Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Zynische Empfehlung

Zu jW vom 28./29.3.: »Totale Mobilmachung«

Sind der jW die Themen ausgegangen, dass man es für nötig befindet, Ernst Jünger zwei ganze Seiten zu widmen? Was diesen Schriftsteller und seine Werke charakterisiert, ist in wenigen Sätzen zu sagen: Er war begeisterter Militarist, der den Krieg und den Heldentod verherrlichte. Sein Gesellschaftsmodell war geprägt von Führer und Gefolgschaft, Befehl und Gehorsam. Deshalb hatte er nichts übrig für demokratische Bestrebungen, also auch nicht für die Weimarer Republik. Seine nationalistische Position entsprach durchaus den Ansichten der Nazis, die ihm nicht radikal genug waren. Antisemitismus störte ihn nicht. Schon allein diese paar Punkte sprechen meines Erachtens dagegen, ihm so viel Raum zu geben. Der Autor des Artikels, Kai Köhler, geht aber noch weiter, indem er Jüngers »Arbeiter«-Essay als »lesenswert« empfiehlt und sogar noch einen Vergleich zur heutigen Situation mit dem Coronavirus zieht. Er meint, dass Jüngers Analysen zum jetzigen Zeitpunkt auf »größere Zustimmung« stoßen würden. Seine Ausführungen dazu kann ich nur als fragwürdig, wenn nicht zynisch bezeichnen. Nach diesem irritierenden Abstecher in die Gegenwart schreibt der Autor, dass Jünger mit 37 Jahren sein »Meisterwerk« abgeliefert habe, auf das in den mehr als 60 Jahren danach nichts »Gleichwertiges« mehr gefolgt sei. Ob Köhler das bedauert? (…)

Dr. Irene Wagner, per E-Mail

Zweierlei Solidarität

Zu jW vom 28./29.3.: »Jeder stirbt für sich allein«

Die rasche Ausbreitung der Coronapandemie kann man in allen Medien nahezu in Echtzeit verfolgen. Kanzlerin, Bundespräsident und weitere Politiker verweisen auf die bestehende Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft. Solidarität, eigentlich ein Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens insgesamt. Doch wie wird sie unter »Coronabedingungen« tatsächlich praktiziert? Deutschland nimmt einige Coronainfizierte aus anderen Staaten auf – weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Von möglichen einheitlichen und solidarischen Aktivitäten der EU zur Bewältigung der Krise ganz zu schweigen. Russland, China und vor allem Kuba zeigen hingegen nicht unerhebliche Aktivitäten zur Unterstützung der betroffenen Bevölkerungen (…). Besonders das sozialistische Kuba ist nicht nur in Italien, sondern in einer ganzen Anzahl weiterer Länder mit Ärzten gegen »Corona« im Einsatz, und das unter den Bedingungen eines allumfassenden, seit Jahrzehnten andauernden Wirtschaftsembargos der USA gegen dieses kleine Land. In den deutschen Medien finden diese Beispiele kaum Beachtung. »Exportbeschränkungen der deutschen Wirtschaft wirken sich nachteilig auf die Virusbekämpfung aus«, konnte ich kürzlich lesen. Warum schreibt man nicht von »Sanktionen« gegen Syrien, den Iran und andere »missliebige Länder«, die nicht nur deren Gesundheitssysteme, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche destabilisieren und in unverantwortlicher Weise auch zur weiteren Ausbreitung des Virus beitragen? Bei den Sanktionen der NATO-Staaten gegen andere Länder ist Deutschland in vorderster Reihe zu finden. Gewachsene Handelsbeziehungen wurden willkürlich unterbrochen mit dem Ziel der Sicherung der Macht einzelner und der Macht des Kapitals. Menschen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Ist das die von deutschen Politikern vielbeschworene Solidarität?

Dietmar Hänel, Flöha

Dank an die Helfer

Zu jW vom 28./29.3.: »Jeder stirbt für sich allein«

Ich möchte den Politikern und den »demokratischen, freien« Medien in Italien, in Deutschland und der EU versichern, dass die ärztliche Hilfe, die von den »bösen« Ländern Russland, China, Kuba etc. geleistet wird, uns nicht unserer Freiheit berauben wird. Unsere Freiheit ist seit langem durch USA und NATO in Frage gestellt. In Italien haben sie Dutzende Stützpunkte, und wir haben mehr als 60.000 US-Militärs in diesen Basen. Ich will dem gesamten medizinischen und Pflegepersonal danken, das an vorderster Front im Kampf gegen das Coronavirus steht. Viele Beteiligte sind schon gestorben.

Alvaro Pascoli, Italien

Was wichtig ist

Zu jW vom 2.4.: »EU in der Krise«

(…) Auf dem Höhepunkt der »Coronakrise« müssen möglicherweise, so wie es in unseren Nachbarländern bereits geschieht, Menschen »triagiert« werden. Das bedeutet, dass sie zum Tod durch unterlassene oder eingestellte Hilfeleistung verurteilt werden. Verurteilt wegen eines ohnmächtigen Gesundheitssystems, das unter der Maxime von Wettbewerb und Gewinnoptimierung bereits vor der Krise an die Grenze seiner Belastbarkeit gebracht worden war. In diesen Zeiten, in denen es um das Ganze, um das Überleben geht, sind Kooperation und Solidarität gefragt. Wettbewerb und Profitmaximierung sind kontraproduktiv. Wenn eine Atemmaske auf dem freien Markt mittlerweile über 13 Euro kostet (vor »Corona« waren es wenige Cent), dann ist dies nichts weiter als die Umwandlung krimineller Energie in maximal gewinnbringende Geschäftstätigkeit. Solch todbringende Marktmechanismen gibt es schon lange. Denken wir etwa an die Geschäfte der Börsen, die Rüstungsindustrie, die industrielle Nahrungsmittelproduktion, die millionenfachen Tod in fernen Ländern verursachen. Aber da war und ist uns der Tod eben nicht so nah. Nutzen wir die virusbedingt reichlich vorhandene Zeit zum Blick in die Zukunft. Machen wir endlich Schluss mit neoliberalem Wahnsinn, mit ungezügeltem Wachstum und Wohlstand. Besinnen wir uns auf das, was wir zu einem guten Leben und (auch weltweitem) Überleben unbedingt brauchen. Zur Zeit staunen wir über das unglaubliche Blau des Himmels und können den Frühling riechen, weil die Luft wieder rein ist. Tagtäglich erleben wir die ermutigende Wiederkehr von Empathie und Solidarität. Und in dieser Zeit der offenen Fragen wissen wir mittlerweile sicher, dass diejenigen, die wirklich (…) systemrelevant sind, ganz überwiegend unterbezahlt und Frauen sind.

Helmut Malmes, Stolberg-Schevenhütte

Nutzen wir die Zeit zum Blick in die Zukunft. Machen wir endlich Schluss mit neoliberalem Wahnsinn. Besinnen wir uns auf das, was wir zum Leben und Überleben unbedingt brauchen.