Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 16.04.2020, Seite 8 / Ansichten

Verzweifelt gegen China

Schuldzuweisungen in Coronakrise
Von Marc Püschel
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Da war er auf Staatsbesuch: US-Außenminister Michael Pompeo am 8. Oktober 2018 in Beijing

Coronainfektionen scheinen nicht das einzige zu sein, das derzeit exponentielles Wachstum besitzt – Schuldzuweisungen des Westens an Beijing nehmen mindestens ebensoschnell zu. Umgekehrt dazu sinkt die Qualität der Vorwürfe ins Bodenlose. So meldete Bild am Mittwoch, sie präsentiere die »Corona-Rechnung: Was China uns jetzt schon schuldet«. In ihren absurden Forderungen nach Schadenersatz für die wirtschaftlichen Schäden der Coronakrise berief sich das Blatt auf ein Interview seines Chefredakteurs Julian Reichelt mit US-Außenminister Michael Pompeo vom Vortag. Dessen unmissverständliche Antwort: »Die Zeit wird kommen, in der die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden«, musste der brave Transatlantiker Reichelt dabei mit der direkten Frage, ob China für die Schäden finanziell aufkommen müsse, aus ihm herauskitzeln.

Bild und Pompeo springen spät auf den Zug dieser irren Ansprüche auf. Bereits Anfang April hatten in Großbritannien 15 ranghohe Tory-Politiker um Damian Green, ehemals Stellvertreter von Theresa May, von ihrer Regierung verlangt, die Beziehungen zu Beijing zu überdenken und eine Klage gegen die Volksrepublik zu erwägen. Dabei bezogen sie sich auf eine Studie des konservativen und militaristischen Thinktanks »Henry Jackson Society«, derzufolge China Großbritannien 351 Milliarden Pfund schulde. Mit einberechnet waren absurderweise auch kurzfristige Investitionen in den National Health Service, die durch Kürzungen und Privatisierungen der letzten Jahrzehnte überhaupt erst nötig wurden. Britische Zeitungen griffen diese Milchmädchenrechnungen sofort auf.

In der Angst der imperialistischen Staaten vor Verlust ihrer globalen Dominanz geben auch als seriös geltende Medien zunehmend ihren neutralen Anschein auf. Beim Versuch, China auf jede erdenkliche Weise zu diskreditieren, werden dabei noch ganz andere Berechnungen angestellt. So kündigte neulich die durch Beschluss des US-Kongresses gegründete »Victims of Communism Memorial Foundation« an, dass weltweit alle am Coronavirus Verstorbenen in die Statistiken der »Opfer des Kommunismus« einberechnet werden – Statistiken, die im übrigen auch im Zweiten Weltkrieg umgekommene Faschisten als »Opfer« beinhalten.

Sollte jedenfalls über das Verklagen von Regierungen für Wirtschaftsschäden ernsthaft nachgedacht werden, so könnte vielleicht Beijing einmal ausrechnen, wieviel ihnen Großbritannien durch die Opiumkriege schuldet. Schließlich war deren Folge ein Wirtschaftskollaps in China, der Dutzende Millionen Menschen in Armut und Hunger stürzte. Das mindeste aber, was in der Gegenwart zu tun wäre, ist das Einstellen des »Blame-Game«, das nur darüber hinwegtäuschen soll, dass der Westen alle Warnungen Chinas und der WHO im Januar und Februar in den Wind geschlagen hat.

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  • Heinrich Hopfmüller: Prionen am Werk? Mir scheint, dass in gewissen Kreisen des westwertlichen Politpersonals mutierte Prionen am Werk sind. Wie bekommt man den dadurch entstandenen Schaden ersetzt?...

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