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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 15 / Medien
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»Schiffskollision« vor Venezuela: Wenn das Feindbild stimmt, kennen deutsche Mainstreammedien kein Pardon
Von Volker Hermsdorf
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Staatspräsident Nicolas Maduro. Venezuelas Regierung weist DW-Medienbericht über Schiffskollision zurück

Nachdem die US-Navy am 1. April Kriegsschiffe an die Küste Venezuelas geschickt hatte, sekundierten deutsche Medien den Einsatz mit »Berichten« über eine zwei Tage zuvor erfolgte Schiffskollision. »Marine Venezuelas rammt deutsches Kreuzfahrtschiff«, berichtete der öffentlich-rechtliche Auslandssender Deutsche Welle (DW) am 3. April. Spiegel online, Bild, Welt und andere »Qualitätsmedien« versahen die Meldung mit ähnlichen Überschriften und verbreiteten damit Fake News.

Ohne eigene Recherche übernahm man eine Presseerklärung der Hamburger Firma »Columbia Cruise Services GmbH & Co. KG« (CCS), die u.a. das unter portugiesischer Flagge fahrende Kreuzfahrtschiff »RCGS Resolute« betreibt. Das früher in arktischen Gewässern unter dem Namen »Hanseatic« eingesetzte Schiff war am 30. März mit dem Patrouillenboot »Naiguatá« der venezolanischen Marine kollidiert, das nach dem Zusammenstoß gesunken war. Zwei Tage nach dem Vorfall hatte die CCS versucht, den Venezolanern die alleinige Verantwortung dafür anzulasten. Nochmals zwei Tage später übernahmen die DW und andere die CSS-Behauptungen ungeprüft und stellten sie in Überschriften als bewiesene Tatsachen dar. Dabei deuten der am vergangenen Sonnabend (siehe jW vom 6.4.) veröffentlichte Funkverkehr zwischen den Beteiligten sowie Videos vom Moment der Kollision darauf hin, dass es sich genau andersherum verhielt.

Seltsames Manöver

Bereits der erste Satz des DW-Beitrags enthielt eine falsche Aussage. Obwohl örtliche Medien bereits kurz nach dem Zwischenfall darüber berichtet und Venezuelas Vizepräsidentin Delcy Rodríguez am 1. April offiziell gegen den »Akt der Piraterie« protestiert hatte, behauptete der Auslandssender: »Erst mit mehrtägiger Verspätung wird ein See-Zwischenfall vor der Küste Venezuelas bekannt«. Die portugiesische Tageszeitung Público hatte bereits am 1. April den Außenminister des Landes, Augusto Santos Silva, mit der Forderung zitiert, der Vorfall müsse aufgeklärt werden. Da die »RCGS Resolute« nach der Kollision mit voller Kraft Kurs auf Willemstad (Curaçao) genommen hatte, bat Santos Silva die Behörden der niederländischen Antilleninsel um eine genaue Untersuchung.

Das Fachportal Marineschepen.nl hatte am 1. und am 2. April ausführlich berichtet und dabei Kurs und Manöver des Kreuzfahrtschiffes in den Tagen vor der Kollision als »seltsam« bezeichnet. Die Recherchen hatten ergeben, dass die »RCGS Resolute« sich zeitweise in venezolanischen Hoheitsgewässern aufgehalten und zudem – »vollständig gegen die Regeln« – das Automatische Identifikationssystem (AIS) für Stunden ausgeschaltet hatte. Das System ist von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) für Schiffe von mehr als 20 Meter Länge verbindlich vorgeschrieben. Nicht unter diese Regelung fallen lediglich Fahrzeuge der Seestreitkräfte, deren AIS-Sender abschaltbar ist.

Caracas protestiert

Neben diesen Auffälligkeiten hatte die Ausrüstung der »RCGS Resolute« mit 14 Schlauchbooten des Typs »Zodiak Mark V HD« den Verdacht der Küstenwache erregt. Dieser mit fast geräuschlosen und 36 PS starken Elektromotoren ausgestattete Typ wird vom Hersteller auf der Onlinemesse »Nauticexpo« als »Militärboot für besondere Kräfte und Kommandos« und als »für extreme Einsätze geeignet« beworben.

Doch die leicht zu recherchierenden »Seltsamkeiten«, die die Küstenwache zu einer Kontrolle veranlasst hatten, unterschlugen DW und Konsorten. Die durch zahleiche Belege untermauerte Position Venezuelas wird auf die kurzen Sätze reduziert: »Wie die Gesellschaft will auch der Präsident Venezuelas, Nicolás Maduro, die Sache nun untersuchen lassen. Von dieser Seite ist von Piraterie die Rede.« Die Regierung in Caracas hat am Montag dieser Woche in einem formalen Schreiben an den Sender gegen »die Unterschlagung der Stellungnahme eines unabhängigen Staates« protestiert. Die DW-Berichterstattung sei nicht »mit der Ethik und einer verantwortungsvollen Ausübung des Berufs« vereinbar, kritisiert der Journalist und stellvertretende Kommunikationsminister William Castillo in dem Beschwerdebrief.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. ( 9. April 2020 um 21:02 Uhr)
    Nur noch als Ergänzung: Die Berichterstattung war nicht nur unter aller Sau, da in der Tat offenbar ungeprüft einfach die Presseerklärung der involvierten Reederei übernommen und als Fakten weiterverbreitet wurde. Ein Verhalten ja übrigens, das man auch von Polizeierklärungen im Inland oder auch Pressererklärungen »guter«, also prowestlicher Organisationen wie NATO, Human Rights Watch usw. kennt, wo der gewöhnliche bürgerliche Journalist nicht den geringsten Drang verspürt, das kritisch zu hinterfragen. (Am Ende wird man womöglich noch verdächtigt, nicht auf der richtigen Seite zu stehen, wenn man anfängt, die Perspektive nichtwestlicher Akteure zu beachten, Stichwort »Russenversteher«).

    Jedenfalls: Es war nicht nur unter aller Sau, sondern auch noch hämisch. Die Schlagzeile bei Spiegel lautete nämlich:

    »Vor Venezuelas Küste – Marineboot rammt deutsches Kreuzfahrtschiff – und sinkt«.

    Da kann sich der antisozialistische westliche Herrenmensch gehörig auf die Schenkel klopfen angesichts der (vermeintlichen) Inkompetenz dieser venezolanischen Sozialisten.
  • Beitrag von Joel K. aus G. (10. April 2020 um 03:10 Uhr)
    Anscheinend wollten sich die westlichen Regime-Changer mit einer aufsehenerregenden Aktion ein wenig Restaufmerksamkeit während der SARS-2-Pandemie sichern und haben einen Zwischenfall provoziert. Nur für diese macht es nämlich Sinn, einen Eisbrecher gegen ein kleines Marineschiff antreten zu lassen. Umgekehrt wäre es völliger Irrsinn. Und diese Inszenierung unbeugsamer Regierungen als wahnsinnige Wüteriche ist dann schon wieder ein Muster, genauso wie die angeblichen Giftgasangriffe Assads auf die eigene Zivilbevölkerung, immer wenn er gerade außenpolitisch oder militärisch im Vorteil war.

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