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»Waffen massiver Inkompetenz«

Von Mumia Abu-Jamal
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In den USA sind bis jetzt schon mehr als 10.000 Menschen nicht allein einer Infektion mit dem Coronavirus, sondern auch aufgrund der regierungsamtlichen »Waffen massiver Inkompetenz« (»Weapons of Mass Incompetence«) zum Opfer gefallen. Zehntausend! Und wenn ich mich nicht irre, ist die internationale Welle dieser Krankheit, die unter dem Begriff Covid-19 bekannt ist, noch lange nicht vorbei. Das Coronavirus verbreitet sich gegenwärtig nicht langsamer, sondern nimmt im Gegenteil gerade erst richtig Fahrt auf.

Was wir in der ersten Woche in den Medien über die Pandemie erfahren haben, war größtenteils falsch und irreführend. Allerdings hat meine Kritik nichts mit den Sprüchen jener Riesenidioten zu tun, die herumplärrten, die Meldungen über die Pandemie seien »falscher Alarm«. Natürlich sind sie das nicht!

Zunächst schien es so, als befiele dieses Virus alle Menschen auf gleiche Weise. Dann hieß es, dass vor allem ältere Menschen gefährdet seien. Inzwischen wissen wir es besser. Junge Menschen, auch Kinder und sogar Säuglinge, sind dieser Krankheit erlegen. Auch sehr alte können überleben. In Italien war eine alte Frau mit dem Virus infiziert, sie hatte die typischen Symptome, erholte sich aber bald wieder von der Infektion. Sie war 102 Jahre alt. Daran zeigt sich, dass sich Viren wie lebende Organismen verhalten, und wie alle Lebewesen können sie uns mit dem, was sie bewirken, überraschen.

Die US-Regierung hatte Monate Zeit, sich auf die zu erwartende Pandemie des Coronavirus vorzubereiten. Doch US-Präsident Donald Trump und sein Kabinett nahmen die Sache auf die leichte Schulter. Die schnelle Steigerung der Sterberate auf bis zu tausend und inzwischen auf über zweitausend Tote pro Tag in den USA beweist, dass diese Pandemie kein »Schwindel«, sondern eine wirklich todernste Sache ist. Es ist sicher, dass wir noch Schlimmeres erleben werden.

Übersetzung: Jürgen Heiser

In Zeiten der Pandemie arbeitet Mumia Abu-Jamal derzeit unter erschwerten Bedingungen. Seine Kolumnen können daher bis auf weiteres nicht regelmäßig erscheinen. Es sei jetzt das Wichtigste, »die Gefängnisse zu räumen«, sagte Noelle Hanrahan von Prison Radio in San Francisco in ihrem jüngsten Rundschreiben. Als Zeugen führte sie Kevin Rashid Johnson an. Er ist in Plainfield, Indiana, inhaftiert und beschreibt für Prison Radio die Gefahren der Coronapandemie für alle Menschen hinter Gittern: »In Gefängnissen, in denen viele Menschen zwangsweise auf engstem Raum miteinander eingesperrt sind, kann sich ein Virus wie der Covid-19-Erreger vermehren wie Bakterien in einer Petrischale. Ganz zu schweigen davon, dass Justizbeamte, die nicht getestet werden, für weitere Verbreitung sorgen, wie schon mit den tödlichen Hepatitis-C-Viren geschehen. Hinzu kommt das medizinische Personal, das bekanntermaßen für die erforderliche gesundheitliche Versorgung der Gefangenen nur schlecht ausgebildet ist. In den US-Gefängnissen könnte Covid-19 jetzt zu einer Pandemie der schlimmsten Art werden, was die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit der sogenannten Strafjustiz noch verschlimmern würde. Wenn Iran mehr als die Hälfte seiner Gefangenen freilassen kann, was hindert die USA daran, ihre eigenen Gefangenen freizulassen? Fordern wir also, dass sie unsere Leute gehen lassen!« (jh)

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (11. April 2020 um 05:54 Uhr)
    Ahoi, Mumia!

    Danke für Deinen Text – es ist prima, dass Du Dich äußerst, denn die Gefahr wird weltweit unterschätzt.

    Besonders zurückhaltend haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika verhalten. Leider wurde im Kreis um den Präsidenten der Vereinten Staaten nicht schon im Januar erkannt, dass ein Virus, der Zehntausende betrifft, auch über die Kontinente ausgebreitet werden wird. Und schnell Tausende tötet.

    Kann ich Dir mit Geld helfen? Wir vergessen oft, dass wir Dir was schicken können.

    Danke für Deinen Text!

    Freundliche Grüße!

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