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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 6 / Ausland
Soziale Ungerechtigkeit

Wo die Ärmsten sterben

Coronavirus wütet im Pariser Norden. Reiche aufs Land entflohen
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Noch schlechter dran als die Bewohner der Banlieues: Spendeneimer für Menschen ohne Obdach (Paris, 6. April)

Während die Ärmsten aus den Betonsilos im Norden von Paris in überfüllten Krankenhäusern und Altenheimen sterben, sind die Reichen aus den feinen Wohnvierteln der französischen Hauptstadt schon vor Wochen zu ihrem Zweitwohnsitz aufs Land geflohen. Opfer der grausamen gesellschaftlichen Ungleichheit, die sich in Frankreich seit dem Ausbruch der Coronapandemie jeden Tag aus den neuesten Sterberaten der Gesundheitsbehörden herauslesen lässt, sind in der schwer betroffenen Region Île-de-France vor allem jene hart arbeitenden Franzosen, die der seit drei Jahren amtierende, neoliberale Staatschef Emmanuel Macron vor nicht allzu langer Zeit noch als Leute, »die nichts sind«, beschimpfte.

Am Dienstag wagte sich der Präsident in jene »berüchtigten« Ban­lieues, deren Postleitzahlen mit den Ziffern 93 beginnen – ein Kennzeichen, das bei den satten Bürgern der Pariser Bezirke links der Seine vor allem Ängste weckt. Die Reichen der »Rive Gauche« brauchen diese Menschen zwar, damit sie ihnen – als Müllfahrer, Putzfrauen und Küchenhilfen – den täglich anfallenden Dreck wegräumen. Mit ihnen in derselben Straße wohnen wollen sie lieber nicht. Das Dienstpersonal, die Kassiererinnen im Supermarkt, die dunkelhäutigen Kindermädchen und die Straßenkehrer leben nicht »intra muros«, in der Kernstadt, sondern in den Siedlungen jenseits des großen Autobahnrings Périphérique. Eingepfercht in die gesichtslosen, während der sechziger und siebziger Jahre auf engstem Raum aus dem Boden gestampften Hochhäuser, leben und überleben sie derzeit das wohl höchste Gesundheitsrisiko im Land.

Dass Macron einen Ausflug in die Betonsiedlungen der Vorstadt »La Courneuve« inszenierte, rang dem dort amtierenden kommunistischen Bürgermeister Gilles Poux nicht mehr als ein müdes Lächeln ab. »Wir haben kein Material, wir improvisieren, wie wir das immer tun«, sagte Poux dem Staatschef. Die dem Virus geschuldete Sterberate stieg in der Courneuve in den vergangenen beiden Tagen um schreckliche 63 Prozent, was einige hundert Tote mehr bedeutete, während in den Arrondissements im Zentrum der Hauptstadt Todesfälle bislang unbekannt blieben. Den fröhlichen »Gefangenen« der allgemeinen Ausgangssperre im fünften, sechsten, siebenten oder 15. Arrondissement musste die Bürgermeisterin Anne Hidalgo am Dienstag das Jogging, das Hundeausführen und das Promenieren in der Frühlingssonne verbieten – letztlich auch, um in dem von der Regierung ausgerufenen »Krieg gegen Corona« eine Art Gefechtsgleichheit mit dem Dienstpersonal herzustellen.

Das Virus schlage die Armen in den Banlieues doppelt, klagte die linke Oppositionspartei »La France insoumise« am Montag in einem offenen Brief an Macrons rechte Regierungstruppe. In den grausigen Wohnblöcken sei die von Medizinern empfohlene »physische Distanz« zur Verminderung der Ansteckungsgefahr unmöglich. Und aus eben jenen Siedlungen rekrutiere das Dienstleistungsgewerbe seine Krankenschwestern, Supermarkthilfen und Putzbrigaden. Nicht nur das: Das arme Departement 93 zähle nur ein Drittel der Intensivbetten, die den reichen Nachbarn des Departements Hauts-de-Seine zur Verfügung stünden.

Keine Gnade fand Macrons Stippvisite, dieser – wie er selbst fand – »Moment der Wahrheit«, bei Arnaud Montebourg, dem ehemaligen, 2014 nach nur zwei Amtsjahren von seinem sozialdemokratischen Präsidenten François Hollande als Linksabweichler geschassten Entwicklungsminister: »In einem anderen Moment der Wahrheit bezeichnete der Präsident diese anonymen Franzosen, die hart arbeiten, um über die Runden zu kommen, als Leute, die für ihn ›nichts sind‹. Und nun will er sie als jene loben, die ›alles sind‹?«

Bürgermeister Poux verlangte am Dienstag »Taten«, weil Versprechen bei seinen Leuten längst keine höhere Bedeutung mehr beigemessen werde. »Was wir brauchen«, ließ er den Staatschef wissen, »ist Anerkennung, die sich derzeit in Personal und Material ausdrücken müsste«.

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