Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. Juni 2020, Nr. 130
Die junge Welt wird von 2301 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Arbeiterbewegung

Subjektive Momente

Vor 100 Jahren wurde die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands gegründet
Von Leo Schwarz
online 15.jpg
Weg mit der »demokratischen Kulisse«: Plakat von KAPD und AAU

Nach dem Heidelberger Parteitag der KPD im Oktober 1919 (siehe jW-Thema vom 23.10.2019) verhandelte die Parteiführung noch einige Monate mit den oppositionellen Bezirken, die sich nicht auf den Boden der dort gebilligten »Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik« stellen mochten, die für die Mitglieder die Teilnahme an Wahlen und die Mitarbeit in den reformistischen Gewerkschaften verbindlich gemacht hatten.

Zu einer Einigung kam es nicht. Die Bezirke Nordwest, Nord, Niedersachsen, Groß-Berlin und Ostsachsen, die sich offen gegen die Leitsätze gestellt hatten, wurden vom Zentralausschuss Anfang Februar 1920 von der Teilnahme am (dritten) Parteitag, der einige Wochen später in Karlsruhe und Durlach stattfand, ausgeschlossen. Die Mitglieder in diesen Bezirken, die die »Leitsätze« akzeptierten, wurden aufgefordert, die fraglichen Parteibezirke neu zu gründen und Delegierte zum Parteitag zu entsenden. Damit war die Spaltung vollzogen.

Neue Partei

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die oppositionellen Bezirke schon lose verbunden. Seit November 1919 arbeitete in Bremen eine »Informationsstelle«, die deren Verständigung koordinierte. Allerdings liefen diese Bestrebungen noch nicht auf die Gründung einer neuen Partei hinaus. Gerade die Bremer bemühten sich intensiv darum, einen Kompromiss zu finden und die dauerhafte Abspaltung der Opposition zu vermeiden (der in Karlsruhe ebenfalls ausgeschlossene Parteibezirk Nordwest kehrte bereits im März 1920 zur KPD zurück und löste auch die »Informationsstelle« auf).

Erst als die Zentrale der KPD einige Tage nach dem Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches einer eventuellen, von SPD, USPD und Gewerkschaften gebildeten »sozialistischen Regierung« öffentlich eine »loyale Opposition« zusicherte und das damit begründete, dass die »objektiven Grundlagen für die proletarische Diktatur im gegenwärtigen Moment nicht gegeben sind«, ergab sich eine Mehrheit für den Zusammenschluss in einer neuen Partei. Die Initiative dazu ging in erster Linie von einer Berliner Funktionärsgruppe um Fritz Rasch, Karl Schröder, Alexander Schwab, Friedrich Wendel und Arthur Goldstein aus.

Die Gründung der Organisation, die sich Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) nannte, erfolgte am Osterwochenende 1920. »24 auswärtige und elf Berliner Delegierte«, heißt es im Bericht über den Gründungsparteitag, traten am 4. April in Berlin zusammen. Sie erklärten, rund 38.000 ehemalige KPD-Mitglieder zu vertreten. Einstimmig bekannten sich die Delegierten zur Kommunistischen Internationale (das Referat dazu hielt der Schriftsteller Franz Jung). Der Parteitag spitzte die Frage »Parlamentarismus oder Antiparlamentarismus« auf die programmatische Gegenüberstellung »Sozialreform oder Revolution« zu (»Parlamentarismus ist gleichbedeutend mit Konterrevolution«). Die Arbeiter wurden aufgerufen, aus den Gewerkschaften aus und in die »revolutionäre« Betriebsorganisation der KAPD (die Allgemeine Arbeiter-Union, AAU) einzutreten.

Die feindselige Polemik gegen den »Spartakusbund«, als der die KPD in den Verhandlungen fast durchweg bezeichnet wurde, war eines von mehreren Indizien dafür, dass in Berlin Leute das Wort führten, die vor 1918 keine engere Beziehung zur organisierten linken Opposition in der SPD bzw. der USPD hatten. Das Verdikt der DDR-Geschichtswissenschaft, die KAPD habe vor allem die »Auffassungen kleinbürgerlicher, in die revolutionäre Bewegung eingedrungener Intellektueller« ausgedrückt, trifft so pauschal nicht zu – es gab für diese Politik zwischen 1919 und 1921 unzweifelhaft eine Massenbasis auf dem linken Flügel der Arbeiterbewegung. Die Einschätzung ist aber in der Tendenz nicht falsch. Jung etwa war 1914 Kriegsfreiwilliger gewesen und hatte bis 1918 keinerlei Verbindung zur organisierten Arbeiterbewegung. Adolf Dethmann, immerhin – sieht man von dem Niederländer Anton Pannekoek und seinem Landsmann Herman Gorter ab – so etwas wie der theoretische Kopf der Partei, war ein bürgerlicher Akademiker, der sich wie Jung 1914 freiwillig gemeldet hatte und erst 1918 als Bürogehilfe der Kaiserlichen Werft in Kiel mit der Arbeiterbewegung in Kontakt gekommen war.

Kennzeichnend für die Politik der KAPD war ein wenig verhüllter Voluntarismus. In ihrem Parteiprogramm hieß es: »Die subjektiven Momente spielen in der deutschen Revolution eine entscheidende Rolle. Das Problem der deutschen Revolution ist das Problem der Selbstbewusstseinsentwicklung des deutschen Proletariats«. Der politische Ansatz der Partei, an die man später das alberne und ahistorische, für die Denunziation des »Parteikommunismus« allerdings ziemlich nützliche Etikett »rätekommunistisch« gepappt hat, unterschied sich also in der Hauptsache in einem einzigen Punkt grundsätzlich von dem der Mehrheit der Führungsgruppe der KPD: Während diese die revolutionäre Krise im Herbst 1919 als »objektiv« (wenn auch vorläufig) beendet ansah und tastend versuchte, einen politischen Modus für eine kommunistische Partei in einer stabilisierten bürgerlichen Republik zu finden, ging die »linke« Richtung von der Auffassung aus, dass man weiterhin mitten in einer Phase unmittelbar revolutionärer Kämpfe stehe und es demnach »nur« darauf ankomme, die Mehrheit der Arbeiterklasse »subjektiv« darauf einzustellen.

Traf das zu, dann war auch der »rücksichtslose Bruch mit jeder Art parlamentarisch-gewerkschaftlicher Methode«, wie es 1921 in der KAPD-Monatsschrift Proletarier hieß, die richtige Taktik. Die Idee, dass Kommunisten in den Parlamenten und in den Gewerkschaften für die »alltäglichen«, also an die Existenz der bürgerlichen Gesellschaft gebundenen Interessen der Arbeiter kämpften, musste da als absurd erscheinen.

Aktivität der Massen

Zu dieser abweichenden Beurteilung der politischen Lage, die die tiefere Ursache der Parteispaltung von 1919/20 war, trat allerdings bald schon eine theoretisch ausformulierte Ablehnung des »Parlamentarismus«. Sie wurde vor allem von Pannekoek, der schon vor 1914 in den innerparteilichen Debatten der SPD hervorgetreten war, vorgetragen. In einer 1909 im Auftrag der Hamburger SPD veröffentlichten, ihrer gedanklichen Klarheit wegen noch heute lesenswerten Schrift (»Die taktischen Differenzen in der Arbeiterbewegung«) hatte er bereits die Einsicht formuliert, dass der Parlamentarismus »die normale Form der politischen Herrschaft der Bourgeoisie« sei. Und er hatte die Vorstellung zurückgewiesen, »mittels des Wahlzettels die politische Macht erobern zu können«. Allerdings hatte er hier den »parlamentarischen Kampf«, eines der »wirksamsten Aufklärungsmittel für die Arbeiterklasse«, noch nicht grundsätzlich verworfen.

Zwischen 1917 und 1919 änderte Pannekoek seinen Standpunkt. Er lehnte nun den »Parlamentarismus« der Arbeiterparteien grundsätzlich ab. Dieser festige den Glauben der Arbeiter, die »Führer« würden sie in den Parlamenten vertreten und dort »den wesentlichen Kampf für sie führen«. Das führe zur Passivität, die unabdingbare Aktivität der Massen werde gehemmt. Und am Ende würden unausweichlich auch die »Führer« im Parlament »verdorben« und korrumpiert.

Die KAPD selbst hat bewiesen, wie elementar die Verbindung mit einer Massenbewegung für die Lebensfähigkeit einer revolutionären Partei ist. Sie »sank sehr schnell zusammen« (Paul Frölich), als ihre Arbeiterbasis den Glauben an die unmittelbare Nähe der Revolution verlor und binnen weniger Monate wegbrach. Im Herbst 1921 löste sich die rein syndikalistische Tendenz von der Partei und bildete die Allgemeine Arbeiter-Union – Einheitsorganisation (AAUE). Die KAPD zerfiel in eine »Essener«, eine »Berliner« und eine »Leipziger« Richtung. War die Partei 1920/21 ein politischer Faktor gewesen, so war sie schon 1923, als die Revolution noch einmal eine Möglichkeit zu sein schien, nur noch eine Sekte, die mit der tatsächlichen Bewegung nichts mehr zu tun hatte. Versuche der Partei, die nach 1925 aus der KPD ausgetretenen oder ausgeschlossenen »linken« Oppositionsgruppen zu integrieren, scheiterten fast durchweg (oder führten zu neuen Spaltungen). 1927 hatten KAPD und AAU nach einer Schätzung der preußischen Politischen Polizei zusammen nur noch rund 2.000 Mitglieder; bis 1933 waren sie nahezu verschwunden.

Auffällig ist, dass viele KAPD-Wortführer im Laufe der 1920er Jahre in der SPD landeten oder ihre politische Arbeit überhaupt einstellten. Einige machten wunderliche Karrieren: Dethmann brachte es zum Direktor bei Junkers, Wendel leitete ab 1924 die gemütliche sozialdemokratische Buchgemeinschaft »Der Bücherkreis« und avancierte 1927 zum Chefredakteur des SPD-Satireblatts Der wahre Jacob (beim »Bücherkreis« löste ihn Schröder ab).

Die Probleme, die die KAPD theoretisch und politisch aufwarf, werden jedoch sehr verkannt, wenn sie als Schrullen einiger Intellektueller, die nur kurz in der Arbeiterbewegung zu Gast waren, abgetan werden. Insbesondere die Frage, ob und – falls ja – wie kommunistische Parteien in einem stabilen bürgerlich-parlamentarischen System eine demokratische und soziale »Reformpolitik« betreiben können, ohne sich dabei unter der Hand integrieren und »sozialdemokratisieren« zu lassen – in dieser Sackgasse endeten im 20. Jahrhundert nahezu alle kommunistischen Parteien in Westeuropa –, ist bis heute nicht beantwortet.

Debatte

  • Beitrag von Alexander K. aus L. ( 4. April 2020 um 00:41 Uhr)
    Es ist verdienstvoll, an die Gründung der KAPD zu erinnern. Was betont werden muss, ist, dass der Rauswurf des linken Flügels aus der KPD auf rein bürokratischem Weg erfolgte, der nichts mit Arbeiterinnen- und Arbeiterdemokratie zu tun hatte. Die KAPD vertrat einen großen Teil der proletarischen Basis der KPD. Sie war in der ersten Zeit auch die zahlenmäßig größere Partei. Es darf auch nicht vergessen werden, dass Lenin im Unterschied zur Führung der »gesäuberten« KPD um diese Genossinnen und Genossen gekämpft hat. Auch den »Linken Radikalismus« hat er wesentlich geschrieben, um sie zu überzeugen. Nicht, um sie wegzustoßen. Er war es, der sich dafür eingesetzt hat, übergangsweise die KAPD neben der KPD in die Kommunistische Internationale aufzunehmen. Gegen den Willen der KPD. Und ebenfalls möchte ich daran erinnern, dass der »Säuberer« Levi schließlich selbst ausgeschlossen wurde, weil er 1921 nach den Märzkämpfen verfolgten Genossinnen und Genossen in den Rücken gefallen ist.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann: Massen mobilisieren Die Frage, die Leo Schwarz aufwirft, ob und, falls ja, wie kommunistische Parteien in einem stabilen bürgerlich-parlamentarischen System eine demokratische und soziale »Reformpolitik« betreiben können...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche:

  • Vor den Schüssen: Teilnehmer der Kundgebung am 13. Januar 1920 v...
    11.01.2020

    Tote im Haus

    Massaker vor dem Reichstag: Vor 100 Jahren wurde die Massenbewegung gegen das Betriebsrätegesetz zerschlagen
  • »Was war das für ein Mensch? Was wollte er bei uns?« fragte sich...
    23.10.2019

    Auf den Misthaufen steigen

    Parlamentarismus und Gewerkschaften: Vor 100 Jahren stellte der Heidelberger Parteitag die Weichen für die Spaltung der KPD
  • »Hoch der Massenstreik!« Adolph Hoffmann vom linken Flügel der U...
    27.01.2018

    Unheimlich still

    Januarstreik. Vor 100 Jahren begann der bis dahin größte politische Ausstand der deutschen Geschichte

Regio: