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Aus: Ausgabe vom 17.04.2020, Seite 5 / Inland
Ausbildungspolitik in der BRD

»Vergesst die Azubis nicht«

DGB fürchtet Folgen der Coronakrise für Lehrlinge - Entwurf des Berufsbildungsberichts offenbart anhaltenden Lehrstellenschwund
Von Ralf Wurzbacher
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Maurer: Ein Handwerk, für das Unternehmen immer seltener ausbilden (Ravensburg, 14.3.2020)

Am Mittwoch betitelte das Handelsblatt einen Beitrag im Innenteil mit: »Corona bedroht die Lehre«. Das ist nur die halbe Wahrheit. Im Artikel sind Zahlen aus dem Entwurf des nationalen Berufsbildungsberichts der Bundesregierung aufgeführt, die folgendes erkennen lassen: Das System der dualen Berufsausbildung ist auch ohne Virus ein Fall für die Intensivstation. Im Jahr 2019, das im Report analysiert wird, bildeten lediglich noch 19,8 Prozent aller Unternehmen hierzulande aus. Verglichen mit 2009 waren dies 3,5 Prozentpunkte weniger, obwohl die Misere auch damals akut war. Im Vorjahr standen 14,4 Prozent der 20- bis 35jährigen ohne jede Berufsqualifikation da, das entspricht 2,1 Millionen Menschen. 2014 hatte die Quote noch bei 13 Prozent gelegen.

Azubi-Mindestlohn

»Die Coronakrise trifft keinesfalls auf einen entspannten Ausbildungsmarkt«, äußerte sich am Donnerstag DGB-Jugendsekretärin Manuela Conte gegenüber jW. »Nur noch jeder fünfte Betrieb bildet aus, und zuletzt sind viel zu viele Ausbildungsbetriebe verlorengegangen.« Der Schwund zeigt sich nicht nur bei kleinen und mittelgroßen Firmen aus Handwerk, Gastgewerbe und Handel. Auch immer mehr Schwergewichte stehlen sich aus der Verantwortung. Nach jüngsten Umfragen des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) haben die meisten Dax-Konzerne ihre Kapazitäten in den zurückliegenden Jahren deutlich reduziert. Von den Großunternehmen mit über 250 Mitarbeitern beschäftigt inzwischen ein Fünftel gar keine Lehrlinge mehr.

Wie passt all das mit dem Klagelied über den »Fachkräftemangel« zusammen? Ein Denkanstoß: Wo Ausbildungsplätze fehlen, mangelt es früher oder später an Ausgebildeten. Oder bildet die Wirtschaft deshalb so wenig aus, weil es einen allgemeinen Fachkräftemangel gar nicht gibt? Auf alle Fälle produziert das freie Spiel der Marktkräfte reichlich Verlierer. 2019 blieben rund 25.000 Bewerber unversorgt, rund 5.000 mehr als 2014/15. Dazu kamen 50.000, die eine in der Regel schlechte Alternative gefunden haben, indem sie etwa eine Maßnahme im »Übergangsbereich« absolvieren. Die Zahl der in der »Warteschleife« feststeckenden Jugendlichen bewegt sich seit Jahren bei rund 300.000.

Eine scheinbar gute Nachricht ist der Rückgang an unbesetzt gebliebenen Lehrstellen. Waren es 2018 noch 58.000, sank die Menge im Vorjahr auf 53.000. Bei einem insgesamt rückläufigen Angebot spricht das allerdings dafür, dass Bewerber im Gerangel um die raren Plätze auch mit schlechten Angeboten vorliebnehmen. Die DGB-Jugend beklagt schon seit längerem, dass die Ausbildungsqualität sukzessive abnimmt und Betroffene häufig nur als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden. Passend dazu ist auch die Abbrecherquote größer geworden. Allein 2018 wurden 151.000 Lehrverträge gelöst – das waren 26,5 Prozent der im selben Jahr geschlossenen Kontrakte. Abhilfe könnte hier der seit Jahresanfang geltende Mindestlohn für Azubis schaffen. Fürs erste Lehrjahr startet dieser bei 515 Euro, steigt aber bis 2022 auf 620 Euro an.

Fachkräftemangel

Aktuell gar nicht absehbar ist, wie sich die Pandemie und der ökonomische Lockdown auf den Ausbildungsmarkt auswirken werden. »Vergesst die Auszubildenden nicht«, mahnte deshalb die WZB-Direktorin für Arbeitsmarkt und Ausbildung, Heike Solga, gegenüber dem Handelsblatt. Das gelte auch für diejenigen, die derzeit eine Lehrstelle suchen und »mit der Unsicherheit leben müssen, wann und wie Tests und Vorstellungsgespräche stattfinden und ob der gefundene Ausbildungsbetrieb überhaupt die Coronakrise überlebt«.

Bei bis jetzt 650.000 Betrieben, die Kurzarbeit angemeldet haben, stellt man sich auch beim DGB auf »große Herausforderungen« ein. »Denn in diesen Monaten werden eigentlich die Verträge für die kommenden Auszubildenden gemacht«, sagte DGB-Jugendsekretärin Conte. »Damit nicht die Schwächsten ihre Zukunftschancen verlieren, sind neben der betrieblichen Ausbildung viel mehr außerbetriebliche Angebote wichtig.« Hier wären sowohl die Politik als auch die Unternehmer gefordert. Conte meinte, sie könne die Unternehmer nur warnen: »Wer jetzt seine Azubis entlässt, wird nach der Krise als erster wieder vom Fachkräftemangel palavern«.

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