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Aus: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Simbabwe

Enttäuschte Hoffnungen

Kein Jubel zum 40. Jahrestag der Unabhängigkeit Simbabwes. Eindrücke aus der Hauptstadt Harare
Von Simon Miller, Harare
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Auch in Simbabwe sind derzeit in öffentlichen Räumen wie hier am Busbahnhof in Harare nur die Menschen unterwegs, die für die Aufrechterhaltung des Notwendigsten unerlässlich sind (30.3.2020)

»Coronavirus?« Der alte Mann schaut mich ungläubig an. »Eher verhungern wir«, sagt er dann. Er ist vom Dorf mit einem Korb voll Chomolia, einer Kohlsorte, die man hierzulande als Beilage zum Maisbrei kocht, in die Hauptstadt Harare gekommen. Er hofft, das Gemüse für ein paar Dollar zu verkaufen, muss aber auf der Hut vor der Polizei sein. Die jagt alle, die sich nicht an den Lockdown halten. Präsident Emmerson Dambudzo Mnangagwa hatte Ende März die Viruspandemie zum »nationalen Desaster« erklärt und die Ausgangssperre verhängt. Sie soll vorerst bis zum 21. April gelten. Dann will man weitersehen.

Eigentlich wollte die Regierung in Harare am kommenden Sonnabend, dem 18. April, den 40. Jahrestag der Unabhängigkeit mit Pomp feiern. Ihre Stütze ist die Zimbabwe African National Union – Patriotic Front (ZANU-PF), die ehemalige Befreiungsbewegung unter Robert Mugabe, die ebenso wie die konkurrierende ZAPU unter Joshua Nkomo den Freiheitskampf gegen das weiße Minderheitsregime führte. Doch in der gegenwärtigen Lage wurden die Militärparade, die Massenkundgebung im Nationalstadion von Harare und alle Meetings und Feierlichkeiten in den Provinzen abgesagt.

Das 15-Millionen-Volk kann das verschmerzen, denn es hat ganz andere Sorgen. Bei vielen Bürgern ging es schon lange vor der Pandemie ums nackte Überleben. Über sieben Millionen Simbabwer hungern, so das Welternährungsprogramm der UNO (WFP). Sie wissen nicht, ob oder wann es eine nächste Mahlzeit gibt. Vier Millionen von ihnen sind dringend auf die WFP-Lieferungen angewiesen. Zum Feiern wäre angesichts dieser Misere wohl den wenigsten zumute gewesen. Der alte Gemüsebauer hat also so Unrecht nicht, wenn er glaubt, ein Großteil seiner Landsleute sterbe eher vor Hunger oder an den elenden Lebensbedingungen als an der Virusseuche. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Viele Betriebe sind geschlossen. Die Versorgung mit Elektrizität und Trinkwasser ist rationiert und fällt mitunter für Tage am Stück aus. Inflation und Massenarbeitslosigkeit grassieren. Der Wertverfall der einheimischen Währung Simbabwe-Dollar ist immens. Ein Toastbrot kostete Ende 2018 noch einen, jetzt 27 Dollar. Gehälter und Löhne wurden indes nicht erhöht. Zudem sind seit dem Lockdown die Grenzen zu Südafrika und Botswana geschlossen und damit die Nachschubwege für den sonst florierenden Schwarzmarkt blockiert.

Stark verschuldet

Vor dem Hintergrund der Coronakrise hat Mnangagwa, von seinen ZANU-Anhängern »ED« genannt, am 3. April ein Hilfsprogramm mit dem Namen »2020 Humanitarian Response Plan« verkündet. Von dem sollen 5,6 Millionen Menschen profitieren. Es zielt auf bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten, effektivere Gesundheitsdienste, Hygienemaßnahmen, Bildung und Unterkunft. Dazu wäre – und das ist der Haken dieses Plans – eine internationale Finanzhilfe in Höhe von 715 Millionen US-Dollar erforderlich. Woher sollten die kommen? Simbabwe ist schon bei der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank mit rund zwei Milliarden US-Dollar verschuldet, dazu beim langjährigen Partner China mit einer unbekannten Summe.

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Patrouillen während des Lockdowns: Die Menschen in Simbabwe haben jedoch gegenwärtig mehr gegen den Hunger zu kämpfen, als sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus Sorgen zu machen (Harare, 3.4.2020)

Einfach ist es nicht, in diesen Wochen des Lockdowns Gesprächspartner zum Thema »40 Jahre Unabhängigkeit« zu finden. Es gelingt mit Geduld und Hartnäckigkeit.

Linda Moyo*, 32 Jahre alt, ist Lehrerin. Ihre Antwort beginnt mit einer Gegenfrage: »Sind wir wirklich unabhängig? Meine Mutter hat als Freiheitskämpferin dazu beigetragen, das Kolonialjoch abzuwerfen und die weiße Minderheitsclique davonzujagen. Alle glaubten, es sei gut, dass wir nun schwarze Führer an der Macht haben, die unsere Interessen vertreten. Aber die haben uns enttäuscht, ja verraten. Sie irrten vom Wege ab – durch Korruption, Misswirtschaft und Vetternwirtschaft. Sie inszenierten von 1983 bis 1987 die Gukurahundi-Massaker zwischen den beiden ethnischen Hauptgruppen Shona und Ndebele. Ihnen fielen mindestens 20.000 Menschen zum Opfer. Nach 40 Jahren, was haben wir? Keine Meinungsfreiheit, fürchterliche Angst vor dem staatlichen Sicherheitsapparat, eine alles diktierende Partei, nahezu unerschwingliche Schulgebühren, astronomische Preise für Lebensmittel. Dafür hatte meine Mutter nicht ihr Leben riskiert.«

Der 40 Jahre alte Rechtsanwalt Temba Ncube* bemüht sich um ein ausgewogeneres Bild. Er erzählt: »Zu Zeiten von Ian Smith (von 1964 bis 1979 erster weißer, in Simbabwe/Rhodesien geborener Premier; jW) hatten wir Afrikaner kein Wahlrecht. Die besten Böden gehörten den Weißen. Sie exportierten Fleisch und Tabak nach Europa. Simbabwe galt als Brotkorb Afrikas. Nach 1980 setzte Präsident Robert Mugabe ein Landreformprogramm durch. Es beinhaltete vor allem die Enteignung der weißen Farmer. Die Ländereien wurden übernommen von schwarzen Politikern, den sogenannten Cellphone-Farmern, die von Agrarwirtschaft keine Ahnung hatten und von ihren Büros aus rumtelefonierten und anordneten. Die Landlosen gingen leer aus. Die Folge war ein spürbarer Produktionsrückgang. Ähnlich in der Industrie, viele Betriebe gingen wegen Missmanagements bankrott. Vor 1980 gab es für Schwarze und Weiße getrennte Schulen und natürlich keine schwarzen Lehrer an weißen Schulen. Im ganzen Land existierte eine einzige Universität. Nach der Unabhängigkeit wurde diese Trennung abgeschafft. Es gibt private und staatliche Schulen. Jede Provinz hat mindestens eine Universität. Das Straßennetz hat sich verbessert, hingegen befindet sich die Eisenbahn in jämmerlichem Zustand.«

Ein Schock sei Gukurahundi gewesen, »das schwärzeste Kapitel in der Geschichte unserer Unabhängigkeit. Dass so etwas im freien Simbabwe geschehen konnte, ist bis heute unbegreiflich. Mnangagwa, der ja mitverantwortlich für den Genozid war, spricht heute von ›einem Moment des Wahnsinns‹. Doch der dauerte vier Jahre. Als er 2017 die Macht übernahm, versprach er Fortschritt in 100 Tagen. Das hofften alle. Doch es blieb ein leeres Versprechen. Freiheit und Unabhängigkeit? Es kursiert inzwischen im Volk ein sarkastischer Spruch: Redefreiheit, aber nach der Rede keine Freiheit.«

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Gefangen im Elend: Die wirtschaftliche Lage war in Simbabwe auch schon vor der Corona­krise katastrophal (Harare, 30.3.2020)

Unruhen und Gewalt

Der Geschäftsmann Donald Mapanzure*, 50 Jahre alt, sieht viele positive Seiten: »Unsere Politiker führten freie Bildung für alle ein, auch an Hochschulen und Berufsbildungsinstituten. Dass heute horrende Gebühren dafür zu bezahlen sind, steht auf einem anderen Blatt. Unter Mugabe lief es solange vernünftig, bis er die Landenteignung anordnete. Das war ein großer Fehler. Ein ungerechtes System wurde durch ein anderes ungerechtes ersetzt. Die weißen Farmer verloren ihr Land, die schwarzen bekamen es aber nicht. So kam es zu Unruhen und Gewalt. Es folgten die wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen des Westens, die bis dato bestehen. Zum wirtschaftlichen Niedergang trug auch bei, dass die Freiheitskämpfer eine Belohnung von 50.000 Dollar erhielten, die im ohnehin knappen Staatshaushalt gar nicht berücksichtigt waren. So ging es ständig abwärts. 90 Prozent der Arbeitsfähigen haben keinen Job. Die Inflation galoppiert. Mehr als drei Millionen Simbabwer arbeiten im Ausland. Ihre Familien sind zersplittert. Das traditionelle System der Großfamilie zerbricht. Wir brauchen für einen echten Wandel frisches Blut. Zwischen Mugabe und Mnangagwa besteht kein wirklicher Unterschied. Es handelt sich um das gleiche Holz. Wir müssen weg von der Regierungspartei ZANU-PF. Wir brauchen nicht die verknöcherten, gebrechlichen alten Führer mit ihrem ideologischen Korsett, sondern jüngere, moderne, dynamische.«

Der 48 Jahre alte Schlosser Garikai Shoko* ist politisch interessiert und verfolgt aufmerksam, was im Land und international passiert. Er berichtet: »1980 ging ich noch zur Schule. Mein Direktor war ein Weißer. Von der Unabhängigkeit erwarteten alle mehr Gerechtigkeit für die schwarze Bevölkerung. Es gab Demonstrationen und Kundgebungen, auf denen das gefordert wurde. ZANU und ZAPU hatten zwar die Unabhängigkeit erkämpft, waren sich jedoch über den neuen Weg nicht einig. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die alte Armee der Weißen, die Rhodesian African Rifles, war ja noch nicht aufgelöst. Sie ging dazwischen, feuerte Raketen und Granaten, schoss scharf. ZAPU-Chef Joshua Nkomo flüchtete in Frauenkleidern ins Nachbarland Botswana. Etwas später trat die 5. Brigade, die von Nordkorea trainiert worden war, in Aktion. Es handelte sich um Killerkommandos der ZANU, die bis 1987 wüteten und für eine bis heute bestehende tiefe Kluft zwischen Shonas und Ndebeles verantwortlich waren.«

Trotzdem habe es Fortschritte gegeben. »Schulen wurden gebaut, Dämme, bei Beitbridge eine Brücke über den Limpopo, in Hwange eine Kokerei, Starkstromleitungen, Straßen. Mugabe sagte den Slums den Kampf an, die ersten Siedlungen für Schwarze entstanden. Ein Dissident gründete die erste Oppositionspartei Zimbabwe Unity Movement, die allerdings bald wieder verschwand. Die Bevölkerung stimmte gegen Mugabes Widerstand für eine neue Verfassung. Gewerkschaftsführer Morgan Tsvangirai mauserte sich zu einer politischen Kraft und erzwang mit seiner Bewegung für Demokratischen Wandel sogar die Bildung einer relativ erfolgreichen Regierung der Nationalen Einheit. Nach manipulierten Wahlen schwang sich die ZANU-PF wieder in den Sattel und wirtschaftete das Land erneut ab. Als die Armee im November 2017 putschte und Mnangagwa zum Staatschef machte, hoffte die Nation auf einen tiefgreifenden Wandel. Leider blieb der aus, manches ist heute gar schlechter als unter Mugabe. Ich sehe nur einen Ausweg aus dem Dilemma: Das Militär übernimmt die Macht und bildet wieder eine breitgefächerte Einheitsregierung. Anzeichen dafür gibt es freilich nicht.«

Enttäuschte Hoffnungen

Der 75jährige Sipo Ngwenya* ist ein ehemaliger Freiheitskämpfer und arbeitet seit fast vier Jahrzehnten als Farmer. Sein Rückblick: »Vor 40 Jahren atmeten wir auf und glaubten, am Ziel zu sein. Die weiße Clique war entmachtet. Wir waren die Herren im Land. Vier Jahrzehnte später ist die bittere Wahrheit: Wir irrten, gaben uns trügerischen Hoffnungen hin. Wir hatten uns mehr auf die Fahnen geschrieben, wollten soziale Gerechtigkeit, politische Freiheiten, Wohlstand, wenigstens genug zu essen für alle, gleiche Rechte für die Frauen, gute und bezahlbare Schulbildung für alle, nicht nur für die Kinder der Elite. Alles nur Träume, stellt sich nun heraus. Die Mehrheit meiner Landsleute leidet. Es herrschen wieder Missgunst und Neid, Spannungen zwischen den Völkerschaften. Seite an Seite haben Shonas und Ndebeles in der Guerilla für die Unabhängigkeit gekämpft. Heute bestehen Diskriminierung und Hass zwischen ihnen. Die einen wollen Alleinherrschaft, die anderen am liebsten einen eigenen Staat. Eine gar nicht mehr so schleichende, von der Regierung gebilligte oder gar geförderte Shonaisierung des Bildungswesens ist im Gange. Shona-Lehrer unterrichten inzwischen in Gebieten, wo Ndebele die Mehrheit bilden. Das schafft böses Blut. Jeder ist stolz auf seine ethnische Zugehörigkeit. Der Präsident beschwört zwar in fast jeder seiner Reden die nationale Einheit. Doch praktisch fährt er einen anderen Kurs, den der Spaltung. Er schafft kein Vertrauen und keine Harmonie. Er bedient die Tribalisten, die für eine scharfe Abgrenzung ihrer ethnischen Gruppen eintreten. Das behindert unsere Entwicklung enorm.

Es herrscht Angst vor den Hütern des Gesetzes. Niemand wagt öffentlich, Mängel zu kritisieren. Wir haben nicht dafür gekämpft, dass wir eine fast wertlose Währung haben, dass die Bürger dem US-Dollar und dem südafrikanischen Rand nachjagen. Käme die lahme, verängstigte Opposition an die Macht, würde sich nichts ändern, es gäbe nur einen Wechsel der Figuren an der Spitze. Deshalb haben sich viele meiner ehemaligen Kameraden aus der Politik zurückgezogen. Sie sind sozusagen untergetaucht, versuchen als Handwerker, Kleinbauern und Kleinstunternehmer ihr tägliches Brot zu verdienen. Ja, wir haben ausgelassen gefeiert am 18. April 1980, dem Tag der Unabhängigkeit. Aber 40 Jahre später gibt es keinen Grund dazu, höchstens wehmütige Erinnerung.«

* Namen von der Redaktion geändert

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