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Aus: Ausgabe vom 17.04.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Bis Ende Juli, maximal«

»Aktion Hertha-Kneipe«: Fans des Hauptstadtklubs organisieren Hilfe für geschlossene Pinten
Von Oliver Rast
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Ab in den virtuellen Kneipenraum

Die Szene erinnert ein bisschen an die Ziehung der Lottozahlen am Sonnabend. Nur dass es Mittwoch und die Lostrommel ein Bierglas ist. Darin statt 49 Kugeln mit Ziffern fünf gelbe handelsübliche Überraschungseier mit Zettelchen. Namen von Schankwirtschaften stehen darauf, genauer: Pinten von Anhängern des Berliner Bundesligisten Hertha BSC.

Fantreffs für Fachsimpeleien mit Imbiss sind coronabedingt dicht. Das ist für die Betreiber besonders bitter, nicht nur an Spieltagen, sondern auch an Tagen, an denen sich die Fanklubs sonst zu ihren obligatorischen Stammtischen treffen. Die Einbußen bringen einige der Schankwirte an den Rand des Ruins. »Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, wie wir in der spielfreien Zeit nach der Saisonunterbrechung Herthaner unterstützen können«, sagt Steven Redetzki im jW-Gespräch. Redetzki ist einer der Initiatoren von »Aktion Hertha-Kneipe«. Die Idee dahinter: Das Stadionerlebnis mit anschließendem Gang zum Umtrunk in die Lieblingskaschemme fehlt vielen sehr, Redetzki öffnete deshalb jüngst mit seinen Mitstreitern einen virtuellen Kneipenraum über das Videotelefonieportal Zoom. Hier können Tische in der wöchentlich wechselnden Schenke bestellt und natürlich Spirituosen geordert und über Paypal auf das Konto des Betreibers bezahlt werden. Anstoß ist immer sonnabends um 15.30 Uhr. Wann sonst?

Die Ziehung am Mittwoch ging bei »Fränky« über den Tresen, einer Hertha-Kneipe in Berlin-Wilmersdorf. Zahlreiche Fanutensilien hängen dort reihum, halt so, wie man sich ein Refugium für Fans vorstellt: Winkelemente unterschiedlichen Formats, Wimpel mit und ohne Fransen, Jerseys von Spielern mit Autogrammen fein säuberlich eingerahmt an den Wänden. Frank Sassoli betreibt sein Etablissement erst seit dreieinhalb Jahren, erzählt er gegenüber jW. Zuvor organisierte er ein Vereinsheim in einer Kleingartenkolonie. »Bis die von einem Wohnungsbaukonzern plattgemacht wurde«, sagt er. Wie hart trifft ihn die Kneipenschließung? »Natürlich hoffen wir, dass wir sehr bald wieder unsere Tür sperrangelweit aufmachen können.« Er habe bislang Glück im Unglück gehabt, sagt er: »Wir sind ein reiner Familienbetrieb, können die fehlenden Einnahmen noch wettmachen.« Aber auch nicht auf ewig.

Das »Fränky« war bereits die zweite Station der »Aktion Hertha-Kneipe«. Begonnen hatten die Aktivisten vor knapp drei Wochen mit dem »Kugelblitz« im Wedding. Klaus Kuhfeld und Gattin haben hier das Sagen hinter der Theke. Ökonomisch sieht es gar nicht rosig aus: »Wir haben drei Angestellte, Kurzarbeit ist beantragt«, sagt Klaus dieser Zeitung am Donnerstag morgen am Telefon. Wie lange kann er durchhalten? »Ja, ich sach’ mal, bis September.« Stimme der Gattin aus dem Off: »Wo willste denn bis dahin dit Jeld herhol’n?« Klaus korrigiert sich: »Bis Ende Juli, maximal.«

Wie fällt die Zwischenbilanz aus? »Unser erster Aufruf war ein voller Erfolg, über 2.000 Euro kamen zusammen«, freut sich Redetzki: »Das hätten wir so niemals erwartet.« Sassoli konnte diese Summe sogar noch toppen – er hat genau nachgerechnet: 2.627,94 Euro. »Ich hol’ mir notfalls ’ne Sondergenehmigung vom Amt, und dann machen wir ’ne Dankeschön-Party.«

André Ruschkowski, einer der Mitstreiter Redetzkis, »beaufsichtigte« am Mittwoch Lose und Ziehung im »Fränky«. »Die Resonanz auf unsere Aktion ist echt überwältigend«, sagt er auf jW-Nachfrage. Die Herthaner wollen das Hilfsprojekt öffnen, noch breiter bekanntmachen. »Wir sind dabei, einen Kriterienkatalog zu erstellen.« Beliebig wollen sie nämlich nicht werden. »Hertha first«, betont Ruschkowski. Bis wann soll die Kampagne laufen? »Vorerst bis zum letzten Spieltag.« Und der ist am 16. Mai. Die Unterstützung kann nur begrenzt sein, das weiß Redetzki. »Für uns ist das aber keine Alternative, deswegen niemandem zu helfen.«

Nach dem Griff ins Losglas verkündete Pächter Sassoli in Showmastermanier den neuen Gewinner: das »Keglerheim« in Neukölln. Anstoß zum virtuellen Anstoßen wie gehabt: Sonnabend, 15.30 Uhr.

https://aktion-herthakneipe.de

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