Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 15.04.2020, Seite 12 / Thema
Unerbetene Literatur

Verschanzt hinterm »Zeitgeist«

Die ARD hat jetzt Siegfried Lenz’ »Der Überläufer« verfilmt. Verschwiegen werden allerdings immer noch die Gründe, warum der Roman in den 1950er Jahren nicht erscheinen konnte
Von Helmut Donat
12_13.jpg
Jahrzehntelang galten Deserteure als »Drückeberger«, »Feiglinge«, »Vaterlandsverräter« (Szene aus dem Film »Der Überläufer« mit den sich Partisanen anschließenden Wehrmachtssoldaten)

Mit der Verfilmung von Siegfried Lenz’ Roman »Der Überläufer« schlägt die ARD ein neues Kapitel der sogenannten deutschen Vergangenheitsbewältigung auf – und blendet dabei wesentliche Hintergründe aus. Jahrzehntelang galten Deserteure als »Drückeberger«, »Feiglinge«, »Vaterlandsverräter«. Dass sie nicht mehr kämpfen und nicht mehr mitmachen wollten, den Kriegsdienst verweigerten und »überliefen«, dafür sind sie in deutschen Landen jahrzehntelang nicht geehrt, sondern als »Abtrünnige« und »Nichtswürdige« behandelt und stigmatisiert worden. Doch davon ist im Film wie auch in den erläuternden Begleitmaterialien wenig zu finden. Vielmehr werden Klischees bedient und die Hintergründe ausgeblendet. Zwar ist die Rede davon, dass Lenz’ Roman aus »politischen Gründen« und aus »stofflichen Gründen« 1951/52 nicht herauskommen konnte, aber damit hat es sich schon. Und es wird die »Geisteshaltung« der frühen 1950er Jahre angeführt, so Regisseur Florian Gallenberger, die »letztlich der Grund« sei, »warum der Roman damals nicht erscheinen konnte«. Deshalb habe man im Film »noch eine Episode, die in der Mitte der 50er Jahre spielt, hinzugesetzt. (…) In dieser letzten epiloghaften Szene des Films sehen wir, dass die Figuren sagen: Was bringt es, in der Vergangenheit zu wühlen, wir müssen den Blick nach vorne richten. Und genau dieses Verständnis hat dazu geführt, dass der Roman damals nicht veröffentlicht werden konnte. Im Prinzip muss man sagen, dass der Roman, als er 70 Jahre Jahre später, also 2016, tatsächlich rauskam, auch die Möglichkeit gegeben hat, diese Figur mit einer anderen historischen Distanz zu erzählen. Und vielleicht ist die Zeit jetzt reif, um einen Deserteur als Hauptfigur erzählen zu können.« Papperlapapp. Allein die Tatsache, dass derselbe Verlag, in dem der Roman unter die Räder gekommen und dem deutschen Publikum bewusst vorenthalten worden ist, ihn 2016 herausgebracht hat, ohne darüber auch nur ein Wort zu verlieren, spricht für sich.

Offenbar sind die Dinge – und das wohl nicht nur aus PR-Gründen – kurzgeschlossen. Der Verlag Hoffmann und Campe war und ist offenbar mehr daran interessiert, Lenz so gut wie möglich zu vermarkten. Sie verschweigen lieber ihren unrühmlichen Umgang mit dem Lenz der frühen 1950er Jahre, als dass sie sich ihrer Fehlleistung stellen und sie bedauern. Und die ARD, sich auf die Seriosität von Hoffmann und Campe verlassend, macht dabei mit. Schauen wir also etwas genauer hin.

Ende Februar 2016 veröffentlichte der Verlag den Roman »Der Überläufer« des 2014 verstorbenen Siegfried Lenz. Die Startauflage von 50.000 Exemplaren und die Vorankündigung mit einer dpa-Meldung deuteten bereits auf den Versuch hin, aus dem Buch einen Bestseller zu machen, was auch gelungen ist. Lenz hat mit dem Schreiben des Romans im März 1951 begonnen. Schon Ende des Sommers lag die erste Fassung als Typoskript vor, doch dann geriet es in Verruf – aus politischen und mehr als fragwürdigen Gründen.

Otto Görner, einer der Gutachter und Lektoren bei Hoffmann und Campe und zunächst Feuer und Flamme, riet nach der ersten Lektüre zu Änderungen, »das Technische und Handwerkliche« betreffend. Nach der Wiedervorlage des Manuskriptes im Januar 1952 hatte sich der Wind gedreht, und Görner verlangte von Lenz, sein Werk umzuarbeiten. Zudem hielt er ihm vor, ein solches Buch »hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner gewesen sein«.

Zudem würde Lenz sich mit einer Veröffentlichung nur selbst »maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht«. Schließlich die Drohung: »Erwägen Sie nicht, etwa eine wütende Geste zu machen und ein neues Buch schreiben zu wollen.« Da der seinerzeit noch wenig bekannte Autor nicht zu substantiellen Änderungen und einer Verwässerung der Überläuferproblematik bereit war, lehnte der Verlag das Erscheinen der Publikation ab. Lenz akzeptierte den Nichtdruck bzw. nahm ihn hin – und der Roman verschwand in der Versenkung. Was aber haftete ihm so Schlimmes an, dass es 65 Jahre gedauert hat, bis er – vom selben Verlag – endlich veröffentlicht wird?

Der Roman und sein Potential

Im zweiten Teil des Romans geht es um zwei deutsche Wehrmachtssoldaten, die im Sommer 1944 an der in Auflösung begriffenen Ostfront in die Hände von polnischen Partisanen fallen und sich deren Kampf gegen die deutschen Eindringlinge anschließen. Zunächst nicht ganz freiwillig, ansonsten droht ihnen, am nächsten Morgen am Bahndamm erschossen zu werden. Doch mehr und mehr betrachten sich die beiden als überzeugt, bei den Partisanen das Richtige zu tun.

Wolfgang alias »Milchbrötchen«, ein blasser, schmächtiger, eher zum Nachdenken neigender und moralisch argumentierender Soldat, überzeugt schließlich auch Walter Proska, den »Helden« der Geschichte, sich ganz auf die andere Seite zu schlagen. Mit anderen Worten: Lenz’ Protagonist desertiert nicht eigentlich, doch drängt es sich ihm als notwendig auf, aus freien Stücken gegen die »Klicke«, gemeint sind Hitler und dessen Führungsriege, die Waffe in die Hand zu nehmen. Der »Herrenmensch« verbrüdert sich also – im deutschnationalen oder Nazijargon – mit jenem »Abschaum«, der alles tut, um die Welt vor den Faschisten zu retten. Das alles war 1951/52, im Unterschied zu 1946 – nicht mehr gefragt und zudem noch »schädlich«, so die Behauptung aus dem Hause Hoffmann und Campe. Und ins selbe Horn tutet Florian Gallenberger. Am 4. April 2020 sagte er in einem Interview mit Susanne Burg in Deutschlandfunk Kultur: »Und möglicherweise hatte der Lektor (von Hoffmann und Campe; jW) auf eine Art recht. Dass die Menschen in Deutschland damals entweder kein Interesse für diese Figur gehabt hätten oder dieser Figur auch feindselig begegnet wären.« Da ist sie wieder, die klammheimliche Identifikation mit dem Täter, der Lenz – folgt man dieser »Logik« – dann wohl auch noch vor Schlimmerem bewahrt haben soll? Aber wie war es wirklich?

Zweifellos warf der »Kalte Krieg« seine Schatten schon weit voraus. Doch es gab in der Bundesrepublik zu Beginn der 1950er Jahre noch eine große Mehrheit, die mit der von Konrad Adenauer auf den Schild gehobenen Wiederbewaffnung keineswegs einverstanden war, ablesbar an der Rede des Bundeskanzlers, die er am 28. November 1950 in Berlin hielt und in der er dem Erfinder des Wortes Remilitarisierung »lebenslängliches Zuchthaus« wünschte. Zu berücksichtigen ist des weiteren, dass das von Bastian Müller 1947 veröffentlichte, stark autobiographisch geprägte Werk »Hinter Gottes Rücken« mit vier Auflagen der erfolgreichste Roman der ersten Nachkriegsjahre überhaupt gewesen ist. Darin schildert Müller, wie es seinem Protagonisten Wilhelm gelungen ist, den Zweiten Weltkrieg zu überstehen, ohne jemals, auch als Soldat nicht, eine Waffe gegen einen anderen Menschen zu richten oder zu töten.

Mag sein, dass Lenz’ Partisanenroman Schiffbruch erlitten hätte. Aber es spricht auch viel dafür, dass er von heftigen, massenwirksamen Diskussionen begleitet worden wäre. So hat selbst die trivialisierende, zum Teil ins Anekdotische, Derbe und Unpolitische abrutschende Romantrilogie »08/15« von Hans Hellmut Kirst 1954 zu heftigen Kontroversen geführt. Und obwohl Franz Josef Strauß, damals Bundesminister für besondere Aufgaben, zum Boykott des Buches aufrief, dem viele Buchhandlungen folgten, wurde die Trilogie zum Bestseller und noch im selben Jahr verfilmt.

Nicht auszudenken, was der Roman von Lenz bewirkt haben könnte. Vielleicht hätte die Veröffentlichung 1952 gar zu einer Debatte geführt und einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Remilitarisierung dargestellt. Doch Hoffmann und Campe wollte nicht anecken und ließ den Autor im Stich. Von Courage und Entschlossenheit, gegen den Strom und den Regierungskurs zu schwimmen, keine Spur. Und heute?

Nachdem es in Deutschland einen grundlegenden Wandel der Mentalität zugunsten von Deserteuren oder »Wehrkraftzersetzern« gegeben hat, die dem blutigen und mörderischen Wahnsinn die Gefolgschaft verweigerten, hat es der Verlag geschafft, von der neuen Lage und dem Fortschritt, den er vor knapp siebzig Jahren behindert hat, zu profitieren. Dazu passt, dass Günter Berg, Vorsitzender der Siegfried-Lenz-Stiftung und bis 2013 Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe, in seinem Nachwort zu dem Roman 2016 mit keiner Silbe auf den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund eingeht, der zur Unterdrückung des Romans führte. Er reiht sich ein in die Tradition, Unliebsames zu verschweigen. Statt aufzuklären, wird verheimlicht. Statt kritisch mit der Vergangenheit umzugehen, wird der Täter geschont und der Leser über ihn in Unwissenheit gehalten.

Also kann es nicht verwundern, dass Berg die Nazivergangenheit des Lektors Görner übergeht. Der promovierte Germanist, Schüler des Nazivolkskundlers André Jolles und Mitglied der SS, hat dem Naziregime willfährig gedient und war seit Ende 1937 als hauptamtlicher Referent für das gesamte Gebiet der Volkskunde im nationalsozialistischen »Heimatwerk Sachsen« in Dresden tätig. Da sorgt also ein ehemaliger Vertreter der Waffen-SS bei Hoffmann und Campe federführend dafür, den Antikriegsroman eines deutschen Autors und Deserteurs zur Strecke zu bringen – und Günter Berg geht darüber ebenso hinweg und schweigt dazu wie auch Florian Gallenberger. Wer sucht hier wen oder was zu schützen und den Mantel des Schweigens über einen handfesten Skandal auszubreiten, auf dessen Aufklärung die deutsche Öffentlichkeit und nicht zuletzt Siegfried Lenz selbst einen Anspruch haben?

Noch ein »Überläufer«

Doch das ist noch nicht alles. So sucht man in Bergs Darlegungen und Gallenbergers Interview vergeblich nach einem Hinweis auf Wilhelm Lehmanns Roman »Der Überläufer«, obwohl dieser haargenau denselben Titel trägt wie der von Siegfried Lenz, was Berg und auch Gallenberger seit langem wissen könnten. Mehr noch. Die beiden Schriftsteller kannten sich gut und hegten große Sympathie füreinander. Zweifellos hat auch Lenz den vor allem als Lyriker bekannt gewordenen Lehmann, der in den 1950er Jahren als Antipode Gottfried Benns galt, sehr geschätzt. 1882 geboren, in Wandsbek bei Hamburg aufgewachsen und 1905 zum Dr. phil. promoviert, unterrichtete Lehmann von 1912 bis 1917 als Lehrer an reformpädagogischen Schulen sowie von 1923 bis 1947 am Gymnasium in Eckernförde, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1968 lebte. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte er mit Erzählungen, später mit Romanen auf sich aufmerksam gemacht. Gemeinsam mit Robert Musil erhielt Lehmann 1923 aus der Hand von Alfred Döblin den Kleist-Preis. Zwischen 1927 und 1932 veröffentlichte er sein »Bukolisches Tagebuch«, mit dem er an die naturbeschreibende literarische Gattung des Nature Writing aus der angelsächsischen Literatur anschloss. Ab 1930 publizierte er ein reiches lyrisches Werk, das ihn, so der Literaturwissenschaftler Wolfgang Menzel, zum bedeutendsten Vertreter der »naturmagischen Schule« machte und starken Einfluss auf die jüngere Lyrikergeneration wie Günter Eich, Elisabeth Langgässer und Karl Krolow ausübte. Obwohl selbst ein Zeitgenosse wie Siegfried Lenz von Lehmanns Werk und Haltung beeindruckt war, geriet letzterer in den 1970er und 1980er Jahren in Vergessenheit. Seit etwa 15 Jahren versucht die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft in Eckernförde Werk und Autor wieder in Erinnerung zu rufen.

Lehmanns Roman »Der Überläufer«, zwischen 1925 und 1927 entstanden, erzählt die Geschichte eines deutschen Deserteurs aus dem Ersten Weltkrieg. Das Manuskript ist erst 1962 gedruckt worden. Über das Buch sagte der israelische Publizist Emanuel Bin-Gorion: »Ich kenne, aus der Literatur keinen radikaleren Gegner des Krieges und des Kriegsterrors als Wilhelm Lehmann im ›Überläufer‹.« In der Tat ist Lehmanns Schilderung einzigartig. Es gibt keine vergleichbare Darstellung, die im deutschen Sprachraum einem Deserteursschicksal des Ersten Weltkriegs gewidmet ist. Gleiches gilt für den »Überläufer-Partisanen«-Roman von Lenz, der allerdings im Zweiten Weltkrieg spielt und nicht nur vom Erzählduktus Lehmanns stark abweicht. Inwieweit Lenz sich an einer realistischen Vorlage orientierte, ist bislang nicht bekannt. Doch wie Lehmann desertierte auch Lenz gegen Ende des Krieges. Beide gerieten jeweils in englische Kriegsgefangenschaft, der eine 1918, der andere 1945.

Anders als Lenz greift Lehmann auf seine Tagebuchaufzeichnungen zurück. Er berichtet von seiner militärischen Ausbildung, den Kämpfen an der Front, seiner Haltung zum Krieg, von der Desertion und seinen Erlebnissen in der Gefangenschaft. Mit seiner klaren pazifistischen Haltung und unbestechlich nüchternen und zugleich poetischen Sprache nimmt sein Roman eine herausragende Stellung in der Kriegsliteratur ein. »Das Unvereinbare, Grauen und fast Normale« – so Günter Kunert in seinem Geleitwort »Der Deserteur« zum 2014 neu aufgelegten Roman »Der Überläufer« von Wilhelm Lehmann – »drängt sich dem aufmerksamen Beobachter wie selbstverständlich auf.« Und: »Als ein Leser mit einiger Erfahrung kann ich Lehmann nur bestätigen.« Ähnlich dürfte Lenz geurteilt haben. Wie Heinrich Böll, Günter Grass und auch Lehmann stand er der deutschen Nachkriegsentwicklung und Behandlung des Holocausts durch die deutsche Politik und Geschichtsschreibung kritisch gegenüber. Die neue Ostpolitik von Willy Brandt fand in ihm einen engagierten Befürworter. Als man ihm in den 1970er Jahren das Bundesverdienstkreuz verleihen wollte, lehnte er die »Ehrung« mit der Bemerkung ab, Bürger einer Hansestadt zu sein, die sich mit Orden nicht schmücke. Der wahre Grund jedoch war – wie Grass in den Lübecker Nachrichten vom 8. Oktober 2014 versicherte –, dass viele ehemalige Nazis den Orden erhalten hatten. Statt dessen nahm Lenz im Oktober 2011 die Ehrenbürgerschaft seiner inzwischen polnisch gewordenen Geburtsstadt Elk (dt. Lyck) an.

Auch Lehmann fand – wie Lenz – für seinen »Überläufer« keinen Verlag, was offenbar an der sehr breit geschilderten ereignisarmen Nachkriegshandlung lag. Döblin schlug daher umfangreiche Kürzungen vor, wofür Lehmann sich aber nicht erwärmen konnte. Die 2014 von Wolfgang Menzel edierte Auswahl beherzigte den Rat Döblins und beschränkt sich daher auf die Teile »Krieg« und »Gefangenschaft« in der Fassung von 1927. Die Botschaft lautet – wie bei Lenz: »Krieg ist etwas, das nicht mehr sein darf!« Beider Desertion und deren literarische Verarbeitung sind Ausnahmen geblieben.

Viele mögen im Schlamm und in den Unterständen, neben sich die zerfetzten Leiber ihrer Kameraden, mit dem Gedanken gespielt haben, aber die persönliche Konsequenz, sich dem Völkermorden zu entziehen, sich davor zu bewahren, andere zu töten oder selbst draufzugehen, haben nur wenige gezogen. Dazu gehörte nicht nur Mut, denn wer das tat, begab sich nicht nur in Gefahr, er verließ nicht einfach seinen Graben, sondern er wandte sich auch dagegen, seinem »Vaterland« weiter zu dienen. Und das war mehr als nur ein Schritt von dem einen zum anderen Frontabschnitt. Er brach damit die Verbindung zu seinem Heimatland zunächst vollends ab, ohne zu wissen, was die Zukunft für ihn bereithalten würde. Es war ein Weg ins Ungewisse. Wer desertierte oder die Partisanen unterstützte, darf mit Fug und Recht als vorbildhaft bezeichnet werden, zumal das Kaiserreich und das »Dritte Reich« keine Verteidigungs-, sondern Eroberungskriege führten. Lehmann wie Lenz hatten den Krieg satt, hassten ihn, wollten nicht als Kanonenfutter verheizt werden.

Es mutet mehr als merkwürdig an, dass solche Einsichten und all diese Dinge in dem Nachwort von Berg verschwiegen worden sind und er wie auch die den Film begleitenden und erläuternden Texte um Lehmann einen großen Bogen machen und ihn totschweigen. Soll damit eine wie immer geartete Originalität des »Überläufers« von Lenz unangetastet bleiben? Es wäre ein mehr als schlechtes Argument und sicher nicht im Sinne von Lenz. Denn beide Autoren und Werke können nebeneinander bestehen. Sie sind ein eindrucksvolles Zeichen dafür, wie selbst in mörderischen und verbrecherischen Zeiten Literatur imstande ist, das Leben zu bewahren und die Menschlichkeit in eine neue Zeit hinüberzuretten.

Wie sehr er seinen älteren Kollegen geschätzt hat, dafür legt Lehmanns letztes Gedicht vom 4. Oktober 1968 ein beredtes Zeugnis ab:

Letzte Tage

Ausgelaufen ist der Krug.

Erde spricht, es ist genug.

Chrysanthemen hat ein Freund vors Bett gestellt,

Lockenhäupter, Würzgeruch der Welt.

Ehe meine Finger kalten,

Fühlen sie die Lust, die Stengel festzuhalten.

Halt ich so das letzte Stück der Zeit noch aus,

Bringt das große Qualenlose mich nach Haus.

Der Freund, der die Chrysanthemen vor Lehmanns Krankenbett gestellt hat, war Siegfried Lenz.

Ausrede Zeitgeist

Susanne Burg und Florian Gallenberger sind sich im Radiogespräch darin einig, dass der Lektor von Hoffmann und Campe im Sinne der »Geisteshaltung der frühen 1950er Jahre« gehandelt habe. Originalton Burg: »Das Problem, das der Lektor auch gesehen hatte, war die Darstellung des Deserteurs als Verräter, etwas das Deutschland, wie der Lektor fand, nach dem Krieg 1952 nicht lesen wollen würde.« Und Gallenberger stimmt sofort zu: »Ganz genau so war das«. Halten wir kurz inne. Woher wissen die beiden so genau, was »Deutschland« damals lesen wollte? Nach Meinungsumfragen 1949 erklärten 60 Prozent der Männer in deutschen Landen, künftig jeden Kriegsdienst zu verweigern. So schnell sollen sie wieder bereit gewesen sein, eine Waffe in die Hand zu nehmen? Und: Der Lektor soll mit dem Bild des »Deserteurs als Verräter« ein »Problem« gehabt haben? Er sei also einer Art »Zeitgeist« erlegen gewesen? Mitnichten. Sein »Problem« war ein ganz anderes, nämlich – und darüber reden Burg und Gallenberger weitgehend hinweg – dass Lenz seinen »Deserteur« bzw. »Überläufer« als eine Gestalt schildert, die sich weigert, weitere Schuld auf sich zu laden, und sich dazu entschließt, dem Eroberungsgeist und Durchhaltewillen der wirklichen Volksverräter, die er in den Nazis erkannt hat, nicht mehr Folge zu leisten. Der »Deserteur« hat damit also, indem er sich nicht weiter der Nazipropaganda unterordnet, ein Stück Menschlichkeit in sich selbst gerettet. Damit hat Lenz seine »Desertion« moralisch keineswegs überhöht, diese aber als eine gleichwertige neben die Haltung derer gestellt, die – ungeachtet der Sinnlosigkeit eines längst verloren gegangenen Krieges – weitergekämpft haben. Zu undifferenziert wirken hierzu die Erklärungsversuche des Regisseurs und seiner Interviewerin. Von der Komplexität von Schuld und Unschuld, die Lenz angesichts seines eigenen Schicksals vor Augen führt, sind sie wohl weiter entfernt, als sie denken. Möglicherweise gehörte auch der »Gutachter« Otto Görner zu jenen SS-Schergen, die ihr Heil darin sahen, den letzten Blutstropfen für ein Regime zu opfern, das keine Verbrechen gescheut und aus dem Land der »Dichter und Denker« endgültig ein Land der »Richter und Henker« gemacht hat.

Gallenberger und Burg verteidigen die Haltung Görners als aus dem »Zeitgeist« entsprungen. Gerade dieser Tendenz aber hat Lenz widersprochen, indem er mit seinem Roman nicht zuletzt die damit verbundene Mentalität kritisierte. Lenz sollte angepasst werden und sich einreihen in die Phalanx der Verharmloser, Relativierer und Verdränger von Grausamkeiten, Menschenverachtung, Verbrechen und Schuld. Hoffmann und Campe sah in ihm einen »Störenfried« und sperrte den Roman aus seinem Programm aus. Es stellt sich die Frage, ob und welche weiteren Autoren und Themen Anfang und Mitte der 1950er Jahre von Hoffmann und Campe sowie von anderen Verlagen der Öffentlichkeit vorenthalten worden sind. Es ist nicht gerade einfallsreich, den Umgang mit Siegfried Lenz auf die »Geisteshaltung der frühen 1950er Jahre« oder auf einen wie immer gearteten »Zeitgeist« zu schieben. Man könnte es auch umgekehrt sagen: Gerade weil der »Zeitgeist der frühen 1950er Jahre« so beschaffen war, hat Siegfried Lenz seinen Roman als Beitrag zu einer öffentlichen Diskussion zu publizieren versucht – und ist damit an Görner und Hoffmann und Campe gescheitert. Die Tabuisierung des Themas Desertion und deren Behandlung als »Verrat« ist Teil jenes Unwillens zur Umkehr und Reuelosigkeit, der deutsche Politik nicht erst nach dem Zweiten, sondern schon nach dem Ersten Weltkrieg geprägt hat, und im übrigen, wie nicht nur der AfD-Zulauf zeigt, bis heute fortwirkt.

Bastian Müller: Hinter Gottes Rücken. Neudruck anlässlich des 100. Geburtstags von Bastian Müller. Donat-Verlag, Bremen, 2012. 228 S. 14,80 Euro.

Wilhelm Lehmann: Der Überläufer. Donat-Verlag, Bremen, 2014. 144 S. 12,80 Euro.

Siegfried Lenz: Der Überläufer. Hoffmann und Campe, Hamburg, 2016. 368 S. 25,00 Euro.

Helmut Donat (Jg. 1947) gründete 1984 zusammen mit Horst Temmen den Verlag Donat & Temmen, aus dem der Donat Verlag entwuchs, den er bis heute als Verleger betreibt. Der Historiker Donat ist außerdem Mitbegründer des 1984 entstandenen Arbeitskreises Historische Friedensforschung (AKHF) sowie Begründer und Mitherausgeber der Schriftenreihe »Das andere Deutschland«.

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche: