Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 18.04.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Philippinen

»Wir werden nicht aufgeben, niemals«

Die älteste Guerillagruppe Asiens hat im vergangenen Jahr ihr 50jähriges Bestehen gefeiert. Unterwegs mit Kämpfern der philippinischen New People’s Army (Fotos und Text), Übersetzung: Ronald Weber
Von Unai Aranzadi
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Die Fahne der New ­People’s Army: Ein rotes Dreieck mit Kalaschnikow und Speer

Es regnet in Strömen. »Siehst du«, sagt Drigo, »die einzige Möglichkeit, um dorthin zu gelangen, wo wir gecampt haben, ist über diesen Weg. Wenn sich ein Armeeangehöriger nähert, nehme ich die beiden Kabel hier, klebe sie an die Batterie, und die Sprengladung, die ich am Straßenrand zurückgelassen habe, explodiert. Das gibt uns ein paar zusätzliche Minuten, um so weit wie möglich zu kommen.« Drigo ist 23 Jahre alt, von kräftiger Statur, mit knospendem Schnurrbart. Er ist Mitglied der New People’s Army (Neue Volksarmee, NPA). Die 1969 von José María Sisón, einem Professor für Literatur und Politikwissenschaft, gegründete Gruppe besteht aus schätzungsweise 5.000 Männern und Frauen und agiert als bewaffneter Arm der Kommunistischen Partei der Philippinen (CCP). Der heute 80jährige Sisón lebt seit 1987 in den Niederlanden. Lange Zeit stand er auf der sogenannten Terrorliste der Europäischen Union, bis er 2009 vor Gericht recht bekam und wieder von dieser gestrichen wurde. Der philippinischen Regierung gilt er nach wie vor als Anführer der NPA.

Langer Atem

Die älteste Guerillagruppe Asiens wurde von der Regierung schon mehrmals totgesagt, ist allen Unkenrufen aus Manila zum Trotz aber weiterhin aktiv. Sie hat Kämpfer auf allen wichtigen Inseln des mehr als 7.000 Eilande umfassenden Archipels, auf dem insgesamt 106,5 Millionen Menschen wohnen, und agiert an sogenannten mobilen Fronten. Zum Beispiel an der »Apolonio-Mendoza-Front«, der Drigo angehört. Sie befindet sich am Fuße der Sierra Madre auf der Insel Luzon nicht weit entfernt von der 21-Millionen-Menschen-Metropole Manila.

Der perfekte Ort, um die Bewegungen des Militärs zu verfolgen, ist eine Anhöhe an der Biegung eines Flusses. Hier kann man sich für einige Wochen relativ sicher niederlassen, ohne entdeckt zu werden. Während eine Einheit die Umgebung durchkämmt, werden die nächsten bewaffneten Aktionen geplant. Auf einer Bank aus Schilfrohr sitzt, eine rote Fahne mit Hammer und Sichel bestickend, »Cleo del Mundo«, eine in vielen Schlachten erfahrene Frau. Sie kämpft seit mehr als einem Jahrzehnt in den Reihen der NPA. Nach den Gründen gefragt, warum sie sich dem Aufstand angeschlossen hat, antwortet sie: »Auf den Philippinen leben die meisten Bauern immer noch unter einem halbfeudalen Regime. Das Land, auf dem sie arbeiten, gehört ihnen nicht, und es gibt keine Aussicht darauf, dem Kreislauf der Armut zu entkommen. Das Land ist immer noch in den Händen einer ›Elite‹, die viel verdient und wenig zahlt. Das ist das erste Ziel unseres bewaffneten Kampfes: Die Macht zu zerstören, mit der die Oligarchen ein System aufrechterhalten, das das Land in Armut hält.« Auf die Frage nach den doch begrenzten Möglichkeiten, militärisch Erfolge gegen die Soldaten der Armee zu erzielen, meint sie: »Das stimmt, aber wir können sie schwächen. Wir können sie destabilisieren, so dass sie mitunter nachgeben müssen. Seit fast einem halben Jahrhundert sagt die Regierung, mit uns ginge es zu Ende. Aber wir sind immer noch da. Und wir werden nicht aufgeben, niemals.«

»Halbfeudales Regime«

Meist zündet die Guerilla Agrarmaschinen auf den Plantagen der Großgrundbesitzer an. Auch Angriffe auf Bergbauanlagen, die die Umwelt zerstören, gehören zu ihren Aktionen. Ganz unumwunden bekennt sich Cleo del Mundo zu dem, was die Regierung »Erpressung« und die Guerilla »Revolutionssteuer« nennt. Laut Ka Apo, einem der politischen Verantwortlichen der Apolonio-Mendoza-Front, wird sie bei Angehörigen der Bourgeoisie, die mit den Produkten der Großbauern handeln, und bei den Großgrundbesitzern selbst eingetrieben. Beide Gruppen hätten ihre Vertreter in den Reihen der »kapitalistischen Bürokraten«, die über die Macht auf den Philippinen verfügen. Wenn Ka Apo vom »halbfeudalen Regime« spricht, ist das keine ideologische Floskel. Es ist einfach die Realität. Auch Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam verweisen immer wieder darauf, dass in vielen Gebieten des Landes sieben von zehn Familien unter der Armutsgrenze leben. Während andere Länder der Region wie China oder Vietnam Fortschritte verzeichnen, sind die Philippinen immer noch das Reservoir für billige Arbeitskräfte in Asien. Zu Tausenden arbeiten die Einwohner des Archipels weitgehend rechtlos auf den Baustellen in den arabischen Ölstaaten oder als Haushaltshilfen in der Sklaverei ähnlichen Verhältnissen in Hongkong. In den bevölkerungsreichsten Städten des Archipels wie Cebu oder Manila leben unzählige Kinder allein auf den Straßen, unterernährt und allen Arten von Missbrauch ausgeliefert.

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Kämpfer der NPA der »Apolonio-Mendoza-Front« in der Nähe der philippinischen Hauptstadt Manila

Die NPA bezeichnet sich als maoistisch. Die Hauptprobleme, mit denen der Archipel historisch konfrontiert ist, erkennt sie in der Landverteilung und der neokolonialen Politik. Die grassierende Armut ist der perfekte Nährboden für den Guerillakrieg, den die NPA mit Bezug auf Mao Tse-Tung als langandauernden Volkskrieg führt. Sich auf die Massen verlassen, um zu überleben; leichte Kriegführung praktizieren, bei der die Fähigkeit, sich zu bewegen, wichtiger ist als die Fähigkeit zu schießen; überraschende Angriffe aus dem Hinterhalt führen – nach diesen Maximen geht die NPA vor.

Mit der Guerilla in Kontakt zu kommen ist nicht leicht. Es braucht monatelange Vorbereitung. Es gibt eine Art Maßnahmenkatalog, an den ich mich halten muss, sobald ich auf den Philippinen gelandet bin. Die Aufständischen halten den Kontakt mit ihrer sozialen Basis in den Städten von abgelegenen Gebieten aus. Ich fahre mit dem Bus von Manila zu einer vereinbarten Gemeinde, wo mich jemand empfangen soll. Von hier aus geht es mit einem Sammeltaxi bis zu einem zweiten Treffpunkt weiter, eine ländliche Behausung, wo es Essen gibt und wir übernachten. Dann werden die Vorbereitungen für die nächste Etappe getroffen, ein vierstündiger Marsch. Im Wald hört man Pfiffe. Es ist das Losungswort. Bald erscheinen einige Guerilleros, bewaffnet mit halbautomatischen 9-mm-Gewehren. »Das Geheimnis unseres Überlebens ist einfach: Wir kennen das Terrain im Detail und bewegen uns dort, wo die Bevölkerung mit uns sympathisiert. Sie unterstützt uns hier seit langem«, sagt einer der Kämpfer namens Ka Cleo. Die Geschichte der NPA hat vor mehr als 50 Jahren in diesen Wäldern ihren Anfang genommen. Ihre Vorläufer hatte sie im Hukbalahap, der bewaffneten Widerstandsbewegung gegen die japanischen Besatzer während des Zweiten Weltkrieges, die in den 1950er Jahren auch gegen den US-amerikanischen Neokolonialismus kämpfte. Die »Huks«, wie sie im Volksmund genannt wurden, pflanzten gewissermaßen den rebellischen Geist in die Köpfe der Menschen in dieser Gegend.

Aber es wäre falsch zu denken, dass die Guerilla sich allein aus der ländlichen Einwohnerschaft rekrutiert. Ka Yumi, eine junge Frau mit Brille, erklärt: »In unserem Kader gibt es auch viele Universitätsstudenten, die ihr kleinbürgerliches Leben aufgegeben haben, um das Land zu verändern. Ich selbst komme aus der Stadt und bin noch dabei, mich an die Bedingungen des Krieges anzupassen.«

Koloniale Last

1565 schloss die spanische Krone die Philippinen ihrem Kolonialreich an. Die anschließende Christianisierung und die koloniale Ausbeutung haben das Archipel tief geprägt. Zum Erbe des spanischen Kolonialismus, der auf der Inselgruppe bis zum Ende des 19. Jahrhunderts herrschte, zählen nicht nur Architektur und viele Ortsnamen. Auch die Guerilleras und Guerilleros der NPA zum Beispiel essen an Feiertagen »cocido con chorizo«, einen spanischen Eintopf mit Würstchen. Viele der Kämpferinnen und Kämpfer haben Namen wie José und Andrés.

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Die NPA verfolgt eine Taktik gezielter Schläge und zieht sich immer wieder in von ihnen ­kontrollierte Gebiete zurück

Bei strömendem Regen sitzt Lito auf dem Boden und isst weißen Reis aus einer Kokosschale. Die Ernährung bei der Guerilla ist ausreichend, aber eintönig. An der Apolonio-Mendoza-Front ist Reis die Grundlage für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Er wird mit einem kleinen Stück Schweinehaut serviert, bei besonderen Anlässen gibt es Sardinenkonserven oder ein Stück gegrillte Eidechse dazu. Es ist ein entbehrungsreiches Leben. Ein kleines Stück Glas wird zum Spiegel, ein Kamm wird jeden Morgen geteilt, und jede Kugel ist wertvoll. Pro bewaffneten Kämpfer gibt es kaum mehr als eine Handvoll. Obwohl moderne US-amerikanische M16-Gewehre die verbreitetsten Waffen sind, sieht man auch Relikte, die wohl seit mehr als 40, vielleicht 50 Jahren in Gebrauch sind. Einige der jungen Guerilleros tragen M14-Gewehre, mit denen die US-Soldaten vor allem im Vietnamkrieg mordeten.

Trotz vieler Entbehrungen herrscht im Camp gute Laune. Es wird viel gelacht. Der Tag beginnt mit kollektiver Gymnastik. Es folgt ein kleines Frühstück, dann wird der Tag geplant. Zur täglichen Arbeit zählen auch die Alphabetisierung und die politische Bildung sowohl der eigenen Kämpferinnen und Kämpfer als auch der sympathisierenden Bevölkerung. Lito, der vor ein paar Jugendlichen und einer Gruppe älterer Männer sitzt, macht der Unterricht sichtlich Spaß, und auch die »Schüler« scheinen sich zu amüsieren.

Unterdessen trifft sich die politische Führung in dem Markisenviereck, das als »Klassenzimmer« bezeichnet wird. Heute wird über die Bauern und die Probleme, die diese mit der Rinderhaltung haben, debattiert. Nicht weit von hier gibt es ein Unternehmen, das die Tiere an die Bauern zur Aufzucht abgibt. Die Kleinbauern sind spürbar unzufrieden. Nach allem, was man hört, zahlt das Unternehmen ihnen weniger als vereinbart. Ohne starke eigene Organisationen sind die Bauern und ihre Familien den Entscheidungen des Unternehmens ausgeliefert. »Es sind Konsequenzen zu erwarten«, sagt Ka Cleo ohne weitere Erklärung.

Die Philippinen, ein seit 67.000 Jahren von Menschen bewohntes Gebiet, tragen ihren Namen erst seit dem 16. Jahrhundert, als der »Entdecker« Ruy López de Villalobos das Land zu Ehren des spanischen Prinzen Philipp, dem späteren König Philipp II., »Las Islas Filipinas« nannte. Der gegenwärtige Präsident Rodrigo Duterte hat angekündigt, den Namen des Landes in »Republik von Maharlika« ändern zu wollen. Er bezieht sich dabei auf einen Vorschlag des ehemaligen Diktators Ferdinand Marcos, der bereits in den 1970er Jahren »Maharlika« als neuen Namen für das Archipel vorgeschlagen hatte. Der Begriff, der sich vermutlich auf eine Kriegerkaste der vorkolonialen Geschichte bezieht, ist umstritten, über seine wahre Bedeutung sind die Historiker uneins. Für Ka Wino, einen der altgedienten Kämpfer der Apolonio-Mendoza-Front, ist die Diskussion um die Umbenennung reine Augenwischerei: »Der Name der Philippinen erinnert uns jeden Tag daran, dass der Kolonialismus keineswegs der Vergangenheit angehört. Noch immer plündern multinationale Konzerne unser Land aus, noch immer sind US-Truppen auf unserem Archipel stationiert.« Nicht ein neuer Name, sondern eine andere Politik sei nötig. Schließlich bleibe der neokoloniale Status des Landes erhalten, auch wenn man es umbenenne. Der Präsident wolle die Massen mit billiger Propaganda gewinnen. Duterte, der die von Norwegen geförderten Friedensverhandlungen mit der Guerilla gestoppt hat, hat der NPA den »totalen Krieg« erklärt und versichert, dass er diese bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2022 vernichten werde. Ka Wino kann über solche vollmundigen Ankündigungen nur lachen. Nach einer schnellen Niederlage der Guerilla jedenfalls sieht es nicht aus, auch wenn diese angesichts der Coronapandemie Ende März in Reaktion auf den Aufruf der Weltgesundheitsorganisation zur Beendigung aller bewaffneten Konflikte zunächst eine Waffenruhe verkündet hat.

Übersetzung: Ronald Weber

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