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Aus: Ausgabe vom 08.04.2020, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Statistik

Von Marc Püschel
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Mit dem Tod rechnen. Ausgehobene Gräber auf einem Friedhof in São Paulo, 2. April 2020

In der Coronakrise tritt auch die bedeutende Rolle der Statistik wieder in unseren Alltag. Die täglich aktualisierten Zahlen des Robert-Koch-Instituts zu lesen, wird zu einem so alltäglichen Ritual, wie den Wetterbericht oder die Fußballergebnisse zu prüfen. Gleichwohl zeigt die Krise, mit wieviel Vorsicht die Zahlen zu genießen sind. Viel Spott gab es dieser Tage beispielsweise für die Johns Hopkins University und den von ihr erarbeiteten Global Health Security Index für das Jahr 2019, ein statistikbasiertes Ranking, das die am besten auf Pandemien vorbereiteten Länder auflistet. Mit Verblüffen sieht man dort auf den ersten beiden Plätzen die USA und Großbritannien stehen, während China abgeschlagen den 51. Rang einnimmt.

Dabei ist die Statistik als Wissenschaft von den Methoden zur Erfassung und Analyse quantitativer Informationen an sich fachlich neutral und wird, da Teilgebiet der mathematischen Stochastik, auch als unabhängige Wissenschaft betrieben. In ihrer Rolle als Hilfsdisziplin aller empirischen Wissenschaften jedoch unterliegt sie sowohl deren vorangehender Auswahl der Daten als auch der nachträglichen Interpretation der Ergebnisse. Sie kann dann nicht nur dazu dienen, etwa der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre einen wissenschaftlichen Anschein zu geben, sondern auch dazu, in der Politik mitunter alles mögliche zu belegen.

Gesellschaftlich relevant wurde die Statistik als Wissenschaft in der Frühen Neuzeit. Mit der stürmischen Entwicklung der Produktivkräfte im aufkommenden Kapitalismus und der Herausbildung absolutistisch regierter Staaten und des Merkantilismus entstand das Bedürfnis nach gesamtgesellschaftlichen Statistiken zur Steuerung der Bevölkerungs- und Handelspolitik. Die Herkunft des Wortes vom lateinischen statisticum (»den Staat betreffend«) verweist bereits auf die politische Funktion der Wissenschaft, die im allgemeinen dazu diente, die stark wachsende Datenbasis der komplexen Warenwirtschaft handhabbar und verstehbar zu machen. In der weiteren Entwicklung des Kapitalismus und Imperialismus konnte sich das progressive Potential der Statistik aber nicht voll entfalten, da die allgegenwärtige Konkurrenz dafür sorgt, dass Konzerne (und Staaten) ihre intern erhobenen Daten zumeist als Betriebsgeheimnis hüten. Erst eine Planwirtschaft mit vollem Zugang zu den Daten hat die Möglichkeit, das gesellschaftliche Potential der Statistik auszuschöpfen. Die »innere Notwendigkeit der scheinbaren Zufälle des sozialen Lebens« aufzudecken, hat Karl Marx in einem Lob auf den Begründer der modernen Sozialstatistik Adolphe Quetelet (1796–1874) eine Aufgabe der Statistik genannt. Er fügte jedoch hinzu: »Aber die Interpretation dieser Notwendigkeit ist ihm nie gelungen.«

Denn letztlich steht und fällt jede Statistik mit ihrer Interpretation und Datenauswahl. Die Politik muss dabei – entgegen dem Sprichwort »Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast« – nur selten auf gezielte Fälschungen zurückgreifen. Dass etwa das RKI nur eindeutig von Laboren bestätigte Fälle berücksichtigt, zeigt, die entsprechenden Statistiken können nur die Spitze des Eisbergs der tatsächlich Infizierten erfassen. So kann die Politik durch das jeweilige Ausmaß an Tests, für das sie selbst verantwortlich ist, auch die Ergebnisse der Statistiken steuern. Und solange bürgerliche Politiker und kapitalistische Staaten in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, bleibt das Interesse an einseitig interpretierten und falsch kommunizierten Statistiken erhalten. Dies ist jedoch nicht dem rationalen Kern dieser Wissenschaft anzulasten.

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