst 1991 uraufgeführt werden. Begonnen hatte Petzold übrigens als Schauspieler, und ältere Leser werden sich vielleicht erinnern, dass er Anfang der 50er Jahre am Theater der jungen Generation in Dresden die Titelrolle in »Timur und sein Trupp« spielte.

Während Petzold für die Defa arbeitete, hat Richard Engel, der morgen 80 wird, ausschließlich Fernsehfilme, später auch Serien inszeniert. In letzter Zeit war er wieder stark im Gespräch, als zwei Filme über Gerhard Gundermann ins Kino kamen. Sowohl Andreas Dresen als auch Grit Lemke griffen auf Engels Material zurück, denn der engagierte sich schon früh für den Liedermacher. Seit den 70er Jahren begleitete er ihn mit der Kamera und hat zwei Filme über ihn gedreht. Fürs Fernsehen inszenierte er Gegenwarts- und historische Stoffe. Fontanes »Schach von Wuthenow« (1977) mit Michael Gwisdek war eine Sternstunde. Dass seine Frau Petra Kelling heute eine vielbeschäftigte TV-Größe in Rollen älterer Damen ist, liegt auch in Engels Verantwortung, der ihr im DFF immer wieder fordernde Rollen gab.

Auch Lilly Marie Tschörtner hat morgen Geburtstag, sie ist halb so alt wie Engel. Als Tochter der Regisseurin Petra Tschörtner hatte sie bereits mit zehn einen wichtigen Part, als sie 1990 mit einer Freundin zusammen die Max Goldt nachempfundene Titelzeile des legendären Defa-Films »Komm in den Garten« sang. Sie wurde Schauspielerin in Bochum, Stuttgart, Berlin und spielt bei Uli Gaulke, Gordian Maugg und Andreas Kleinert immer wieder in vielbeachteten Filmen.

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