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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Lunte am Fundament

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: »Lunte am Fundament«
Der Schwarze Kanal: »Lunte am Fundament«
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Mit ganzseitigen Anzeigen in FAZ und Bild etc. sagt Adidas am Donnerstag Entschuldigung. Wörtlich: »Die Entscheidung, von Vermieter_innen unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden.« Das Empfinden der Adidas-Kunden ist demnach das Problem, nicht die Mietstornierung. Der Jogginghosen- und Turnschuhkonzern tut nämlich weltweit nur Gutes in der Coronapandemie, zählt der Anzeigentext auf, einschließlich Unterstrich für die Frauenemanzipation. Die überempfindlichen Kunden sollten Entschuldigung sagen.

Gutes tun und drüber reden, das ist die Devise. Das meint auch Bernd Freytag am Sonnabend in der FAZ: »In Zeiten des Kampfes gegen das Coronavirus steht die Mehrzahl der oft verdammten Konzerne nicht mehr für Einfluss oder Lobbyismus, sondern für zwei zwischenzeitlich fast vergessene Eigenschaften: Stabilität und Sicherheit.«

Bilde sich keiner ein, die gäbe es ohne Konzerne. Die vor 30 Jahren untergegangene DDR rumort dem Freytag derart im Oberstübchen, dass er schreibt: »Selbst in einer Gesundheitskrise, wie sie kein Lebender erinnert, sind die Supermarktregale in Deutschland immer noch voller, als sie es in der DDR je waren.« Da ist was dran. Die Zone verfügte nie über 300 oder 600 verschiedene Joghurtsorten, die zur Auffüllung mit Fett und Zucker durch ganz Westeuropa hin und her gekarrt wurden. Vermutlich hat das damit zu tun, dass der Oststaat laut Freytag offenbar nicht in Deutschland lag. Und überhaupt: Supermärkte in der DDR? Der FAZ-Autor beschönigt das Unrechtsregime. In dem wurde zugeteilt. Die sogenannten Kaufhallen waren Tarnung. Der gemeine DDR-Mensch durfte sie nicht betreten. Waren wurden aus schmalen schießschartenartigen Luken streng rationiert an die verhärmten Ostler ausgegeben, und Toilettenpapier gab es überhaupt nicht oder wenn, dann als Schleifpapier.

Nun aber ist alles gut. Freytag jubelt: »Politik und Wirtschaft Hand in Hand, vor laufenden Kameras.« Ach so, das war leicht daneben, als Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner im Sommer 2019 mit dem deutschen Nestlé-Chef in einem Filmchen auftrat. Laut Freytag »ein ungelenker Werbeauftritt einer Ministerin, erwartungsgemäß heftig attackiert aus der Internetkommune.« Endlich lüftet einer das Geheimnis: Die Kommune ist nicht weg, sondern sitzt im Internet. Aber dank Corona hat sich alles erledigt. Freytag schreibt: »Heute interessiert diese Debatte niemanden mehr. Ein Luxusproblem, die Welt hat andere Sorgen. ›Ohne Konservierungsmittel‹ hat seinen Reiz verloren. Alle hoffen, dass die Konservierungsmittel ihren Dienst tun.«

In dem Klöckner-Werbespot für Nestlé spielen Konservierungsstoffe zwar keine Rolle, aber egal. Laut Ministerin ging es vielmehr um die »Philosophie von Nestlé«, genauer um Zucker, Salz und Fett. Die müssen dank ihres Bemühens in der Bundesrepublik auf den Verpackungen von Nahrungsmitteln nicht so deklariert werden, dass auf den ersten Blick klar ist: Es gibt mal wieder den üblichen Industriedreck. Das freut die Vergiftungskonzerne der Welt. Sie reduzieren »freiwillig«.

Nur Adidas tanzt aus der Reihe. Freytag schreibt »Tabubruch«. Aber das ändert nichts am Gesamtbild: »Politik und Bürger in Deutschland machen bisher in dieser Krise die Erfahrung, dass sie auf ›ihre‹ Konzerne zählen können.« Daher: »Allen Aufrührern, die diese Gesellschaft grundstürzend ändern wollen, die das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft verachten und immer wieder Lunte an das Fundament dieser Gesellschaft legen, sei gesagt: Wir können uns glücklich schätzen, dass sie ist, wie sie ist.« Es lebe Nestlé, es leben die Luxusprobleme, es lebe der deutsche Untertan. Die Kommune kann einpacken.

Endlich lüftet einer das Geheimnis: Die Kommune ist nicht weg, sondern sitzt im Internet.

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