Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Gegründet 1947 Donnerstag, 4. Juni 2020, Nr. 128
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan«« Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Ausgabe vom 01.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Geschichte

Der ernsthafteste Schnack

Was den Menschenkörpern wirklich geschehen ist: Zur Neuausgabe von Klaus Theweleits »Männerphantasien«
Von Gerhard Henschel
Bundesarchiv_Bild_119-1983-0015,_Kapp-Putsch,_Berlin.jpg
»Nicht ins Zivilleben zurückgefunden«: Freikorpsbrigade »Ehrhardt« bei der Besetzung Berlins, März 1920

In den gut 40 Jahren, die seit ihrem Erscheinen vergangen sind, hat Klaus Theweleits Untersuchung der faschistischen »Männerphantasien« viel Kritik auf sich gezogen: Er reproduziere darin klischeehafte Frauenbilder, mit seiner Einschätzung der Mutter-Kind-Symbiose sitze er einem geschlechterkonservativen Mythos auf, er habe die Täterinnen nicht in den Blick genommen, es fehle die Quellenkritik, und das ganze Werk sei unwissenschaftlich, strukturlos, verworren und irrational – kurzum: Es wäre besser ungeschrieben geblieben.

Erfreulicherweise hat Theweleit sich von solchen Einwänden nie beirren lassen. Er ist noch immer als Enfant terrible unterwegs und wildert in den Revieren der Historiker, der Psychologen, der Germanisten, der Sportwissenschaftler, der Kunsthistoriker, der Ethnologen, der Mythologen, der Kriminalisten und der Verhaltensforscher, und zuletzt hat er die Neuausgabe der »Männerphantasien« mit einem 70 Seiten langen Nachwort versehen.

In der frühen Nachkriegszeit erklärte man sich den Siegeszug und die Verbrechen der Nazis gern mit der »Dämonie« Adolf Hitlers, während für viele orthodoxe Marxisten feststand, dass der nichts weiter gewesen sei als eine Marionette des Monopolkapitals. Doch was hatte den deutschen Faschismus für Millionen Menschen so attraktiv gemacht? Weshalb hatte es Abertausende von Männern in Ekstase versetzt, sich in Marschblöcken auf dem Reichsparteitagsgelände zu formieren? Woher rührte die Begeisterung für Fahneneide, Blutschwüre und den pompösen Totenkult des Regimes, und was ging in den Tätern vor, die das »Judenblut«, wie es in einem ihrer Schlachtgesänge hieß, vom Messer spritzen ließen?

Antworten auf diese Fragen, denen zuvor kaum jemand nachgegangen war, suchte und fand Theweleit in den Selbstzeugnissen der Freikorpssoldaten, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht ins Zivilleben zurückgefunden und sich statt dessen an Gefechten im Baltikum oder an der Niederschlagung von Arbeiteraufständen beteiligt hatten. In Memoiren, Feldzugsdarstellungen und Schundromanen bekannten sie sich freimütig zu ihrer Brutalität und gaben unfreiwillig preis, was sie im Innersten bewegte und zusammenhielt. Das waren, wie Theweleit an unzähligen Beispielen nachwies, vor allem der Wunsch, einen Damm gegen die eigene, als bedrohlich und verschlingend empfundene Lebendigkeit zu errichten, und die Begierde, alles zu zerfleischen und zu töten, was dem Körperpanzer gefährlich zu werden schien: die wimmelnde, undisziplinierte Volksmasse, Separatisten, Deserteure, »Flintenweiber«, jüdische Aufwiegler, streikende Arbeiter, revolutionär gestimmte Soldatenräte oder auch die Zivilisten, die in Großstadtlokalen Shimmy und Tango tanzten, anstatt sich auf ihr Germanentum zu besinnen. In den beständig wiederkehrenden Metaphern »Brei«, »Schlamm«, »Sumpf« und »rote Flut« fanden diese Feindbilder ihren anschaulichen Ausdruck.

Demgegenüber boten die Nation, das Heer und die »nordische Rasse« als rettende »Kulturfaktoren« Schutz vor den gärenden Breien, Sümpfen und Schlämmen. Theweleit ließ sich davon zu kühnen Gedankensprüngen inspirieren: »Was sich hier vermischt, sind nicht nur die verschiedenen Geschlechter, es sind vielmehr auch die Ausscheidungen der verschiedenen Öffnungen des Unterleibes. Die von Freud beschriebene ›Kloakentheorie‹ der kleinen Kinder, nach denen es am Unterleib der Frau nur eine Öffnung gibt, die Kinder also auch durch den After geboren würden, hat sich in der Vorstellung der ›Republik‹ als dem Unterleib einer riesigen Hure vollständig erhalten. Der Dammbruch, der zur Republik führt, ist der Bruch des ›Dammes‹ zwischen Vagina und After: ein roter stinkender Sumpf; entstanden beim Versuch wahnsinnig gewordener Verbrecher aus der Unterklasse, der Mutter Deutschland ein Kind zu machen. Und was haben sie zustande gebracht? Das Land in einen Sumpf verwandelt aus Samen, Blut und Scheiße. Die Mutter ist geplatzt (die Nation ›zerrissen‹).«

Für eine normale akademische Laufbahn hatte Theweleit sich mit seinen weit ausgreifenden Assoziationen disqualifiziert, aber die »Männerphantasien« wurden ein Bestseller. Das lag sicherlich auch an den opulenten Bildbeigaben, die ihrerseits zum freien Assoziieren einluden – Fotos, Gemälde, Plakate, Reklameanzeigen, Comics, Karikaturen, Film-Stills und Cartoons –, an der ungewöhnlich offenen Erzählweise und an dem immer wieder aufblitzenden Witz, mit dem Theweleit seine Fundstellen kommentierte. So schilderte der General Paul von Lettow-Vorbeck, Jahrgang 1870, Zögling einer Kadettenanstalt, Veteran der kaiserlichen »Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika« und antirepublikanischer Putschist, in seinen Lebenserinnerungen die eigene Eheschließung: »Am 5. März fand die Trauung, wie vorgesehen, um 11 Uhr am Bett meines Vaters statt, der mit EK I von 1870 aufrecht saß, neben ihm, im Rollstuhl, meine Mutter.« Und Theweleit merkte dazu an: »Das Opfer dieser preußischen Gruselhochzeit ist die Frau.«

Treffender kann man es nicht sagen. Zuvor war allerdings von überhaupt niemandem etwas dazu gesagt worden, weil das Liebesleben der Soldaten im Allgemeinen und das Eheleben der Generäle im Besonderen für die Geschichtsschreibung keine Rolle gespielt hatten. »Was den Körpern der Menschen wirklich geschehen ist, was sie gefühlt haben, hat die Historiker bisher nicht interessiert«, schrieb Theweleit.

In seinem Nachwort zur Neuausgabe geht er darauf ein, was die islamistischen Selbstmordattentäter und die rechten Terroristen der Gegenwart innerlich mit den Freikorpssoldaten, den Schlägerbanden der SA und den Nazitodesschwadronen verbindet und was sie ihren Vorgängern voraushaben: »Das Netz macht sie global real. In Termini dieses Buchs: Das Netz ersetzt ihnen Truppe und Körperganzheit.« Auf die Gefahr hin, als Althippie verlacht zu werden, setzt er ans Ende die Bemerkung, dass der Slogan »Make Love Not War« »der ernsthafteste Schnack hinter allen Aktivitäten der 68er-Evolution« gewesen sei, und auch das ist ein wahres Wort.

Von der deutschsprachigen Literatur der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist nicht viel übriggeblieben: Eckhards Henscheids »Trilogie des laufenden Schwachsinns«, Ror Wolfs Prosaminiaturen, Walter Kempowskis autobiographische Romane, »Die Reise« von Bernward Vesper, Rolf Dieter Brinkmanns Spätwerk und Robert Gernhardts und F. W. Bernsteins Gedichte. Fast alles andere kann man vergessen, aber nicht Theweleits bahnbrechende Studie »Männerphantasien«.

Klaus Theweleit: Männerphantasien. Vollständige und um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe. Matthes & Seitz, Berlin 2019, 1.278 Seiten, 42 Euro

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. ( 1. April 2020 um 03:55 Uhr)
    »In der frühen Nachkriegszeit erklärte man sich den Siegeszug und die Verbrechen der Nazis gern mit der ›Dämonie‹ Adolf Hitlers, während für viele orthodoxe Marxisten feststand, dass der nichts weiter gewesen sei als eine Marionette des Monopolkapitals.«

    Das waren nur zwei der wohlfeilen Versuche, jeweils sich zu ent-schuldigen und v. a. einen anderen Schuldigen zu finden. So wie oft früher und heute wieder in manchen Kreisen eh für alles Übel »der Jud« schuld war, hat es sich nach der Nazizeit die Gesellschaft (also wir alle) einfach gemacht, den »Dämonen« Hitler zu konstruieren, so eine Art Mega-Einzeltäter. Oder eben die »Eliten«, das »Monopolkapital«.

    Am treffendsten scheint mir da die Ahrendtsche Deutung mit der erschreckenden Banalität des Bösen zu sein. Nicht die Einzeltäter, nicht eine kleine Gruppe »da oben«. Wir als Gesellschaft werden im Bedarfsfall gern mal gut und ggf. begeistert funktionierende Eichmännchen.
    • Beitrag von Matthias K. aus W. ( 1. April 2020 um 08:44 Uhr)
      Um zum funktionierenden Eichmännchen zu werden, bedarf es aber nicht der »Banalität des Bösen«, dafür bedarf es der entsprechenden gesellschaftlichen Situation, eines gewissen autoritären Vorlaufs und gut organisierter politischer Kräfte, die in der Lage sind, dies in ihrem Interesse und im Interesse anderer zu bündeln. Mit dieser Nebelkerze hat Ahrendt nur eine schlecht metaphysische Erklärung abgegeben. Der Banalität geht immer eine Banalisierung voraus, und die kann gesellschaftlich genau verortet werden. Dem ist die Geschichtsschreibung hüben wie drüben seit dem 70er Jahren nachgegangen.

Mehr aus: Feuilleton