Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 10 / Feuilleton

Mit Goethes Faust im Nacken: Osterspaziergang 2020

Von Felix Ducek

Von Hektik befreit sind Land und Leute
Durch Coronas fiesen, tödlichen Trick
Bei Greta grünet Hoffnungsglück;
Die Alte, die Ordnung, in ihrer Schwäche,
Zog sich in Quarantäne zurück.
Von dort her sendet sie, flehend, nur
Ohnmächtige Schauer uns übern Rücken
In täglichen Horrormeldungen stur.
Aber die Krise duldet kein Drücken,
Überall regen sich Bildung und Streben,
Alles will Klopapier zum Überleben,
Doch an Gesichtsmasken fehlt’s im Revier,
Die ARD nimmt fromme Sprüche dafür.
Kehre dich weg von diesen Höhen
Des Gängelns, die Menschen nur anzusehen!
Aus jedem hohlen, finst’ren Tor
Dringt immer lauter Gelächter hervor.
Jeder schwelgte noch unlängst so gern
und erhoffte die Auferstehung des Herrn.
Doch bald sind sie selber aufgestanden:
Aus der Städte dumpfem Gemäuer,
Aus Homeoffice und Familienbanden,
Aus Kaufhallen, egal ob billig, ob teuer,
Aus der Kneipen und Bars quetschender Enge
Aus des Bundestages ehrloser Macht
Werden nun alle zur Vernunft gebracht.
Sieh nur, sieh, wie behend’ bald die Meute
Die alten Ketten und Fesseln zerschlägt,
Wie der Banken und Lohnräuber Beute
Sich nun bald in die leeren Taschen bewegt,
Doch: Bis zum Sinken überladen,
entfernt sich fliehend die letzte Yacht,
Und selbst von der fernen Insel Gestaden
Verwünscht uns noch diese neue Ohnmacht.
Derweil beginnt hier ein reges Getümmel,
Jetzt erst entsteht nun des Volkes Himmel,
Zufrieden jauchzet dann Groß und Klein:
Werden wir Menschen, jetzt dürfen wir’s sein!

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