Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. Juni 2020, Nr. 130
Die junge Welt wird von 2301 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskämpfe in der BRD

Kurzer Prozess

Lufthansa streicht Tochter »Germanwings« vom Flugplan – Gewerkschaften organisieren Solidarität. Linke-Politikerin fordert Reverstaatlichung des Konzerns
Von Oliver Rast
Nervenkrieg_um_Flugb_63262154.jpg
Gewerkschaftsprotest gegen Einstellung des Flugbetriebs bei »Germanwings« durch Lufthansa-Vorstand

Beschäftigte hatten es längst geahnt – nun ist es gewiss: Die 100prozentige Tochter der Lufthansa AG »Germanwings« wird am Boden bleiben. »Der Flugbetrieb der ›Germanwings‹ wird beendet«, verlautbarte die Konzernspitze Dienstag nachmittag lapidar. Die Gewerkschaften »Vereinigung Cockpit« (VC) und die »Unabhängige Flugbegleiter Organisation« (UFO) sowie weitere Beschäftigtenorganisationen hatten bereits am Montag in einer gemeinsamen Stellungnahme die Sorge geäußert, die Abwicklung von »Germanwings« stehe noch in dieser Woche bevor. Lufthansa hatte diese Befürchtungen als »Spekulation« abgewiesen, es liege dazu kein »Vorstandsbeschluss« vor, hieß es. Der wurde keine 24 Stunden später nachgereicht. Ein Pressesprecher der Lufthansa-Gruppe rechtfertigte die Vorgehensweise am Mittwoch auf jW-Nachfrage: »Solange keine Beschlüsse vorliegen, können wir auch nichts verkünden.«

Die Anzeichen für das Aus der Airline waren in den vergangenen Tagen immer konkreter geworden. Der Knackpunkt: Die Lufthansa-Verhandlungspartner verweigerten die Unterschriften unter bereits durchverhandelte Tarifverträge für Kurzarbeit mit garantiertem Kündigungsschutz. »Die Gewerkschaftsforderung nach einer Beschäftigungsgarantie war nicht zu halten«, sagte der Lufthansa-Sprecher.

»Germanwings« stand konzernintern bereits länger zur Disposition. Das Nebeneinander mit der anderen Lufthansa-Tochter »Eurowings« galt als »unrentabel«. »Wir wollen den Flugbetrieb mit ›Eurowings‹ auf eine Einheit bündeln – das ist nicht neu«, sagte der Sprecher.

Für Gewerkschaftsvertreter ist klar, dass Lufthansa die Krisenstimmung genutzt hat, um »Fakten zu schaffen«, wie der UFO-Vorsitzende Daniel Flohr im jW-Gespräch betonte. Ähnlich äußerte sich der Präsident der VC, Markus Wahl, in einem am Mittwoch veröffentlichten Statement. Lufthansa-Vorstandsboss Carsten Spohr habe offenbar die »Gunst der Stunde« genutzt, um »die Umstrukturierung des Konzerns auf dem Rücken der Mitarbeiter voranzutreiben.«

Der Lufthansa-Vorstand behauptet in seiner Erklärung, »vielen eine Weiterbeschäftigung innerhalb der Lufthansa Group« bieten zu wollen. Wie? Indem mit »den Sozialpartnern unter anderem über neue Beschäftigungsmodelle zur Sicherung von möglichst vielen Arbeitsplätzen« gesprochen werde. Ein heißer Kontaktdraht zwischen den Kontrahenten scheint zu fehlen – Flohr: »Bislang sind wir von keinem Lufthansavertreter kontaktiert worden.«

Den UFO-Vorsitzenden regt die Konzernpolitik insgesamt auf: Einen ausgefertigten Tarifvertrag zu Kurzarbeit nicht zu unterschreiben, Staatshilfen in beträchtlicher Höhe zu kassieren und 1.400 Beschäftigte samt Familien in eine unsichere Zukunft zu schicken – »das geht gar nicht.« Lufthansa profitiert enorm von den coronabedingten Hilfspakten der Bundesregierung. Von dreistelligen Millionenbeträge ist die Rede – monatlich. Staatliche Finanzspritzen, ein Thema, das der Lufthansa-Sprecher nicht vertiefen will. Kaum verwunderlich, Staatshilfen sollen Arbeitsplätze sichern und nicht Konzerne sanieren.

Janine Wissler, Vorsitzende der hessischen Landtagsfraktion von Die Linke, erklärte gegenüber jW: »Das Sinnvollste wäre eine langfristig angelegte Wiederverstaatlichung der Lufthansa.« Damit würde vor allem das Mitspracherecht bei der Geschäftspolitik verankert.

»Gelebte Sozialpartnerschaft sieht – auch und gerade in Krisenzeiten – anders aus«, beklagte VC-Chef Wahl. In der Belegschaft sei schon eine gewisse Traurigkeit zu spüren, sagt Flohr, »noch mehr aber ein kämpferischer Geist.« Die Solidarität gehe weit über den engen Rahmen von »Germanwings« hinaus, erzählt er. »Bereits jetzt haben über 11.000 Menschen unsere Petition für den Erhalt des Flugbetriebs von ›Germanwings‹ unterzeichnet.« Mehr noch: Der Gewerkschaftsprotest habe umgehend dazu geführt, dass betriebsbedingte Kündigungen ausblieben und die Beschäftigten einen Arbeitsplatz behalten sollen. Aber auch Flohr weiß, »schöne Worte« im Arbeitskampf zählen nichts. »Die Beschäftigten wollen Taten sehen.«

Debatte

  • Beitrag von Florian B. aus L. ( 9. April 2020 um 10:45 Uhr)
    Im Interesse der planetaren Ressourcenschonung muss der Flugbetrieb so oder so abnehmen. Wie anders auch, so ist Umweltschonung unter dem Primat des Profits – und der damit notwendigen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft – auch hier nicht möglich. Eine weitere Möglichkeit als Alternative zur Verstaatlichung ist die Gründung einer Genossenschaft mit Arbeiterbeteiligung. Doch da diese ebenfalls – wie die verstaatlichte Variante – auf Profit angewiesen ist, kommen wir nicht umhin, auch hier die gesellschaftliche Dimension zu erkennen und die Systemfrage erneut und immer wieder zu stellen.

Ähnliche:

  • Mahnwache mit Mundschutz und Sicherheitsabstand am Montag vor de...
    09.04.2020

    Zwangsverpflichtung gekippt

    Protest von Gewerkschaften, Pflegekräften, Juristen und Linkspartei gegen NRW-Notstandsgesetz erfolgreich
  • Befreite Straßen: Kommende Generationen sollen vom gestärkten öf...
    17.03.2020

    Überfälliges Umsteuern

    »Forum für solidarische Mobilität«: Partei Die Linke und Gewerkschaften gemeinsam für Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs
  • Gegen die Ökonomisierung im Gesundheitssektor wird seit langem p...
    29.02.2020

    Kein Rettungsplan

    Dresden: Krankenhaus soll nach Vorschlägen privater Beraterfirma flott gemacht werden. Verdi befürchtet Personalabbau