Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 14.04.2020, Seite 8 / Ansichten

US-Totalversagen

Trump gegen China und die WHO
Von Jürgen Heiser
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Protest von Gesundheitsarbeitern in den USA: »Wo ist meine persönliche Schutzausrüstung?« (PPE: Personal Protective Equipment) am 9. April in New York

Als einer der vielen Slogans der virtuellen Ostermarschbewegung 2020 bringt »NATO abrüsten – WHO aufrüsten!« auf den Punkt, warum US-Präsident Donald Trump die von ihm schon lange abgelehnte Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) neben der Volksrepublik China zu einem der Intimfeinde des Weißen Hauses erkoren hat. Die durch das Coronavirus ausgelöste Krise trifft das imperialistische Zentrum mitten ins sieche Herz, weil sie sein Wesen offenlegt: Das größtenteils privatisierte Gesundheitssystem, das den kranken Menschen zum Objekt seiner Profitmaximierung degradiert, kann den Herausforderungen einer Pandemie wie der durch den Erreger SARS-CoV-2 verursachten nicht gerecht werden. Das der USA am allerwenigsten, weil Washingtons Sparprogramme im Gesundheitswesen etwas mit dem explodierenden Militärbudget des Pentagon in Höhe von einer Billion US-Dollar zu tun haben.

Schon bis Ende März hatte der Erreger das US-Gesundheitssystem quasi im Handstreich überwältigt. »Es gibt Dritte-Welt-Länder, die besser ausgestattet sind als wir in Seattle«, klagte eine medizinische Fachkraft gegenüber der Washington Post. Klare Worte, die nur wenige Tage später ein von der steigenden Zahl der Virustoten zutiefst schockierter Arzt gegenüber dem US-Sender CNN wiederholte, als er die Zustände in den Kliniken von New York City als »ein Szenario vom Typ eines Dritte-Welt-Landes« beschrieb. Selbst Donald Trump säuselte spontan in Pressemikrophone, er habe jetzt »Dinge gesehen«, die er zuvor »nur im Fernsehen und in fernen Ländern gesehen« habe, »nie aber in meinem Land«.

Doch Trump wäre nicht der »Vater aller Fake News«, wenn er nicht mit spitzem Finger auf andere Schuldige für das wachsende Pandemieelend in seinem Land zeigen würde, unter dem vor allem Schwarze, Latinos, Ureinwohner, Migranten, Arme und Obdachlose leiden. Legendär ist sein Versuch, den G-7-Verbündeten das Schimpfwort »China-Virus« vorzuschreiben. Aber neben China stellt Trump auch die WHO an den Pranger. Sie habe »zu spät« über die Pandemie informiert und stehe wegen Kooperation mit China »in dem Verdacht, vor Beijing zu kuschen«, wie die Neue Zürcher Zeitung willfährig schrieb. Auf Twitter provozierte Trumps Gezeter jüngst die Verunglimpfung der Abkürzung WHO durch den Hashtag »WuhanHealthOrganization«.

In Wahrheit hatte die WHO bereits Ende Januar den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Und der Chinakenner und Herzchirurg Professor Paul Robert Vogt warf gestern dem Westen in der Schweizer Mittelländischen Zeitung vor, er sei »arrogant, ignorant und besserwisserisch«. Lieber solle er »aus den Erfahrungen Chinas im Umgang mit dem Coronavirus« lernen. »Das fortgesetzte, dümmliche China-Bashing« lenke nur »vom eigenen Versagen ab«, so Vogt. Der Westen habe schon im Januar gewusst, was auf ihn zukam, »und trotzdem nicht reagiert«.

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Debatte

  • Beitrag von Georg B. aus Greifswald (13. April 2020 um 22:38 Uhr)
    Hier der Link zum am Ende zitierten Beitrag: https://www.mittellaendische.ch/2020/04/07/covid-19-eine-zwischenbilanz-oder-eine-analyse-der-moral-der-medizinischen-fakten-sowie-der-aktuellen-und-zuk%C3%BCnftigen-politischen-entscheidungen/
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus Berlin (14. April 2020 um 04:47 Uhr)
    Wie verblüffend! Es geht Ihrer Meinung nach immer noch um den Westen, wenn es um die Pandemie geht? Bitte kommen Sie zur Vernunft! In zwei oder drei Wochen werden wir zuerst die zweite und kurz danach die dritte Welle der Pandemie erleben. Das Krankheitsbild – also der Virus – wird sich entwickeln. Ganz zu schweigen davon, dass die Ausbreitung der Krankheit nicht aufzuhalten ist.

    In den Industriestaaten mit einer Gesundheitsvorsorge ist die Betreuung der neuen Kranken nicht zu leisten. Um die Mängel zu beschönigen, werden die tatsächlichen Zahlen der Kranken nicht bekannt. In den anderen Staaten werden gar keine Tests ausgeführt, damit die Weltgemeinschaft sich einen Dreck darum scheren kann, wie es in den anderen Staaten läuft. Oder was geht in Polen oder Ungarn ab?

    Es ist nicht einmal bekannt, wie es den gefährdeten Menschen in unserem Haus geht. Zum Beispiel meiner Tochter.
  • Beitrag von Josie M. aus Jülich (14. April 2020 um 17:07 Uhr)
    Bravo, Jürgen Heiser! Diesen Artikel betrachte ich als notwendige Ergänzung zu der selektiven Wahrnehmung von der Coronapandemie seitens unserer Massenmedien wie auch der erwähnten Neuen Zürcher Zeitung!

    Einseitige Schuldzuweisungen haben noch nie dazu verholfen, welches Problem auch immer zu lösen, und schon gar nicht bei der Eindämmung eines Virus, vor dem alle Menschen gleich sind.

    Josie Michel-Brüning, 38448 Wolfsburg

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Matthias Bartsch, Lichtenau: Bessere Abwehrkräfte Donald Trumps absolute Unfähigkeit ist lange genug unfassbar und gefährlich gewesen. Jetzt ist sie in der Tat bitterernst und tödlich für das eigene Volk. Die Causa Trump zeigt auch, wie widerwärtig d...
  • Istvan Hidy: Wahres Gesicht Um einer Ausbreitung der Coronavirenepidemie in Staaten ohne leistungsfähige Gesundheitssysteme entgegenzuwirken, rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. Januar 2020 die internationale Gesun...

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