Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Gegründet 1947 Dienstag, 2. Juni 2020, Nr. 126
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan«« Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 12 / Thema
Zur Camus-Rezeption

Fremd in der Menschheit

Die wechselhafte Rezeption von Albert Camus’ Erzählung »Der Fremde« vor dem Hintergrund des antikolonialen Befreiungskampfs Algeriens
Von Sabine Kebir
mar.jpg
Mörder ohne Ambition und Empathie. Luchino Visconti erfasst den kolonialen Kontext in seiner Verfilmung von Camus› »Der Fremde« aus dem Jahr 1967 viel deutlicher als in der westlichen Rezeption üblich (Marcello Mastroianni in der Rolle des Meursault)

»Ich überlegte und sagte, dass ich eher als echte Reue

eine gewisse Langeweile empfände.« Albert Camus¹

Durch Zufall fiel mir kürzlich auf einer Reise »Der Fremde« von Albert Camus in die Hände, und erneut begeisterte mich seine in knapper, aber zupackender Sprache abgefasste Erzählung, die 1937 in Algier begonnen worden und unter deutscher Besatzung 1942 bei Gallimard in Paris erschienen war. Es handelt sich um jene Art von Literatur, die sich den Lesern abhängig von Vorwissen und Standpunkt auf extrem unterschiedliche Weise erschließt. Mein Lesegenuss rührt daher, dass mir die psychopathologische Grundierung des kolonialen Kontextes geläufig ist, der zwar den Hintergrund der Geschichte bildet, der an der Oberfläche des Textes kaum erkennbar ist. Ich lese hier keineswegs das, was die westliche Rezeption suggeriert: die Darstellung des Absurden eines quasi grundlosen Mordens, das vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn die mediterrane Sonne nicht so stechend gebrannt hätte.

Iris Radisch, Literaturredakteurin der Zeit, schreibt in ihrer Camus-Biographie von 2013, dass das »Entfremdungsgefühl« des Mörders Meursault »zur Kollektiverfahrung mehrerer Generationen von amerikanischen und europäischen Intellektuellen« geworden sei, »die sich in der westlichen Mainstreamkultur oder im totalitären System ihrer Heimatländer unbehaust fühlen und ihre Gegenwart absurd nennen werden«.² Es lohnt sich, tiefer zu bohren und den Zusammenhang zwischen Entfremdungsgefühl und Mord aufzuhellen. Menschen aus der westlichen Welt meinen unter anderem deshalb nichts an ihrer als absurd empfundenen Lage ändern zu können und folglich für ihr Tun oder Nichtstun auch nicht verantwortlich zu sein, weil sie die Erfahrung gemacht haben, ungefragt in Kriege geschickt zu werden, in denen das Morden schnell zur Pflicht wird. Das Band zwischen Individuum und Gattung wird nicht mehr wahrgenommen.

Der Fremde und Fanon

Genau darum geht es aber im »Fremden«. Es handelt sich um die schonungslose Darstellung abwesender Menschlichkeit im von Frankreich kolonisierten Algerien, die zwanzig Jahre später von Frantz Fanon soziologisch und psychoanalytisch verdeutlicht wurde: »Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt.«³ Zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren gibt es keine zwischenmenschlichen Beziehungen, weil der Kolonisierte keine juristische Gleichberechtigung genießt, sein Menschenrecht ist ihm abgesprochen. Wenn er versucht, sein Recht oder das Recht seiner Angehörigen anzumahnen – wie es der Bruder der arabischen Prostituierten in Camus’ Erzählung tut –, riskiert er seine Auslöschung.

Fanon stellte heraus, dass dieses, in Algerien seit mehr als hundert Jahren bestehende Missverhältnis nicht nur die Kolonisierten, sondern ebenfalls die Kolonisatoren in ihrer Menschlichkeit verstümmelte. Auch wenn es einem Angehörigen der Kolonialschicht wie Meursault nicht bewusst sein mag: Seine Privilegien genießt er um den Preis seiner Empathiefähigkeit. Er hat sie nicht nur gegenüber den Kolonisierten verloren. Er empfindet keine Trauer beim Tod seiner Mutter, keine tieferen Gefühle zu seiner Freundin. Er lebt ohne jede Ambition in den Tag hinein, jedoch unruhig und süchtig nach kleinem Nervenkitzel. Empathielosigkeit bei gleichzeitigem Entfremdungsgefühl sind Krankheitssymptome der kapitalistischen Metropolen.

Dass Meursault schließlich zum Tode verurteilt wird, war eine unerhörte literarische Erfindung Camus’. In der Wirklichkeit wäre ein Todesurteil in einem Falle wie dem von Meursault leicht abwendbar gewesen, wovon sein Anwalt auch ausging. Camus, der damals auch Gerichtsreporter beim kommunistischen Alger Republicain war und die bürgerliche Gleichberechtigung der Muslime forderte, wusste das natürlich. Er zeigt sich hier als Moralist und unerbittlicher Kritiker des Kolonialsystems. Dass das fiktive Gericht gegen alle Regeln des Rechts den Angeklagten wegen seiner allgemeinen Gefühllosigkeit bestraft, die sich vor allem in der fehlenden Anteilnahme beim Tod der Mutter bewiesen habe, ist ein ironischer Seitenhieb gegen die Stilisierung des Privaten zum Hauptschauplatz bürgerlicher Verantwortung.

Die westliche Rezeption interpretiert den »Fremden« viel zu stark in bezug zu Camus’ damals noch nicht voll entwickelter Philosophie des »Sisyphos« und des »Menschen in der Revolte«, wonach der Mensch zwar zum aktiven Handeln geboren ist, dieses jedoch nie zum Ziel kommen kann. Meursault aber war weder Sisyphos noch Revoltierender. In Fanons Lesart, der schon im ersten Jahr des algerischen Unabhängigkeitskrieges als Psychiater nicht nur Gefolterte, sondern auch psychisch entgleiste Folterer behandeln musste, ist Meursault ebenso wie der namenlose »Araber« Opfer des Systems, wenn auch ein privilegiertes.⁴

Interessant ist die Frage, wer in der Erzählung eigentlich der »Fremde« ist? Meursault als Sprössling der europäischen Schicht, die das Land seit Generationen kolonisierte? Oder der Indigene, der ihn verfolgt, sich aber noch nicht im klaren darüber zu sein scheint, ob und auf welche Art er das an seiner Schwester begangene Unrecht rächen soll? Camus gibt hier keine Antwort, der Leser kann sich selbst entscheiden. Oder doch nicht? Meursault geht auf ein eigentlich verlockendes berufliches Angebot einer Versetzung nach Paris nicht ein, weil der Himmel ihm dort zu grau ist. Das zeigt, dass Camus ihn ebenso als Algerier sieht wie den »Araber«. Eigentlich gibt es hier gar keinen Fremden. Das tiefe Entfremdungsgefühl wurzelt im kolonialen System.

Camus hatte mit der kommunistischen Partei gebrochen, als die sich im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges für eine Zurückstellung des Kampfes um die politische Emanzipation der Kolonisierten mit der Begründung entschied, innere Konflikte hätten die Verteidigungskraft Frankreichs geschwächt. Für die Entscheidung der KP gab es jedoch noch andere Gründe, so dass der Fehler dieser strategischen Linie bis 1958 fortgesetzt wurde.⁵ Die politischen Konsequenzen, die Camus zog, können nur kurz zusammengefasst werden: Nach Kriegsende sah er im gestiegenen Einfluss der Sowjetunion eine Gefahr, die die demokratischen Strukturen des Westens zu zerstören drohten. Im Unterschied zu Jean-Paul Sartre stellte er sich dem 1954 offensichtlich gewordenen Unabhängigkeitsstreben der Algerier entgegen, weil er einen damit einhergehenden Zuwachs des sowjetischen Einflusses fürchtete. Er hielt an der längst unrealistischen Vision eines Algérie française fest, in dem allerdings gleiche Bürgerrechte für alle gelten sollten. 1960 bei einem Autounfall gestorben, erlebte er aber nicht mehr, wie der im Unabhängigkeitsvertrag von Évian vereinbarte Verbleib der europäischen Bevölkerung in Algerien durch den Terror der »Organisation de l’armée secrète«, einer von französischen Generälen und Offizieren gegründeten Untergrundbewegung, die eine Unabhängigkeit der Kolonie kategorisch ablehnte, unmöglich wurde. Mehr als eine Million Algerienfranzosen verloren ihre Heimat und flohen ins »Mutterland«.

Die Kritik und ihre Schwächen

Dass ein Teil der heute lebenden Algerier zwar an der nationalen Souveränität festhält, nicht aber den damaligen Exodus quasi aller Europäer befürwortet, zeigt sich in etlichen passionierten Beschäftigungen mit dem Werk von Albert Camus. Er wird zwar kritisch gesehen, aber durchaus als algerischer Schriftsteller begriffen. In Zweifel gezogen wird das westliche Narrativ, dass er ein Verteidiger der universellen Menschenrechte gewesen sei. Tayeb Bouguerra lässt ihm in seiner 1989 erschienenen Studie nicht durchgehen, dass er revolutionäre Gewalt gegen den deutschen Faschismus rechtfertigte und 1956 dem ungarischen Aufstand das Widerstandsrecht der »Ehre, aufrecht zu leben«⁶ zubilligte, nicht aber den algerischen Aufständischen.

Bouguerras semiotische Werkanalyse des »Fremden« untersucht nur die Oberfläche des Textes. Er unterscheidet nicht zwischen dem in Ichform erzählenden Meursault und dem Autor und verkennt, dass Camus nicht auktorial erzählt, das heißt, nicht den allwissenden Autor vorgibt. Ihm wird unterstellt, die Verachtung bzw. Nichtbeachtung Meursaults gegenüber den »Arabern« zu teilen. Der bzw. die Araber werden tatsächlich nur mit gängigen kolonialen Klischees beschrieben, und die Kollektivbezeichnung »Araber« war im damaligen Kontext abwertend. Individualisiert werden muslimische Algerier nur hinsichtlich ihres Geschlechts oder Alters. Sie erscheinen, wenn überhaupt, nur als passive Kulisse, sind jedoch zu plötzlichen hinterhältigen Taten fähig. Für die Interpretation ist es fatal, hier die Haltung Meursaults mit der des Autors zu identifizieren. Camus kann man sein Eintreten für gleiche Bürgerrechte nicht absprechen, wenn er sich auch mehr und mehr Illusionen machte, dass sie im französischen Algerien noch verwirklicht würden. Deshalb handelt es sich beim »Fremden« auch nicht um den von Friedrich Engels zum Beispiel Balzac zugeschriebenen ›Realismus wider Willen‹, wonach ein reaktionärer Autor aus Wahrheitsliebe seine eigene Klasse kritisch darstellen kann. Camus war, als er den »Fremden« schrieb, kein »reaktionärer« Autor, sondern befand sich in der Entstehungszeit der Erzählung politisch auf derselben Ebene wie die damals fortschrittlichste, aber in die Illegalität gezwungene Partei der indigenen Algerier, die bürgerliche Gleichberechtigung forderte – die Parti du peuple algérien (Partei des algerischen Volkes).

Aber man darf sich an die von Bertolt Brecht häufig, etwa in »Mutter Courage«, angewandte Methode erinnern, dass das Erkenntnispotential eines Kunstwerks nicht den Kunstfiguren in den Mund gelegt wird, sondern vom Publikum erschließbar ist, was zu einem nachhaltigeren Erkenntnisprozess führt.

Wenn der Verlag Gallimard für den »Fremden« von der deutschen Besatzungsmacht 1942 die Druckerlaubnis erhielt, zeigt das jedoch, wie anfällig nicht-auktoriales Schreiben für willkürliche Interpretationen ist. Der sich begeistert zeigende zensierende Offizier, der Romanist Gerhard Heller, nahm nur die Textoberfläche wahr, die eine faschistoide Lesart durchaus erlaubt.⁷

Eine 2004 in Algerien erschienene Anthologie mit Camus-Studien kritisiert an Bouguerras Analyse unter anderem, dass sie unhistorisch sei und weder dem Text noch Camus gerecht werde. Thanina und Mohamed Lakhdar Maougal gehen so weit, auch den späten Camus, der an der unrealistischen Utopie eines die kulturellen Identitäten auflösenden Melting Pots Algerien festhielt, bis zu einem gewissen Grade zu rehabilitieren. Er habe die Werte der Aufklärung und der Demokratie nicht nur durch den wachsenden sowjetischen Einfluss in Nordafrika, sondern auch durch den größer werdenden Saudi-Arabiens gefährdet gesehen und deshalb weiter für radikale Reformen in einem französisch bleibenden Algerien plädiert. Anhand einer glanzvollen Argumentation, die Fanon gegen den späten Camus führte, wird jedoch klargemacht, dass sich die Muslime Algeriens nur noch durch ihren Unabhängigkeitskampf emanzipieren konnten.⁸

Projiziert man allerdings die Utopie Camus’ in den späteren historischen Verlauf, hat sie sich mit dem von Saudi-Arabien, Katar und zum Teil auch Iran finanzierten Aufschwung des Islamismus im unabhängigen Algerien zunächst im Negativen realisiert, letztlich aber auch im Positiven. Das Land hat sich seit 1988 vom Einparteiensystem befreit und führt seitdem einen permanenten Kampf um den Ausbau der Bürgerrechte. Die Bilder des Hirak, der seit Februar 2019 bis zur Coronakrise jeden Freitag im ganzen Land demonstrierenden Bürgerbewegung, zeigen aufgeschlossene Menschen, die sich an der zivilisatorischen Globalisierung von unten beteiligen. Diese Bilder hätten Fanon gefallen, womöglich auch Camus. In Algerien überwiegt die von der Empörung über die Leerstelle der indigenen Welt in Camus’ Werk geprägte Rezeption. Beispielhaft dafür steht die scharfe Kritik von Edward Said in »Kultur und Imperialismus«.⁹

Alternative Romane

2013 machte der auch auf deutsch erschienene Roman »Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung« von sich reden. Der Autor, Kamel Daoud, gibt dem »Araber«, den er Moussa nennt, nicht nur Gesicht und Namen, sondern rekonstruiert die von Camus scheinbar für nicht beachtenswert gehaltene indigene Welt. Er erzählt die Geschichte als Komplement zum »Fremden« aus der Sicht von Moussas jüngerem Bruder Haroun. Dieser hat mit der Motivation Französisch gelernt, sowohl die von der analphabetischen Mutter sorgsam aufbewahrten Zeitungsartikel über den Mord als auch das davon handelnde Buch zu verstehen. Die Empörung, dass nirgends Moussas Name auftaucht, der Mörder Meursault aber durch ein hervorragend geschriebenes Buch weltbekannt ist und gelegentlich sogar als eigentliches Opfer gilt, lässt Haroun nicht los. Schlimmer: »Selbst nach der Unabhängigkeit hat niemand nach dem Namen des Opfers gefragt, nach seiner Adresse, seinen Eltern oder den Kindern, die er vielleicht hatte. Alle verfielen offenen Mundes in Staunen über die perfekte Sprache, die wie Splitter von Diamanten erscheint, und alle verkündeten ihre Empathie für die Einsamkeit des Mörders.«¹⁰ Lebenslang spricht Haroun mit dem Autor des famosen Buchs, das in Daouds Roman Meursault selber geschrieben hat, da er nicht wirklich hingerichtet worden sein kann. Obwohl Meursault und Camus hier wieder identifiziert werden, lässt Daoud Haroun seine Ansprache in kumpelhafter Manier führen, als spräche er zu einem anderen, ›entfremdeten‹ Bruder, dem er freilich Unverzeihliches vorwirft. So hat Daoud Camus in die algerische Literatur eingemeindet.

Ähnlich verfährt Salah Guemriche in seinem 2016 erschienenen Buch, dessen Titel übersetzt »Heute ist Meursault tot« lautet, das sicher als Reaktion auf Daouds Roman entstand. Es beginnt mit Meursaults Hinrichtung, die, anders als bei Camus, auf großen Filmleinwänden in ganz Algier vor der Öffentlichkeit zelebriert wird. Unter den Zuschauern ist der Sohn des Ermordeten und ein Herr mit Hut und einer zwischen die Lippen geklemmten Zigarette: Monsieur Albert. Sie kommen ins Gespräch. Der Sohn sagt: »Wenn Ihr Meursault ein Fremder ist, dann ist er jedenfalls kein Fremder in diesem Land, in dieser Gesellschaft, sondern einfach fremd in der Menschheit.« Der Sohn wird Monsieur Albert später durch Algier führen und ihm all das zeigen, was er offenbar nicht kennt oder kennen will. In Guemriches Buch, das halb ein Roman, halb ein gelehrter Essay ist, antwortet Monsieur Albert nur mit echten politischen und philosophischen Zitaten von Camus. So kommt es zu einer sehr harten Abrechnung, die dem Utopisten Camus keine Zugeständnisse macht.

Dennoch enthält Guemriches Buch eine Fülle wichtiger Informationen und Denkanstöße. Wertvoll war mir sein Hinweis auf den 1930–1932 entstandenen, aber erst 1968 unzensiert erschienenen Roman »Die Wüstenrose« von Henry de Montherlant, den Guemrich zu Recht als Gegenstück zum »Fremden« bezeichnet. Obwohl es sich dank sehr tiefgehender psychologischer Darstellungen durchaus um ein modernes Werk handelt, ist es doch klassisch auktorial erzählt. Montherlant geht es um eine detailreiche und gnadenlose Skandalisierung der Brutalität und Verachtung, die das Kolonialsystem zwischen Franzosen und Muslimen etabliert hat: Der junge Offizier Auligny, der in einen öden Stützpunkt in der marokkanischen Wüste geschickt wird und zunächst von der zivilisatorischen Mission Frankreichs überzeugt ist, kann immer weniger die Scham unterdrücken, die er nicht nur im Verhalten anderer Franzosen gegenüber den Muslimen beobachtet, sondern auch bei sich selbst spürt. »Der einzige Mensch, dem Auligny in Marokko begegnete, der ihm menschliche Ideen zu haben schien und mit dem zu sprechen ihm Freude gemacht hatte, war ein Geisteskranker.«¹¹ Auligny wird dienstunfähig und kommt in einem Aufstand um. Illusionslos sah Montherlant schon Anfang der dreißiger Jahre in Nordafrika keine gemeinsame Perspektive mehr für Franzosen und Muslime.

Viscontis Verfilmung

Erst neulich habe ich Luchino Viscontis 1967 an Originalschauplätzen gedrehten italienisch-algerischen Film »Der Fremde« gesehen.¹² Noch nie ist ein Film meinen eigenen Bildern einer literarischen Vorlage so nahe gekommen. Obwohl sich Visconti streng an die Erzählung hielt, haben seine Bilder den kolonialen Kontext viel deutlicher gemacht, als der Text es vermag. Der Film zeigt zwei eng nebeneinander existierende und doch abgrundtief geschiedene Welten: die modische, quicklebendig wirkende europäische Ära und die scheinbar einer anderen Zeit angehörende Welt der Muslime. Dass der sympathische Marcello Mastroianni als Meursault besetzt war, machte klar, dass es hier nicht um eine individuelle Entgleisung ging, sondern um das koloniale Syndrom, das fast alle erfasst, die in einer kolonialen Situation Privilegien genießen.

In den sechziger Jahren benötigte man – um mit Bourdieu zu sprechen – noch nicht so viel kulturelles Kapital wie heute, um den »Fremden« von Camus zu verstehen. Es war kein Zufall, dass die Erzählung damals auf diese Weise verfilmt wurde, denn die große Epoche der antikolonialen Befreiungskämpfe hallte auch im Bewusstsein vieler Europäer noch nach, und Frantz Fanons vielgelesene Werke, die auch heute noch helfen, Gewaltphänomene zu verstehen, ermöglichte ihre Entschlüsselung.

Anmerkungen

1 Albert Camus: Der Fremde. In: Erzählungen, Volk und Welt, Berlin 1957, S. 63

2 Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie, Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 2013, S. 142

3 Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1969, S. 29

4 Ebd. S. 202 ff.

5 Die KPF unterstützte erst 1958 Deserteure aus dem Algerienkrieg. Weil sie sich eine Volksfront wünschte, hatte sie 1956 für das von der sozialistischen Regierung Guy Mollet erlassene Gesetz zu Sondervollmachten gestimmt, das Folter ermöglichte. Man vertröstete die Algerier mit einer baldigen gemeinsamen sozialistischen Zukunft. Der algerische Teil der KP unterstützte den Unabhängigkeitskampf seit 1954.

6 Albert Camus: Message en faveur de la Hongrie, Paris, 23.11.1956. Zit. n.: Tayeb Bouguerra: Le dit et le non-dit. A propos de l’Algérie et de l’Algérien chez Albert Camus. Office des Publications Universitaires, Alger 1989, S. 7

7 Iris Radisch, a. a. O., S. 176 f.

8 Thanina u. Mohamed Lakhdar Maougal: Frantz Fanon et Albert Camus. In: Dieselben u. a.: Assassinat post-mortem. Editions APIC, Algier 2004, S. 173–223

9 Edward Said: Kultur und Imperialismus, S.-Fischer-Verlag 1994, S. 235 ff.

10 Kamel Daoud: Meursault, contre-enquête, Editions barzakh, Algier 2013, S. 16

11 Salah Guemriche: Aujourd’hui, Meursaul est mort, Editions Frantz Fanon, Tizi Ouzou 2016, S. 24

12 Der Film ist auf Youtube abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=uY5u7tjiQf8

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. Februar 2020 über die Berber in Algerien.

Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (10. April 2020 um 18:41 Uhr)
    Vielen Dank an Sabine Kebir für diesen sehr lesenswerten Artikel über die verschiedenen Rezeptionen von Camus’ »Der Fremde«.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

Ähnliche:

  • Die Fahne der Berber bei einem der freitäglichen Protestmärsche ...
    28.02.2020

    Selbstbewusste Kabylen

    Die Berber in Algerien zwischen Kulturkampf, Separatismus und demokratischer Bewegung
  • Kämpfer der FLN um 1958
    26.10.2019

    Aufstand der Verdammten

    Vor 65 Jahren begann der Krieg zur Befreiung Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft
  • Seit dem Frühjahr regt sich gegen Algeriens Oligarchie Protest i...
    23.07.2019

    Land im Umbruch

    Massenproteste, Täuschungsmanöver der Regierenden und Fußballeuphorie. In Algerien scheint sich die alte Herrschaft dem Ende zuzuneigen