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Aus: Ausgabe vom 01.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Der Knüller

Vom Alltag in der roten Zone in Rom
Von Peter Wawerzinek
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Jetzt sind es wirklich schon drei Wochen, die wir hier in der Villa eingesperrt sind. Der Praktikant wird bis zuletzt nichts von Rom gesehen haben. Meine Tochter ist zum Glück vorher in die Schweizer Berge aufgebrochen und bei einer Almbauernfamilie untergekommen. Sie hält die Ziegen für autarke, kluge Tiere.

Wir halten es hier mit dem nötigen Abstand zueinander miteinander gut aus und uns, so gut es geht, bei Laune. Oft genug erreichen uns neue Dekrete. Es geht dabei meist um Angaben auf unseren Ausgangsformularen, um Präzisierungen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir wollen. Zwei Neuheiten werden heute besprochen. Um uns besser vor Ansteckung zu schützen, wird der Einkauf ab sofort von nur noch einer Person getätigt. Bestellisten gehen um. Wir sollen fein unsere Striche hinter Eier, Brot und sonstwas setzen. Allgemeine Zustimmung.

Knüller des Tages aber ist der Bescheid, dass wir die Studios, unsere Aufenthaltsorte, tauschen werden. Immer die niedrigste Nummer tauscht mit der höchsten. Weil die Studios mit den Nummern eins, sieben und zehn momentan so traurig leer stehen, heißt das im Konkreten: Zwei tauscht mit neun, drei mit acht, fünf mit vier. Für Andrea und mich bedeutet dies den Tausch mit dem Künstlerduo »Famed us«. In den Studios bleibt alles wie es ist und soll auch nichts verändert werden. Wir ziehen lediglich bei uns aus und woanders ein. Mitgenommen werden die persönlichen Dinge. Eine schöne Gelegenheit sich in die Umstände der anderen einzuleben, heißt es zur Begründung. Ein Novum in der Geschichte der Villa Massimo. Es soll auf drei Tage begrenzt sein. Man müsse nicht alles im einzelnen nachvollziehen, sagt die Chefin. Ziel der Aktion sei es, sich mit den körpereigenen Abwehrstoffen in andere Räume zu begeben, um die dort vorhandenen Bakterien zu bekämpfen.

Allgemeinverständlicher Aufruhr am runden Tisch im Garten. Der Praktikant sucht zu besänftigen. Es wäre doch auch eine gute Gelegenheit für alle, sich von anderer Leute Arbeit anstecken zu lassen: Schriftstellerei infiziert bildende Kunst, Malerei Komposition usw. Dann laufen alle wie aufgescheuchte Hühner auseinander: Was nimmt man nur mit, was muss man voreinander gut verstecken?

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

In der Serie Vom Alltag in der roten Zone in Rom:

Der Autor Peter Wawerzinek wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. Ein Tagebuch.

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