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Aus: Ausgabe vom 01.04.2020, Seite 10 / Feuilleton
Sprachpolitik

Ameise am Nordwest-Arm

Jedes Yakamoz ist anders: Kübra Gümüsay will eine Sprache ohne Ein- und Unterordnung
Von Peter Köhler
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»Wie stark dieser Yakamoz leuchtet!« Fremdwörter bereichern den Wortschatz - und schärfen die Wahrnehmung

Es ist ein großer Titel für ein kleines Buch. Die 1988 in Hamburg geborene Kübra Gümüsay stellt sich mit »Sprache und Sein« in die Nähe von Heideggers »Sein und Zeit« und Sartres »Das Sein und das Nichts«, doch um es vorwegzunehmen: Sie ist nicht der Zwerg auf der Schulter von Riesen, sondern steht auf eigenen Füßen – und treibt auch so Sprachphilosophie und Sprachpolitik auf hohem Niveau.

Dass es nicht das Auge ist, sondern die Sprache, die sehen macht, erfuhr Gümüsay schon als Kind. Zu Besuch in der Türkei, machte ihre Großmutter, mit der sie eines Nachts am Meer saß, darauf aufmerksam, »wie stark dieser Yakamoz leuchtet!« Das Kind schaute, aber erkannte nichts – sondern erst, als die Großmutter erklärte, dass »Yakamoz« den Widerschein des Mondes auf dem Wasser bezeichnet.

Das Wort steuert die Wahrnehmung und macht sie bewusst – etwa das durch die Blätter eines Baumes schimmernde Sonnenlicht: »Komorebi« nennen es die Japaner. Araber bringen die Menge Wasser, die man mit einer Hand schöpfen kann, auf den Begriff: »Gurfa«. Und jedem ist es schon passiert, nach dem Weg zu fragen und die Beschreibung gleich zu vergessen: »Akihi« sagen Hawaiianer dazu.

Praktisch gesehen, ist Gümüsays Buch ein Plädoyer für Offenheit anderen Sprachen gegenüber, was im Detail heißt: für Fremdwörter, weil sie den Wortschatz bereichern und die Wahrnehmung schärfen. Ins Allgemeine gewendet, zeugt die Vielfalt der Idiome vom Reichtum des menschlichen Geistes, der sich über die Sprache einen je originellen Zugang zur Welt schafft: Gümüsay zitiert Wilhelm von Humboldt, dem zufolge sich in jeder »eine eigenthümliche Weltsicht« ausdrückt.

Es gibt Völker, die keine Farbwörter haben oder keine Vergangenheitsformen; die weder links noch rechts kennen, sondern die Himmelsrichtung zugrunde legen: »Da ist eine Ameise an deinem Nordwest-Arm!« sagen die australischen Thaayorre. Es gibt Sprachen ohne Kasus, solche ohne Genus und welche, die ohne geschlechtsspezifische Pronomen und Suffixe auskommen – im Unterschied zum Deutschen und seinen Tücken.

Damit geht die Sprachphilosophie in die Sprachpolitik über. Wörter machen etwas sichtbar, können aber auch unsichtbar machen. Das gilt für das Problem, wie die Geschlechter im Deutschen angemessen zu repräsentieren sind; doch eine gerechte Sprache muss viel mehr leisten. Stein des Anstoßes für die Schleier tragende Politikwissenschaftlerin und Journalistin Gümüsay ist auch weniger die Genus/Sexus-Frage als die Erfahrung, aufgrund ihres Äußeren nicht als Individuum gesehen, sondern plump als »Muslimin« eingeordnet und auf die Rolle als Repräsentantin des Islam oder Anwältin von Migrationsbewegungen reduziert zu werden.

Nun hat Gümüsay ihren Teil dazu beigetragen, indem sie insbesondere als Talkshowgast die Klischees bedient hat. Doch das Problem geht weit über die persönliche Betroffenheit hinaus. Gümüsay wünscht sich eine Sprache, die die Menschen grundsätzlich nicht auf Kategorien reduziert und den einzelnen nicht nach seiner Gruppenzugehörigkeit beurteilt, ihn nicht in der Masse zum Verschwinden bringt, sondern in seiner Einzigartigkeit wahrnimmt – was zugleich bedeutet, dass es eine herrschaftsfreie Sprache sein muss, die nicht nur ohne Einordnung, sondern auch ohne Unterordnung auskommt.

Dafür gibt es gute Argumente – und große Hindernisse. Zum einen liegt es im Wesen der Sprache, dass sie vom Einzelfall absieht. Jedes Wort, jeder Begriff, jede Kategorie abstrahiert vom Konkreten und geht aufs Allgemeine. Ein Tisch ist ein Ding mit zumeist vier Beinen und einer Platte, aber wie er genau aussieht, sagt das Wort nicht. Auch jedes »Yakamoz« ist anders und doch ein »Yakamoz«.

Ebenso jede Muslimin. Man braucht Begriffe, um sich in der Welt zurechtzufinden; etwa in der Politik. Um hinlänglich auszudrücken, was Björn Höcke für einer ist, muss man nicht lange herumeiern, es genügt das Wort »Faschist«. Was er sonst noch ist, vielleicht ein guter Familienvater, ist für die Politik gleichgültig.

Kategorien sind notwendig. Die Krux sind nicht sie, sondern die Vorurteile, die sich mit ihnen verbinden können: Vermutlich hätte Gümüsay wenig daran auszusetzen, als Muslimin einsortiert zu werden, wenn das Wort hierzulande nicht missliche Klischees, auf Voreingenommenheit beruhende Einstellungen bediente. Sie selbst macht deutlich, dass sie als religiös wahrgenommen, ja wertgeschätzt werden möchte. Aber für letzteres spricht nichts als der Glaube, Religion sei etwas besonders Edles und Richtiges; in der Tat lässt Gümüsay nach all ihren Mühen um die Gleichberechtigung aller paradoxerweise durchscheinen, dass sie Gläubige für bessere Menschen hält. Das kann man anders sehen; mit mehr als Toleranz kann Religion in einer aufgeklärten Gesellschaft jedenfalls nicht rechnen.

Soviel zum einen. Zum anderen liegt es auf der Hand, dass Kommunikation ohne Herrschaft, ohne Ausübung von Macht nur möglich ist, wenn die realen Verhältnisse so sind. Wie sagt man im Norden? Denn man tau!

Kübra Gümüsay: Sprache und Sein. Hanser Berlin, München 2020, 207 Seiten, 18 Euro

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