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Aus: Ausgabe vom 22.04.2020, Seite 8 / Ansichten

Teurer Imperialismus

Ölpreis auf Rekordtief
Von Simon Zeise
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Washington überschwemmt den Weltmarkt mit Öl. Protest gegen die US-Frackingindustrie (Berlin, 7.2.2020)

Spätestens am Montag abend dürfte dem letzten klargeworden sein, dass der Kapitalismus in einer riesigen Überproduktionskrise steckt. Der Ölmarkt an der New Yorker Rohstoffterminbörse (Nymex) kollabierte. Ein Barrel (159 Liter) der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete zeitweise nur noch rund elf Dollar. Seit Jahresbeginn ist der Ölpreis um beinahe 85 Prozent abgesackt. An der Nymex werden Terminkontrakte auf Rohöllieferungen – sogenannte Futures – gehandelt. Für die am gestrigen Dienstag fälligen Orders für den Monat Mai bekamen Händler mit einem Kurs von Minus 40,32 Dollar regelrecht nachgeworfen. Wer Öl loswerden wollte, musste also draufzahlen.

Im Oktober 2018 hatte der Rohstoff noch rund 80 Dollar pro Fass gekostet – ein Niveau, das die US-Regierung gerne wieder erreichen würde, um ihre teure Frackingindustrie durchzufüttern. Washington schwemmt den Weltmarkt, um die von Deviseneinnahmen abhängige Konkurrenz Russland, Iran, Venezuela und Syrien in die Knie zu zwingen. Das aufwendige Verfahren, Öl aus Schiefergestein zu pressen, lassen sich die Imperialisten einiges kosten. Der Frackingsektor hatte zuletzt einen Anteil von 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Vereinigten Staaten. In der Branche sind rund zehn Millionen Menschen beschäftigt, die mit überdurchschnittlich hohen Gehältern entlohnt werden – eine Krise in dem Bereich kann Donald Trump im Wahljahr überhaupt nicht gebrauchen.

Der US-Brückenkopf im Nahen Osten, Saudi-Arabien, hatte vor einem Monat die Ölfördermenge sogar ausgeweitet. Die Einigung mit Russland Anfang April, die weltweite Fördermenge um zehn Millionen Barrel pro Tag zu senken, kam zu spät. Zumal in der Coronakrise deutlich weniger Rohstoffe nachgefragt werden. Die Internationale Energieagentur geht von einem Rückgang im April um 29 Millionen Barrel pro Tag im Vergleich zum Vorjahresmonat aus.

Trump zeigte sich am Montag abend unbeirrt. Die Regierung wolle bis zu 75 Millionen Fässer Rohöl kaufen, um sich den »Niedrigpreisrekord« am Ölmarkt zunutze zu machen. Es sei »eine tolle Zeit, Öl zu kaufen«. Der Preis werde schon bald wieder bei etwa 25 bis 28 Dollar pro Barrel liegen.

Wenn Präsident Gernegroß sich damit mal nicht übernimmt. Jeffrey Currie, Investmentbanker bei Goldman Sachs, warnte gegenüber CNBC vor der weiteren Durchfütterung des unrentablen Sektors: »Wenn Sie Russland sind, wollen Sie diese Schieferfirmen nicht bankrottgehen lassen, Sie wollen sie in Zombies verwandeln – so lassen sich diese nicht umstrukturieren und bleiben unfähig zu investieren und zu wachsen.«

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

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Debatte

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Ende der US-Hegemonie Stand Russland in 2013 noch an der Spitze der Top 10 der größten Ölproduzenten, haben die USA im Jahr 2014 dank des Einsatzes von Ölfracking die Spitzenposition gnadenlos erklommen und auch ihren Vors...

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