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Aus: Ausgabe vom 17.04.2020, Seite 4 / Inland
75 Jahre Befreiung vom Faschismus

Verzicht auf Festakte

Feiern zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus entfallen. KZ-Gedenkstätten bleiben geschlossen
Von Marc Bebenroth
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Blick in die Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen (Oranienburg, 12.3.2020)

In der Bundesrepublik sollen Einschränkungen aufgrund der Coronapandemie schrittweise gelockert werden. Davon unberührt bleiben allerdings unter anderem die Gedenkveranstaltungen zur Befreiung vom Faschismus vor 75 Jahren. Die teils mit Hunderten oder Tausenden Gästen von den verschiedenen KZ-Gedenkstätten geplanten Termine entfallen. Gedenkakte wurden statt dessen ins Internet verlagert und finden vor Ort nur äußerst reduziert statt. So beispielsweise am Donnerstag im Land Brandenburg, wo Kulturministerin Manja Schüle (SPD) am Vormittag in der Gedenkstätte Ravensbrück und nachmittags in der Gedenkstätte Sachsenhausen jeweils einen Kranz niederlegte.

In einer Erklärung informieren die beiden brandenburgischen Gedenkstätten auf ihren Internetseiten seit März darüber, dass »voraussichtlich bis zum 15. Mai« die Einrichtungen vollständig geschlossen bleiben würden. Alle angekündigten Veranstaltungen zur Befreiung des Lagers Sachsenhausen am 22. April 1945 und des Lagers Ravensbrück acht Tage später wurden abgesagt. »Wir können und dürfen die Überlebenden keinen hohen gesundheitlichen Risiken aussetzen«, heißt es auf der Internetseite der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Ob die zwei Gedenkeinrichtungen über den 15. Mai hinaus geschlossen bleiben, sei noch nicht abschließend geklärt, sagte Horst Seferens, Sprecher der Stiftung, am Donnerstag gegenüber junge Welt. Es bedürfe noch der Abstimmung mit dem für den Landkreis Oberhavel zuständigen Gesundheitsamt.

Die für diesen Sonntag geplanten Gedenkveranstaltungen in Niedersachsen anlässlich der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen am 15. April 1945 sind ebenso abgesagt worden wie die der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Flossenbürg und Dachau. Für den am 26. April geplanten Termin in Flossenbürg hatten sich nach Angaben der dortigen Gedenkstätte mehr als 1.000 internationale Gäste angemeldet, darunter zwei Dutzend ehemalige Gefangene des am 23. April 1945 befreiten Lagers. Zur offiziellen Gedenkfeier am 3. Mai zur Befreiung des KZ Dachau am 29. April 1945 sei sogar mit rund 2.000 internationalen Besuchern gerechnet worden. »Wir hatten über 90 Zusagen von Zeitzeugen aus aller Welt«, sagte Gabriele Hammermann, Leiterin der dortigen Gedenkstätte in einer Mitteilung vom 11. März.

In Thüringen hat man von offizieller Seite eine eigene Antwort auf die abgesagten Gedenktermine gefunden. Gemeinsam mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wurde die »Thüringer Erklärung« initiiert, zu deren Erstunterzeichnern Ministerpräsident Bodo Ramelow, Landtagspräsidentin Birgit Keller (beide Die Linke) und der Präsident des Landesverfassungsgerichts, Stefan Kaufmann, zählen. Auf der dafür eigens eingerichteten Internetseite werden zudem die für den 75. Jahrestag der (Selbst-)Befreiung (siehe jW vom 11. April) geplanten Reden dokumentiert – darunter die von vier Buchenwald-Überlebenden.

Jene »Erklärung«, die bereits von zahlreichen Einzelpersonen virtuell unterzeichnet worden ist, soll demnach ein Zeichen setzen gegen: »Verachtung von Demokratie und Menschenrechten«, gegen Antisemitismus, Rassismus, angeprangert werden »soziale und kulturelle Vorurteile, ethnischer und nationalistischer Größenwahn« sowie »Habgier und Ausbeutungsbereitschaft«. Denn die Unterzeichner seien sich bewusst, dass dies die Ursachen für die Verbrechen der Nazis gewesen waren. Zudem gehöre zu den »Lehren aus der Geschichte« die Gewissheit, »dass eine demokratische, die Menschenwürde schützende Verfassung und funktionierende Gewaltenteilung das Rückgrat eines liberalen Rechtsstaates bilden«. Ohne sie fielen »Staat und Demokratie« auseinander. Schließlich werde »im Licht der historischen Erinnerung« deutlich erkennbar, »dass die zerstörerischen Gifte von gestern erneut als Allheilmittel angepriesen werden«.

In dem Text werden Kommunisten oder Sozialdemokraten, die bis zuletzt Widerstand leisteten, mit keinem Wort erwähnt. Das blieb den zum geplanten Gedenkakt eingeladenen Überlebenden überlassen. In seinem auf der Internetseite zur »Erklärung« dokumentiertem Redemanuskript dankt der 1932 in Bratislava geborene und als Zwölfjähriger mit seiner Familie in das KZ Buchenwald verschleppte Naftali Fürst den Mitgliedern der Widerstandsorganisation des Lagers. Fürst nennt explizit »politische Häftlinge wie die Kommunisten, Franzosen, Deutsche, Holländer, Juden und andere.«

Debatte

  • Beitrag von Peter Siegfried B. aus A. (16. April 2020 um 22:35 Uhr)
    Verzicht auf Festakte ?

    Nein, ich halte einen Verzicht auf ein Gedenken an die bedingungslose Kapitulation des Hitlerfaschismus am 8. Mai 1945 nicht für angemessen. Um auf dieses geschichtsträchtige Datum angemessen hinzuweisen, wird der Schrebergartenverein Neuwegersleben an diesem Tag das ausgefallene Maifeuer abbrennen.

    Die Durchführung der Abbrennung wird von mir ausgeführt. Natürlich wird die Brandsicherheit hergestellt und garantiert. Die Personenzahl wird sich somit im zulässigem Bereich entsprechend der Quarantänebestimmungen gestalten. Weitere Personen sind nicht zugelassen. Die zuständigen Organe Ordnungsamt, Feuerwehr werden natürlich informiert. Ebenso wird im Ort über Zeitpunkt und Zweck des Unternehmens informiert, um interessierten Bürgern die Begleitung aus der Ferne zu ermöglichen.

    Peter Siegfried Bock

    Neuweggersleben, Bördekreis
  • Beitrag von Hans S. aus B. (16. April 2020 um 22:47 Uhr)
    Der Text der »Thüringer Erklärung« ist derart allgemein gehalten, dass in der Überschrift nicht hätte stehen dürfen: »Aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora«.

    Da es aber um das Gedenken an Buchenwald geht, muss man schon das Spezifische des Lagers hervorheben, vor allem den dort organisierten Widerstand und die Träger desselben, allen voran Kommunisten und Sozialdemokraten. Auch die mehr als 8.000 sowjetischen Kriegsgefangenen müssten erwähnt werden. Sie konnten als Rotarmisten an der endgültigen Befreiung vom Faschismus nicht mehr teilnehmen, weil sie zuvor ermordet wurden. Mit dem Verschweigen dieser Fakten weitet man den Kreis der Unterzeichner sicher aus. Aber der Floskelreichtum der Erklärung ist derart erheblich, dass er letztlich jeder Substanz entbehrt. Was sind die zerstörerischen Gifte von gestern? Es ist beschämend, dass Bodo Ramelow als Ministerpräsident und Erstunterzeichner offenbar keinen Wert daraufgelegt hat, dass in der Erklärung Bezug auf den »Schwur von Buchenwald« genommen wurde. Die Politik der USA, die ihre westlichen Verbündeten auf Kriegskurs zu trimmen versuchen, die mit ihren Sanktionsfuror das globale Gewaltmonpol anstreben und jedwede Toleranz in den internationalen Beziehung missachten, bringen auf diese Weise ihre Verachtung gegenüber fast jedem einzelnen Satz des Buchwaldschwurs zum Ausdruck. Da in wenigen Wochen der 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus begangen wird, müssten die Leistungen und die Opfer der sowjetischen Befreiungsarmee in eine solche Erklärung aufgenommen werden. Stattdessen versucht auch die Bundesrepublik ihre Bevölkerung in Kriegsstimmung zu versetzen, indem ununterbrochen von einem »zunehmend aggressiven Russland« phantasiert wird.

    Es ist schon ein gerütteltes Maß an Heuchelei dabei, wenn diese Aspekte in der Erklärung unter den Tisch fallen, trotzdem aber die Menschen verpflichtet werden sollen, Lehren aus der Geschichte zu ziehen, obwohl in der Erklärung kein einziges Mal das Wort Frieden steht. Der Schwur von Buchenwald beschämt die Thüringer Erklärung. Den Autoren war es wohl wichtiger, mit Eigenlob auf die »Festigung der Demokratie zu verweisen, die auf der selbstkritischen Auseinandersetzung mit den Untaten« beruhe. Ein Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik von Adenauer bis heute, einschließlich der Bemühungen, die DDR posthum zu delegitimieren, erlaubt indes alles andere als Selbstzufriedenheit.

    Hans Schoenefeldt

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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