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Aus: Ausgabe vom 06.04.2020, Seite 4 / Inland
Folgen der Coronakrise

Drogenhilfe in Gefahr

Hamburg: Coronakrise hat Bedingungen für oftmals obdachlose Abhängige verschärft. Eine Hilfseinrichtung hält dagegen
Von Kristian Stemmler
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Die Anspannung ist spürbar: Am Freitag vor der Drogenhilfeeinrichtung »Abrigado« in Hamburg

Von eineinhalb Metern Abstand kann im Hof vor dem »Abrigado« keine Rede sein. In kleinen Gruppen stehen etwa 20 Menschen vor dem Eingang der Drogenhilfeeinrichtung im Hamburger Stadtteil Harburg zusammen, warten auf Einlass. Abrigado kommt aus dem Spanischen und kann auch mit "Schutzhütte" übersetzt werden. Der Name ist in diesen Tagen noch mehr Programm als sonst. In einer Zeit, in der viele soziale Einrichtungen wegen der Coronapandemie schließen oder ihr Angebot herunterfahren, sind Drogensüchtige hier nach wie vor willkommen, finden Ansprechpartner und Hilfe.

Für die Besucher des »Abrigado« haben die momentan geltenden Hygieneregeln zur Verhinderung einer Infektion mit dem neuartigen Virus – also Abstand halten und regelmäßig Hände waschen – im täglichen Überlebenskampf keine Priorität. Ihr Alltag ist geprägt von der Beschaffung der Droge, von der ständigen Sorge, wo sie das Geld dafür herkriegen und die nächste Nacht verbringen sollen. »Etwa 30 bis 40 Prozent unserer Nutzer sind obdachlos«, erklärte Urs Köthner, Geschäftsführer von Freiraum Hamburg e. V., dem Träger der Einrichtung, am Freitag im Gespräch mit jW.

Vor allem für diese Gruppe hat die Coronakrise die Bedingungen noch einmal erheblich verschärft. Um eine Verbreitung des Virus zu verhindern, haben viele Anlaufstellen geschlossen oder auf Notbetrieb umgestellt. So gibt die große Hilfseinrichtung »Alimaus« am Ausgang der Reeperbahn nur noch Lunchpakete aus, ähnliches gilt für die Tagesaufenthaltsstätte »Herz As« in der City. Auch beim »Cafée mit Herz« auf St. Pauli ist derzeit kein Aufenthalt möglich, Verpflegung wird vor der Tür verteilt. Das Straßenmagazin Hinz & Kunzt, das viele Obdachlose auf der Straße anbieten, um sich etwas hinzuzuverdienen, musste vor kurzem den Verkauf einstellen.

Das »Abrigado« im Süden der Stadt – eine Kontakt- und Beratungsstelle mit integriertem Konsumraum – hat seine Tore weiterhin geöffnet. Hier bekommen die Abhängigen ein warmes Essen, können duschen, Wäsche waschen und die mitgebrachten Drogen in hygienischer Umgebung und unter Aufsicht konsumieren. »Unsere Klienten sind sehr froh, dass wir noch offen haben«, sagte Urs Köthner. »Aber natürlich gelten in diesen Tagen auch bei uns Einschränkungen.«

So werden nur sechs bis sieben Nutzer gleichzeitig eingelassen. In den drei Konsumräumen mit zwölf Plätzen dürfen nur drei gleichzeitig konsumieren, also in jedem Raum ein Nutzer. Beratung findet nur noch in Notfällen statt. Alle Mitarbeiter des »Abrigado«, die Kontakt zu den Nutzern haben, tragen medizinische Atemschutzmasken. Wie in anderen Einrichtungen ist auch hier der Nachschub an Masken, an Desinfektionsmitteln und Handschuhen ein Pro­blem. Seit drei Wochen warte er auf eine von den Behörden zugesagte Lieferung. »Wenn bis Anfang nächster Woche nichts kommt, muss ich den Laden wohl dichtmachen«, so der Geschäftsführer am Freitag.

Für die Klienten der Einrichtung wäre das eine Katastrophe. Nach Köth­ners Beobachtung hat die Krise die immer schon in der Szene verbreiteten Probleme noch erheblich verschärft – vor allem die Geldbeschaffung. In nahezu leeren U- und S-Bahnen ist mit Betteln kein Geld mehr zu bekommen. Und auch das Flaschensammeln bringt nicht mehr viel ein. Dazu kommt die Sorge, dass der Nachschub an illegalisierten Drogen wegen der Krise stocken könnte.

»Der Schwarzmarkt wird zusammenbrechen«, prophezeite Urs Köth­ner. Das aber werde dazu führen, dass Drogen mehr gestreckt würden und das Risiko für die Abhängigen noch größer werde. Auch die Preise würden vermutlich anziehen. Noch könne keiner sagen, welche Auswirkungen all das in der Szene haben werde, erklärte der Drogenexperte. Er befürchte, dass es zu mehr Gewalt komme, dass Suizide und Depressionen zunähmen. In der Krise gebe es aber auch positive Nachrichten. So registriere er eine große Hilfsbereitschaft, betont Köthner. Die Hamburger Tafel habe Lunchpakete geliefert, ein Caterer etliche Pizzen und Baguettes.

Wie die Fraktion von Die Linke in der Bürgerschaft und Verantwortliche der Obdachlosenhilfe plädiert auch der Geschäftsführer des »Abrigado« dafür, Hotels und Jugendherbergen für Obdachlose zu öffnen. »Die stehen doch alle leer, und in anderen Städten klappt das schließlich auch«, sagte er. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) lehnte eine solche Maßnahme als »flächendeckendes Modell« im Hamburger Abendblatt am vergangenen Mittwoch aber ab. Obdachlose und Süchtige müssten in den Hotels betreut werden; das sei mit dem vorhandenen Personal nicht zu leisten, beschied sie.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), der vor seiner politischen Laufbahn als Labormediziner tätig war, hatte Mitte März mit der Äußerung Aufsehen erregt, es sei grundsätzlich sinnvoll, dass möglichst viele Menschen mit dem Coronavirus in Kontakt kämen. Wichtigste Maßnahme sei, »dass wir unseren Immunsystemen« die »Gelegenheit geben, sich gegen das Virus aufzustellen«, sagte er. Angesichts der Lebensumstände der Klienten des »Abrigado« wirkt das zynisch. Wenn es unter den ohnehin geschwächten Obdachlosen und Süchtigen zu einer Infektion mit dem Coronavirus komme, werde das katastrophale Folgen haben, warnte Köthner: »Dann ist Holland in Not«.

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